Im Kino: "The Diary of a Teenage Girl" : Muttis Bestie

Erwachsen werden ohne Scheuklappen: „The Diary of a Teenage Girl“ von Marielle Heller.

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Neu in der Erwachsenenwelt: Minnie (Bel Powley)
Neu in der Erwachsenenwelt: Minnie (Bel Powley)Foto: dpa

Die Welt, wie Minnie Goetze sie sieht, ist mit einem Schlag voller körperlicher Reize: Dort kommt eine Frau mit wogenden Brüsten im Park auf die Teenagerin zu, hier schiebt sich ein runder Hintern in ihr Blickfeld. Drüben im Gras liegen spärlich bedeckte Liebespaare, die Sommerluft über ihnen vibriert. Und Minnie fühlt, dass sie dazugehört, mit ihren 15 Jahren, eine Erwachsene geworden ist. Denn Minnie hatte heute Sex, wie sie umgehend ihrem Tagebuch anvertraut, das sie auf Kassetten spricht. Ihr erster Mann ist ausgerechnet der Liebhaber ihrer Mutter.

San Francisco im Jahr 1976 ist ein spezieller Ort, um seine Kindheit hinter sich zu lassen. Hier experimentieren die Erwachsenen mit ihrer Sexualität und wähnen sich in einer rauschhaft verlängerten Adoleszenz. Niemand kann wirklich Verantwortung übernehmen, dafür ist der Konsum von Hasch, Koks, LSD und hartem Alkohol einfach zu mächtig. Helikopter-Eltern sind also nicht das Problem von Minnie. Sie lebt bei ihrer partyorientierten Mutter, die noch immer schön ist und doch Angst vorm Verlassenwerden hat (schmelzend: Kristen Wiig). Im Wohnzimmer lungert ihr Liebhaber Monroe rum, der irgendwie mal mit dem Verkauf von Vitaminen groß rauskommen will (triefend: Alexander Skarsgård).

Minnie verführt ihn, will Sex, immer wieder, hofft auch auf Liebe. Und ihr Leben gerät ins Rutschen. Denn das Erwachsenwerden beginnt erst einmal damit, gründlich den Boden unter den Füßen zu verlieren. Halt findet die Nachwuchsillustratorin in der derben Comicpoesie von Aline Kominsky. Manchmal wird sie um Minnie herum gar lebendig.

Das wirklich Außergewöhnliche an „The Diary of a Teenage Girl“ nach dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Phoebe Gloeckner aber ist: Der Blick gehört Minnie – und geurteilt wird nicht. Hauptdarstellerin Bel Powley kann so mit großen Augen herzerfrischend immer neue Facetten von zartem Trotz entdecken – und Regisseurin Marielle Heller in ihrem Spielfilmdebüt das überraschend unverstellte Porträt einer starken jungen Frau zeichnen.

In 10 Berliner Kinos. OV im Central und Moviemento

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