Kultur : Im Schweinestall

Petros Markaris hat mit „Faule Kredite“ den Roman zur griechischen Krise geschrieben

Kostas Kalfopoulos
Foto: Torsten Silz/ddp
Foto: Torsten Silz/ddpFoto: ddp

Polizeikommissar Kostas Charitos hat ein Problem. Er braucht ein neues Auto, sein alter Fiat Mirafiori ist eine ziemliche Schleuder. Und die eigene Tochter damit zu ihrer Hochzeit fahren, das geht schon mal gar nicht. Nachdem die Kollegen ein japanisches Auto empfohlen haben, sein Chef ihm zu einem VW oder Peugeot rät („damit sind Sie auf der sicheren Seite“), hört er schließlich auf einen Kollegen, der sagt, er solle sich einen Seat Ibiza kaufen. „Aus Solidarität“, erklärt der Kollege. „Die Spanier stecken doch momentan genauso in der Klemme wie wir. Zusammen mit Portugal, Italien und Irland zählen wir doch zu den PIIGS-Staaten. Aber im Schweinestall lebt es sich immer noch besser als im Haifischbecken. Bislang haben wir versucht, dort mitzuschwimmen, aber wir sind kläglich abgesoffen. Schweine können eben nicht schwimmen.“

So kann man auch ausdrücken, was den Griechen gerade widerfährt. Wieder und wieder lässt der Athener Schriftsteller Petros Markaris in seinem neuen Roman „Faule Kredite“ die Schuldenkrise Griechenlands und den drohenden Staatsbankrott diskutieren. Dabei kommen nationale Vorurteile und gefühlte Minderwertigkeitskomplexe nicht zu kurz, gerade wenn es um die Deutschen geht: „Wäre es denn so schlimm, wenn auch sie ein vierzehntes Monatsgehalt einführen würden? Statt uns das dreizehnte zu beschneiden?“

Petros Markaris hat den ultimativen Roman zur griechischen Krise geschrieben, vor über einem halben Jahr schon, aber weiterhin topaktuell. Nun gibt es ihn auch in einer deutschen Übersetzung. Dabei eignet sich Markaris wie kein zweiter griechischer Schriftsteller für so ein brisantes Thema, hat ihm die zeitgenössische neugriechische Literatur doch noch viel mehr zu verdanken. Seit Jahrzehnten gilt der Goethe-Übersetzer und frühere Stückeschreiber, der unter anderem als Co-Autor bei den Filmen von Theo Angelopoulos mitwirkte, als oberster Exportartikel einer nationalen Literatur, die nur schwer von ihrer Introvertiertheit loskommt. Petros Markaris’ Kostas-Charitos-Krimis sind europaweit bekannt und in viele Sprachen übersetzt, sie lesen sich zudem als unkonventionelle Stadtführer Athens – was in Griechenland nicht überall gut ankommt.

Sein größter Verdienst jedoch ist, dass er die lange vergessene und verrufene einheimische Kriminalliteratur wiederbelebt hat. Und dabei wie nebenbei ihren Gründer, den linken Journalisten und Schriftsteller Jannis Maris (1916-1979) rehabilitiert. „Jannis Maris war am falschen Ort zur falschen Zeit, sonst hätte er eine ähnliche Karriere wie Georges Simenon gemacht. Er war der erste Schriftsteller, der in seinen Kriminalromanen die kleinbürgerliche griechische Gesellschaft und die Hauptstadt kritisch porträtiert. Mein Held weist viele Gemeinsamkeiten mit Maris’ Kommissar Bekas auf", hat Markaris erst kürzlich erklärt. Tatsächlich ist auch Charitos eher ein friedlicher Kleinbürger als ein ständig politisch denkender, geschweige denn engagierter Kommissar. Er ist verheiratet, fährt Fiat, beziehungsweise nun eben Seat Ibiza und flüchtet sich gern in Lexika und Enzyklopädien. Er verrichtet seine Arbeit verblüffend träge, jedoch methodisch und pflichtbewusst, ohne Gewaltexzesse und große Sprüche im Stil des Hard-BoiledKrimis. Er bewegt sich nur ungern im „Millionendorf Athen“, muss aber Kriminelle aus der dortigen Unterwelt verfolgen oder der griechischen Vetternwirtschaft Herr werden. Was ihn manchmal auch in benachbarte Länder führt, die sich nach 1989 – wie Griechenland – bis zur Unkenntlichkeit verändert haben.

In „Faule Kredite" steht Charitos vor mehreren Bewährungsproben. Nicht nur, dass seine Tochter heiratet und er einen neuen Wagen fährt. Athen und seine Finanzwelt werden von einer Mordserie an Bankern erschüttert, mitten in der schlimmsten Krise seit den fünfziger Jahren. Charitos begibt sich ins Bankenmilieu und streitet mit seinen Kollegen bevorzugt über die Rolle Deutschlands in der griechischen Schuldenkrise. Ein „Schwert der Apokalypse“ wird erhoben, Köpfe rollen, die Computerexperten bemühen sich, Spuren zu sichern.

Die Athener wiederum stehen vor Wandplakaten und Aufklebern, die sie zu einem allgemeinen Zahlungsboykott aufrufen, was an Dario Fos „Bezahlt wird nicht!“ erinnert. Charitos ermittelt nicht nur in Finanzkreisen, sondern auch hinter den Kulissen des dopingverdächtigen Leistungssports sowie in der Halbwelt der illegalen Migranten. Markaris schildert das alles lebhaft, mit einem mediterranen Humor, der manchmal zum Zynismus neigt. Aus Athen bekommt man eben keine „weißen Rosen“ mehr, sondern nur überfällige, „faule Kredite“. Ein Ende ist nicht in Sicht. Auch noch nicht bei Petros Markaris: Er sitzt an einer „Trilogie der Krise“. Der zweite Band soll Anfang nächsten Jahres erscheinen.

Petros Markaris: Faule Kredite. Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger. Diogenes, Zürich 2011. 400 Seiten, 19, 90 €

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