Im Kino: „The Founder“ : Der Aufstieg der Burger-Bräter

Fastfood als Grundversorgung: Regisseur John Lee Hancock erzählt den McDonald’s-Mythos in „The Founder“ als bösen amerikanischen Traum.

Jan-Philipp Kohlmann
Ray Kroc (Michael Keaton) fordert Burger für alle, an sieben Tagen die Woche.
Ray Kroc (Michael Keaton) fordert Burger für alle, an sieben Tagen die Woche.Foto: Splendid Film

Herzhaft-rustikal sollen sie schmecken, die 50er Jahre. McDonald’s wirbt dieser Tage mit einer kulinarischen Reise in eine immer gern bonbonfarben gezeichnete Vergangenheit: In Deutschland wird gerade der „1955 Burger“ angeboten – eine „Legende zum Reinbeißen“. Das Timing ist perfekt. Die Aktionswochen mit Nostalgiefaktor laufen parallel zum Kinostart eines Films über den amerikanischen Gründungsmythos schlechthin. Wenn das ambivalente Biopic „The Founder“ von John Lee Hancock in einem eindeutig ist, dann darin, dass bei McDonald’s nichts dem Zufall überlassen wird.

Allerdings hat der Nostalgie-Burger der Gegenwart nicht mehr viel mit dem Urprodukt gemein. Ein Rindfleisch-Patty, zwei dünne Gurkenscheiben, je ein penibel abgemessener Spritzer Ketchup und Senf aufs Brötchen, optional eine Scheibe Cheddar zum Aufpreis von vier Cent – so steht es im Vertrag zwischen den Brüdern Dick und Mac McDonald, den Erfindern des quasi-industriellen Fastfood, und Ray Kroc, dem späteren Gründer der McDonald's Corporation.

Im Film ist es tatsächlich das Jahr 1955, in dem Ray Kroc (Michael Keaton) durch Illinois reist und die Qualität in den Restaurants seiner ersten Franchise-Nehmer kontrolliert. Aufgebracht konfrontiert er die neuen Filialleiter, allesamt Mitglieder seines Country Clubs, bei einer Golfpartie mit ihren kümmerlichen Hamburgern. Das Fleisch zu zäh, die Gurkenscheibe fehlt, am schlimmsten: „Salat auf einem McDonald’s-Burger, geht’s noch?“

Beim globalen Siegeszug von McDonald’s geht es offensichtlich nicht in erster Linie um Produktqualität oder Originalrezepturen. Vielmehr erzählt „The Founder“ davon, dass unternehmerischer Erfolg auf größtmöglicher Effizienz in Herstellung und Vertrieb beruht, vor allem aber auf einem schlüssigen Verkaufsnarrativ, einer Unternehmensgeschichte. Und das Leben von Ray Kroc, der zu Beginn noch als abgehalfterter Vertreter für Milchshake-Mixer übers Land fährt, scheint ein einziger sales pitch zu sein. Mal vertraulich raunend, mal großspurig prahlend spricht Michael Keaton schon in der ersten Einstellung den Vertretermonolog direkt in die Kamera. Nicht ohne Sympathie spielt er Kroc als einen vom amerikanischen Traum Getriebenen, der von Pappbechern bis Pianos alles verkauft hat, aber mit Anfang 50 noch immer dem großen Geld hinterherhechelt. Selbst seiner Frau Ethel (Laura Dern) verkauft er bei seinen gelegentlichen Hausbesuchen noch Geschäftsideen.

Saubere, bunte Bilder des Nachkriegskapitalismus

Im Gegensatz dazu sind die McDonald-Brüder Dick (Nick Offerman) und Mac (John Carroll Lynch) genügsame Mittelständler. Ihr Familienbetrieb im kalifornischen San Bernardino läuft auf Hochtouren, seit sie auf Selbstbedienung und ein minimalistisches Menü umgestellt haben. Ein ausgeklügeltes Küchensystem versorgt die Kunden binnen Sekunden mit ihrer Bestellung. Kroc erkennt das Potenzial dieses Geschäftsmodells und schlägt den Brüdern vor, zu expandieren: „McDonald’s könnte die neue amerikanische Kirche sein, die Leib und Seele versorgt. Nicht nur sonntags, sondern an jedem Tag des Jahres.“ Fastfood als Grundversorgung. Doch weil die McDonald-Brüder risikoscheu sind, sichert sich Kroc Franchising-Rechte, während sie mit mageren Gewinnbeteiligungen und dem Recht an der Marke abgespeist werden.

In sauberen, einfältig-bunten Bildern zeichnet Hancock die 50er Jahre als Wildwest-Ära des Nachkriegskapitalismus und entdeckt zwei Sorten von Pionieren: den hemdsärmeligen, etwas biederen Mittelstand der Suburbia und den hartnäckigen, zunehmend aggressiven Unternehmergeist der Großkonzerne. Das „Burger-Ballett“ des sogenannten speedee system, das die McDonald-Brüder der Legende nach auf einem Tennisplatz probten, und Krocs Talent, das Konzept wirkmächtig zu verkaufen, würdigt der Film zu gleichen Teilen. Und zunächst scheinen sich die beiden Modelle perfekt zu ergänzen. Kroc braucht den Mythos, den nicht zuletzt der familiär klingende Name McDonald’s mitbringt, während die Brüder einen kompromisslosen Manager benötigen, um ihre Fastfood-Vision mit dem goldenen Bogen in die Welt zu tragen.

Der Film ist auf zwei Arten lesbar

Doch im Zuge des rasanten Wachstums agiert Kroc immer skrupelloser, verletzt Verträge mit seinen Geschäftspartnern und zwingt sie zum Verkauf ihrer Namensrechte. In diesem Konflikt ist der Film auf zwei Arten gesellschaftlich lesbar: aus der Sicht der „kleinen Leute“, die vom big money verraten und verkauft werden, oder aus der Sicht des geschäftstüchtigen Firmengründers, der stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist.

Wenn „The Founder“ manchmal wegen seines nostalgischen Optimismus mit den Filmen von Frank Capra verglichen wird, trifft das aber nur bedingt zu. Capra verortete den amerikanischen Traum im Sozialen, oft genug schießen seine Helden das große Geld für ein bescheideneres Glück in den Wind. Hancock hingegen sieht diesen Traum letzten Endes im Geschäftssinn eines Ray Kroc. Wenn jeder nur seines eigenen Glückes Schmied sei – wie der reale Ray Kroc in seiner Autobiografie schreibt –, dann hat „The Founder“ wenig dagegen vorzubringen. Ökonomisch gedacht heiligt der Zweck die Mittel. Oder wie es Mark Knopfler in „Boom, like that“, seinem Song über Kroc, formuliert: „Sometimes you gotta be a son of a bitch / You wanna make a dream reality“. Der Zynismus eines Schaumschlägers, der für einen guten Deal über Leichen geht.

In 16 Berliner Kinos, OmU: in vier Kinos, OV: Rollberg, CineStar Sony Center

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