Kultur : Im Vakuum

Die Berliner Künstlerin Alice Creischer hat ihre erste Einzelausstellung bei KOW.

Claudia Wahjudi

Man muss schon von der Halle in den Keller steigen, um Alice Creischers Ausstellung nicht nur mit den Augen, sondern mit dem Körper zu erfassen. So fühlt es sich jedenfalls an. „Das Etablissement der Tatsachen“ in der Galerie KochOberhuberWolff (KOW) handelt davon, dass wissenschaftliche Erkenntnis von politischen und wirtschaftlichen Interessen gesteuert ist. Eine altbekannte Einsicht, für deren Vermittlung die Berliner Künstlerin ziemlich viel Aufwand betreibt, doch macht genau das den Reiz der Ausstellung aus, die in der oberen Halle zunächst vor allem optisch überzeugt.

Creischer hat den Saal mit kaum entschlüsselbaren Zeichen und Sinnbildern ausgestattet. Unter der Decke stecken bunte Stäbe mit Zahlen, wohl ein Code. An Fäden hängen geisterhaft dunkle Collagen, und am Boden steht ein fragiler Apparat, halb Blase, halb Gedärm. Die Rauminstallation verhandelt das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Macht am Beispiel des weltanschaulichen Streits, den Robert Boyles Vakuumpumpe 1660 auslöste. Das weiß der Besucher aber erst, wenn er das Informationsblatt gelesen hat.

So lange sieht der Saal einfach prima aus. Feine Linien und Materialien kontrastieren mit den wuchtigen Betonwänden. Wolken auf Fotos und Gemälden, die an Mythenmalerei des 19. Jahrhunderts denken lassen, schieben sich wie Gebirge in die offene Architektur der Galerie. Es ist eine sensibel inszenierte Schau: ihre erste Einzelausstellung in einer Galerie, die die über 50-jährige Künstlerin hier bestreitet.

Alice Creischer, die auch als Autorin arbeitet, hat zum Kunstmarkt bisher Abstand gehalten. Die Teilnehmerin der 12. Documenta trat in Berlin zuletzt 2010 als Kokuratorin von „Das Potosí-Prinzip“ auf, einer Schau im Haus der Kulturen der Welt zu Kolonialzeit und Kapitalismus. In der Galerie KOW scheint sie nun den richtigen Partner gefunden zu haben: Die Ausstellung, sagt Mitgalerist Nikolaus Oberhuber, sei bereits komplett an eine Privatsammlung verkauft.

Unten im Keller entschlüsselt sich die Kunst auch ohne Infoblatt. Beim Durchblättern verraten Collagen und Aquarelle, auf was und wen (etwa Foucault) Creischer sich beruft. Das Herzstück aber bildet ein weißer Arbeitstisch, auf dem Taschenspiegel ausliegen sowie vier Hefte mit Creischers holprig zu lesendem Manuskript für ihr Bühnenstück „Das Etablissement der Tatsachen“, eine Montage von Zitaten aus Wissenschaftsgeschichte und politischer Theorie. Mit den Spiegeln soll der Leser die verkehrt herum gedruckten Fußnoten des Stücks entziffern. Sich Information zu erarbeiten, auch wenn es Mühe kostet, das ist das Thema hinter dem Thema der Ausstellung. Der Leser kann das Blatt aber ebenso gut von der anderen Seite gegen das Licht halten.

Der Tisch funktioniert sogar ohne Lektüre. Wer an ihm hockt, kann meinen, die obere Halle mit dem Gewicht von 350 Jahren Geschichte auf den Schultern zu spüren und doch ganz bei sich sein. Hier zu sitzen, ähnelt dem Aufenthalt in einer guten Bibliothek: Man merkt schnell, was man warum als Nächstes wissen will. Claudia Wahjudi

KOW Berlin, Brunnenstr. 9; bis 22. Juli, Mi - So 12 - 18 Uhr

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