Kultur : Im Krematorium

Doku (1): „Gegenwart“ von Thomas Heise.

Julian Hanich

Ein kurzer Film über das Ende: 65 lakonische Minuten lang beobachtet der Berliner Dokumentarfilmer Thomas Heise die Arbeitsabläufe in einem Krematorium. Nüchtern fängt die Kamera ein, wie Mensch und Maschine präzise ineinandergreifen. Jeder Handgriff sitzt, und auf einem Zettel steht geschrieben, wie das Putzpersonal mit den „Auslaufprodukten von Särgen“ umzugehen habe. Hier geht es nicht um Mitleid und Empathie, sondern um die effiziente Abwicklung menschlicher Überreste. Der gewesene Mensch: ein Haufen Asche und sonst gar nichts.

Das Krematorium ist ein farbloser Ort, von Kameramann Robert Nickolaus in neonlichtkalten Bildern festgehalten. „Gegenwart“ kommt ohne Kommentar aus, bleibt beinahe wortlos, im Hintergrund surren unablässig Maschinen. Doch die klaren, kühlen Bilder sind nicht frei von stiller Polemik gegen die kalte Rationalität und das freudlose Geschäft mit dem Tod. Als wollte Heise sagen: Was einst als produktives Humankapital galt und nun als nutzloser Staub entsorgt wird, hält für die Betreiber des Krematoriums immer noch Ressourcen für Gewinne bereit.

Und noch eine Spitze: der Titel, „Gegenwart“. Die Vergangenheit in Form von Trauer und Erinnerung spielt an diesem Ort keine Rolle. Auch die Zukunft, ein Weiterleben oder gar eine Auferstehung sind hier kaum vorstellbar. Damit wird das Krematorium zum Sinnbild transzendentaler Obdachlosigkeit; in unserer modernen Welt, so lässt sich Thomas Heises nüchterner Film verstehen, herrscht einzig das Hier und Jetzt. Zumal die Szenen im Krematorium von Bildern umrahmt sind, die mit dem Thema scheinbar nichts zu tun haben. Am Anfang zeigt Heise eine Schneelandschaft im Mondlicht: ein Hauch Romantik, unterlegt mit einem Wiegenlied von Johannes Brahms. Nachdem die Krematoriumsszenen dem Film diese restromantische Stimmung gründlich ausgetrieben haben, sieht man am Ende die Mitarbeiter beim Karneval, ihre Gesichter im Spaß verzerrt. Willkommen in der Welt des Hedonismus: Dasein schlägt Diesseits. Julian Hanich

Acud, fsk, Krokodil

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