Kultur : IM Peter

Im Kino: das faszinierende Porträt „Vaterlandsverräter“

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Foto: dpa

Wenn man etwas nicht mehr hören kann, dann ist das wohl die Geschichte eines IM. Und wenn Paul Gratzik etwas nicht erzählen will, dann ist das die Geschichte eines IM. Seine Geschichte also. Und doch kommt es anders, für den früheren IM – und für den Zuschauer, der sich dem Sog dieses Porträts nicht entziehen kann.

Das Anfangsbild: Zwei in einem Boot, friedlicher See, friedliche Landschaft, Gratzik und die Regisseurin. Paul Gratzik am Ruder, wie sein eigenes Denkmal aus besseren Dichter-Dandy-Tagen, in weißem Hemd mit Hut. Doch es ist ein trügerisches Idyll. Erbittert spricht Gratzik in die Kamera, wie er sie durchschaue, diese Westfilmerin mit ihren Westfragen – und wenn sie zehn Mal aus dem Osten ist! Aber eins verspreche er ihr: Über seine Vergangenheit spreche er nicht. Weil diese Gegenwart und dieses Land nichts begreifen würden außer sich selbst.

Zwei im selben Boot? Spätestens jetzt müsste es auseinanderbrechen. Macht es auch, in gewisser Weise, denn da ist nichts Festes mehr, woran man sich halten kann. Annekatrin Hendels Filmüorträt setzt den Zuschauer in einem Meer widerstreitender Emotionen und Gedanken aus. Es geht hier nicht um Bezichtigung oder Rechtfertigung, die üblichen Haupthindernisse wirklichen Verstehens. Und es ist auch beinahe gleichgültig, dass Paul Gratzik sich lange vor dem Ende der DDR selbst enttarnte. Hier wird etwas Wichtigeres verhandelt: historische Erfahrung.

Der größte Feind im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant, hatte seine Mutter gesagt. Das vaterlose Kriegskind Paul Gratzik vergaß diesen Satz nie. Er war zehn, als die Mutter mit ihm und seinen fünf Geschwistern 1945 aus Ostpreußen floh. Aus dem Flüchtlingskind wurde erst ein Möbel- und Sargtischler und dann das, was seine Mutter nie für möglich gehalten hätte: Schriftsteller, Theaterautor, ein Mann des Wortes. Staatsnah. Ja, einem Staat, der einem von „ganz unten“ solche Wege öffnete, wollte er ganz nah sein. Und ihn verteidigen, ihn schützen.

Zur Ironie der Geschichte gehört es, dass schon diese Worte, in Bezug auf die DDR gebraucht, unerträglich klischeehaft und verlogen wirken. Und es gehört ebenso dazu, dass wir Jetztzeitbürger, Zivilisten bis ins Herz hinein, vergessen haben, welch verbale DDR-Totschlägerin die Vor-68er-Bundesrepublik gewesen ist. „IM Peter“ war eine Kriegsidentität. Und nun verlangt so einer, ohne Selbstmitleid, mit seinem eigenen Maß gemessen zu werden. Welches sonst dürfte man an einen Menschen legen?

Man muss Gratzik nicht mögen, auch seine Bücher nicht, aber dieser frühere Denunziant, der heute weltverloren in der Uckermark lebt, muss nicht die Augen senken, wenn er in den Spiegel sieht. Er ist sich und seinem Leben gewachsen. Das ist viel. Und im Film von Annekatrin Hendel – sie gehört zur letzten Generation, die in der DDR erwachsen geworden ist – weitet sich sein Bild zu dem einer ganzen Zeit. Kerstin Decker

Blauer Stern Pankow, FaF, fsk, International, Kant, Toni, Union

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