Im Kino: Rafi Pitts "Soy Nero" : Unter unfreiem Himmel

Rafi Pitts schickt in „Soy Nero“ einen einwanderungswilligen Mexikaner in die Wüste. Ein nachdenklicher Film über Grenzen und deren gewaltsame Verteidigung.

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Nero (Johnny Ortiz)
Und das alles für die Staatsbürgerschaft. Nero (Johnny Ortiz) im nahöstlichen Kriegsgebiet.Foto: Neu Visionen

„DREAM Act“: So heißt ein Gesetz, das 2001, im ersten Jahr der Regierung von George W. Bush, eingeführt wurde und illegalen Einwanderern die Staatsbürgerschaft verspricht, wenn sie sich zum Dienst in der US-Armee verpflichten. Wer sich als Immigrant also den amerikanischen Traum erfüllen will, soll erst einmal seinen Patriotismus mit der Waffe in der Hand unter Beweis stellen und im „War on Terror“ sein Leben riskieren. Rafi Pitts Spielfilm „Soy Nero“, der im vergangenen Februar im Wettbewerb der Berlinale lief, beleuchtet das groteske Schicksal eines solchen Green-Card-Soldaten zwischen Einwanderungsgesetzgebung und Militärdienst.

Nero (Johnny Ortitz) ist in South Central L.A. aufgewachsen, wurde jedoch als Sohn illegaler Immigranten nach Mexiko abgeschoben. Schon mehrfach hat er versucht, über den gigantischen Grenzzaun in das Land zurückzukehren, das er als seine Heimat und seine Zukunft ansieht. In der Silvesternacht schafft er es endlich und schlägt sich zu seinem Bruder nach Los Angeles durch. Früher hat Jesus (Ian Casselberry) als Automechaniker gearbeitet, und nun residiert er in einer riesigen Villa in Beverly Hills mit eigener Bar, Pool und einer Menge ausgestopftem Großwild.

Von Beverly Hills in den Mittleren Osten

„Bist du jetzt Drogenhändler?“ fragt Nero, aber da bietet Jesus lieber ein paar Tequilas an, und schon stellt der jüngere Bruder keine weiteren Fragen mehr. Zu groß ist die Versuchung, am amerikanischen Traum teilzuhaben. Am nächsten Morgen aber zerplatzt die Illusion, und für Nero steht fest: Er meldet sich zur Armee, um endlich die US-Staatsbürgerschaft zu bekommen. Ein harter Schnitt katapultiert den Film von Beverly Hills direkt in eine Wüstenlandschaft des Mittleren Ostens. Nun ist es Nero, der in Uniform gemeinsam mit zwei anderen Soldaten und einem schweigsamen Vorgesetzten einen Kontrollpunkt bewacht, Ausweise checkt und Unbefugte an der Weiterfahrt hindert.

Es sind Grenzen und ihre gewaltsame Verteidigung, die den iranisch-britischen Regisseur Rafi Pitts („It’s Winter“, „Zeit des Zorns“) interessieren. Diesmal wird die offensichtliche, gigantische, von Helikoptern bewachte Grenzanlage zwischen Mexiko und den USA zum bleibenden Kinobild – malerisch illuminiert von einem Silvesterfeuerwerk. Oder die Grenze zwischen Arm und Reich: Sie zieht sich mitten durch das Anwesen in Beverly Hills und trennt Villenbesitzer von Dienstboten. Aber auch der Streit der beiden afroamerikanischen Soldaten über die unversöhnlichen Ost- und Westküsten-Rapper gehört dazu. Und schließlich die kulturelle Grenze zwischen Besatzern und Einheimischen im fernen Einsatzgebiet, die sich auch dadurch nicht aufweichen lässt, dass der coole GI zu arabischer Musik tanzt.

„Soy Nero“ zeigt die Unüberwindbarkeit dieser Grenzen genauso wie deren Absurdität. Wobei Pitts – bei aller Schärfe des Themas – fernab des politischen Pamphlets inszeniert. Über fast meditative Bildkompositionen vermittelt sich der Geist dieses Films, in dem das karge mexikanische Grenzgebiet, die Betontristesse kalifornischer Highways und die Wüste des Mittleren Ostens zunehmend ineinander verschwimmen. Wenn Nero nach tagelanger Flucht vor den Angreifern von der herannahenden Militärpatrouille Rettung erhofft, wird er erneut in Plastikfesseln gelegt. Wieder stimmt etwas nicht mit den Papieren, mit allen sich daraus ergebenden Gefahren – ausgehend von einem Vaterland, das ihn nicht haben will.

Eiszeit, Filmkunst 66, Hackesche Höfe, Kulturbrauerei, Tilsiter-Lichtspiele

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