Kultur : Im Schatten der Kühltürme

„De Engel van Doel“ – Tom Fassaerts sensible Doku über ein vom Untergang bedrohtes flandrisches Dorf.

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Foto: Arsenal Institut
Foto: Arsenal Institut

Trotz Windmühle und Wasserlage direkt am Deich – romantisch ist es in Doel nicht. Durch die rechtwinklig angelegten Straßen pfeift der Wind, darüber die gigantischen Kühltürme eines Atomkraftwerks und Ladekräne des nahen Docks. Und nun hat auch noch die flandrische Bezirksregierung beschlossen, dass das im 16. Jahrhundert dem Meer abgetrotzte Dorf der Erweiterung des Antwerpener Containerhafens geopfert werden soll. Die meisten Einwohner sind längst fort und haben ihre Häuser verkauft. Doch ein paar – meist alte – Menschen harren zwischen Abrissgrundstücken, zerbrochenen Fensterscheiben und hingesprühten „Doel bleibt!“-Parolen aus.

Der schwer kranke Pfarrer etwa, der seinen versprengten Schäfchen zu Weihnachten statt von Krippe und Christkind von den Schrecken des Atomkriegs und radioaktiver Verseuchung predigt. Und die 75-jährige Emilienne, die in ihrem Reihenhäuschen mit Katzen, Hund und Hühnern lebt. Emilienne ist eine Frau mit Grundsätzen: Nie im Leben würde sie auf Wein und Zigaretten verzichten, das muss sogar ihr Hausarzt hinnehmen. Ebenso wenig wird sie aus Doel fortziehen, auch wenn die Freundin sie mit Wohnungsangeboten traktiert. Schließlich ist ihr Mann nebenan auf dem Kirchhof begraben. Und man kennt sich, selbst der Briefträger, der die Räumungsklage bringt, wird geduzt.

Emilienne also bleibt. In ihrer Wohnküche empfängt sie den Pastor und die anderen Noch-Nachbarn und Nachbarinnen zum Krabbenpulen und Quatschen über Dorfdinge und den Tod, während draußen die Abrissbagger weitere Häuser niederreißen und wieder ein paar Dorfbewohner gehen. Dafür kommen junge Hausbesetzer und Street-Art-Künstler aus der Stadt, die neues Leben bringen. Doch mit denen will Emilienne genauso wenig zu tun haben wie mit den Katastrophen-Touristen, die mit dem Bus durch die abgewrackten Straßen schaukeln und vor der ehemaligen Tankstelle Erinnnerungsfotos schießen.

Sechs Jahre hat der 1979 geborene niederländische Regisseur Tom Fassaert für seinen ersten langen Dokumentarfilm mit seinem Team in Doel gedreht und teilweise auch gelebt. Eine Investition, die sich auszahlt. Denn der auf Super-16-mm-Film in Breitwandformat und melancholischem Schwarz-Weiß gedrehte und – ganz ohne verbalen Kommentar – zu einer chronologischen Narration verdichtete Film ist imponierend nah an seinen Figuren und dabei völlig unaufgeregt und diskret. Auch formal: Der untertitelte flämische Originalton wird nur von einem punktuell unterstützenden Soundtrack begleitet, auch die mal flüssige, mal fast statische Montage passt sich unaufdringlich ihrem Gegenstand an. Dabei wechselt die Kamera aus der Nahsicht auf Küchentisch und Bügelbrett immer wieder wie selbstverständlich zum weiten Panoramablick vom Doeler Kirchturm bis zu den Ozeanriesen hinterm Deich.

Nur 77 Spielminuten hat „De Engel van Doel“, doch sie sind vielfältig und reich gefüllt. Der Film funktioniert als Requiem auf einen verlorenen Ort, als Hommage an eine bemerkenswerte Frau – und als Reflexion über Vergänglichkeit und Zeit. Und der Engel? Den hat Emilienne einmal selber im Himmel über Doel gesehen. Ob er noch schützend eingreifen kann? Immerhin: Bis heute ist das neue Dock nicht gebaut. Silvia Hallensleben

fsk am Oranienplatz (OmU)

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