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Das Bauhaus Dessau würdigt Marcel Breuer als Designer – und Architekten.

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Auskragend. Zwei von Breuers Klassikern, links das Whitney Museum of American Art in New York (1964 – 66), rechts der aus Stahlrohr gefertigte Clubsessel „Wassily Chair“ (1925/26). Fotos: Ezra Stoller © Esto; Daniel Niggemann, 2012, Stiftung Bauhaus
Auskragend. Zwei von Breuers Klassikern, links das Whitney Museum of American Art in New York (1964 – 66), rechts der aus...

Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Eine Fotografie der Möbelwerkstatt am Bauhaus Weimar aus dem Jahr 1923 zeigt viel Holz und noch mehr Späne. In dieser Werkstatt lernte der blutjunge Marcel (Lajos) Breuer aus dem ungarischen Pécs die Möbeltischlerei. Und verabschiedete sich zwei Jahre später vom Holz, um stattdessen Möbel aus Metall zu entwerfen.

Nun war er 1925 selbst Leiter der Werkstatt, im Alter von 23 Jahren. Das Bauhaus zog nach Dessau, in sein ultramodernes Gebäude von Walter Gropius, und in Dessau zeigte Breuer schon zuvor seinen „Stahlclubsessel“, der heutzutage unter dem Namen „Wassily Chair“ bekannt ist und immer weiter produziert wird. Ein Klassiker.

Breuer (1902–1981) hat mehrere solcher Klassiker entworfen, und um den klassischsten von allen, den „hinterbeinlosen“ Stuhl von 1929 für die mit Bugholzmöbeln zu Weltruhm gelangte Firma Thonet, musste Breuer mit dem Holländer Mart Stam einen langen Rechtsstreit führen, der mit Stams Sieg endete – einer der unappetitlichsten Urheberrechtsfälle der ganze Designgeschichte. Auch Stam hatte mit Metall experimentiert, und zwar mit gewöhnlichem Gasrohr. Er wollte die Produktion so preiswert wie möglich machen, und so zeigte er seinen hinterbeinlosen Stuhl – den in der Tat allerersten – in seinen Reihenhäuschen „für das Existenzminimum“ bei der Stuttgarter Weißenhofsiedlung 1927. Breuer hingegen bespannte sein Exemplar mit Korbgeflecht, das war nur für Besserverdiener erschwinglich.

Man vermisst denn doch die Geschichte und vor allem die Sozialgeschichte des Gestaltens in der Ausstellung, die die Stiftung Bauhaus Dessau jetzt dem Designer und Architekten Marcel Breuer widmet. Die Übernahme einer Wanderausstellung des Vitra Design Museums im südbadischen Weil zeichnet Breuers erstaunlichen Lebensweg mit vorzüglichen Objekten nach. Ein Jammer ist allerdings, dass in Dessau lediglich ein bebildertes Taschenbuch zu erwerben ist. Das überragende Begleitbuch der Erstpräsentation im Vitra Museum von 2003 fehlt, das mit seinen 448 Seiten das Standardwerk insbesondere zur Architektur Breuers darstellt.

Denn die Ausstellung lässt vor allem dem Architekten Gerechtigkeit widerfahren. In allen Bauhaus-Ausstellungen, deren jüngste derzeit in London zelebriert wird (siehe Tagesspiegel vom 7. Mai), kommt Breuer allein als Möbelentwerfer vor. Das versteht sich insofern, als die architektonischen Leistungen erst der Exilzeit in den USA ab 1937 angehören, wirkt aber eben auch verzerrend, weil nur beide Bereiche zusammen das ganze Lebenswerk ausmachen.

Im Unterschied zu Zeitgenossen wie Ludwig Mies van der Rohe oder Alvar Aalto war Breuer nie zugleich Gestalter und Architekt. Er war es nacheinander, und so unterscheiden sich beide Bereiche denn auch erheblich. Die technisch-industrielle Haltung der Bauhaus-Zeit macht in der Architektur einer sehr kraftvollen und ausdrucksstarken Formensprache Platz. Dass Breuer mit monumentalen Kirchen aus Beton hervortreten sollte, hätte er sich in seinen Dessauer Jahren wohl kaum träumen lassen.

Die Wanderausstellung führt die Architektur erstmals anhand von leuchtend weißen Modellen vor, die die Spannbreite seiner Bauten andeuten. Ob nun Breuer „der wichtigste und großartigste Einfamilienhausbauer des 20. Jahrhunderts“ war, wie Kurator Matthias Remmele verkündet, sei dahingestellt, aber zweifellos sind seine Häuser von einer inneren Logik, die ihresgleichen sucht.

Es sind allesamt Solitäre; wie etwa auch das Whitney Museum in New York von 1964–66, sein zweifellos bekanntestes Bauwerk. Das meistbesuchte hingegen dürfte das Kaufhaus „De Bijenkorf“ aus Rotterdams Wiederaufbauphase sein, 1957 eröffnet, und sein spektakulärstes das über einem Felsen hängende, postum vollendete Hotel „La Flaine“ in den französischen Alpen.

Auskragen, das ist das verbindende Motiv von Design und Architektur bei Breuer. Die Stühle und Sessel wippen, ganz auf die Elastizität des Stahls vertrauend, die Häuser weiten sich mit zunehmender Höhe oder stehen, wie ein College-Gebäude in der New Yorker Bronx, ganz auf schmalen Betonfüßen. Breuers Interesse an der Konstruktion, auch am Ausreizen der technischen Möglichkeiten, ist allgegenwärtig. Und hat begonnen in der Möbelwerkstatt am Bauhaus.

Bauhaus Dessau, Gropiusallee 38, bis 31. Oktober. Täglich 10-18 Uhr. Taschenbuch, 180 S. m. 56 S. Bildteil, 9,90 €. – Marcel Breuer: Design and Architecture. Vitra Design Museum, 448 S., 53,90 €. Bestellung über www.design-museum.com

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