Kultur : In den Raum explodiert

Zum Start des Berliner Festivals „Tanz im August“: Emanuel Gat ist der Choreograf der Stunde

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Tanz und Ton. Szene aus „Brilliant Corners“ von Emanuel Gat. Foto: Emanuel Gat
Tanz und Ton. Szene aus „Brilliant Corners“ von Emanuel Gat. Foto: Emanuel Gat

Alle reißen sich um Emanuel Gat. Der israelische Choreograf, der in Südfrankreich arbeitet, ist mit seinem neuen Stück „Brilliant Corners“ zurzeit auf allen großen Festivals vertreten – in Berlin wird er dem am Freitag beginnenden „Tanz im August“ einen Höhepunkt bescheren. Das Festival stellt auffallend viele Newcomer vor, lockt aber auch mit großen Namen. Eröffnen wird es Lucinda Childs, die mit „Dance“ eines der prägenden Werke der jüngeren Tanzgeschichte zeigt. Zum Ende lässt Edouard Lock von La La La Human Steps wieder die Speed-Ballerinen los.

Mit jedem seiner Werke hat Gat das Verhältnis von Tanz und Musik neu ausgelotet, in „Brilliant Corners“ hat er nun den entscheidenden Schritt gewagt. Er zeichnet diesmal auch für die Musik verantwortlich, zwei Jahre lang hat er an der Klangcollage getüftelt, für die er Hunderte von Samples bearbeitet hat.

„Brilliant Corners“ ist ursprünglich der Titel eines Albums von Theolonius Monk aus dem Jahre 1957. „Als ich das Stück choreografierte, hörte ich ständig die Alben von Monk. Er war immer in meinem Kopf“, erzählt Gat bei der Premiere während des Festivals „Montpellier Danse“. Monks Musik hat er zwar nicht verwendet, doch er lehnt sich an dessen kompositorische Prinzipien an. „Monk hat mich auch in der Weise beeinflusst, wie ich choreografiere, wie ich auf Strukturen schaue.“

Wenn man Musik genau hört, kann man lernen zu choreografieren, glaubt Gat. Doch auch in „Brilliant Corners“ gibt es eine längere Phase der Stille. „Tanz braucht eigentlich keine Musik, er kann autonom existieren“, betont Gat. „Doch mich interessiert die Spannung zwischen dem, was wir hören und dem, was wir sehen. Wir sehen den Tanz ganz anders, wenn die Musik da ist.“

In „Brilliant Corners“ sind die Tänzer in einer komplexen Klang-Umgebung eingebettet. Doch die Musik wird nicht interpretiert oder gar illustriert. Die Klänge färben die Bewegung auch nicht emotional ein. Stattdessen sieht man rhythmische, harmonische und choreografische Muster, die sich überlagern.

„Tanz, Musik und Licht sind unabhängige Strukturen, die in einem gemeinsamen zeitlichen und räumlichen Rahmen koexistieren“, erklärt Gat. Kein Zweifel, seit der Israeli nach Frankreich gezogen ist, hat sich sein Diskurs intellektualisiert. Was nicht heißt, dass das neue Werk zur trockenen Denkübung geraten wäre. „Brilliant Corners“ zieht einen in jeder Sekunde in den Bann, es zeugt von einer brillanten Intelligenz und entfaltet dabei doch eine hinreißende Sinnlichkeit. Die zehn Tänzer, die sich in einem Quadrat aus Licht bewegen, loten ihre Freiheit innerhalb der Gruppe aus. Der Zusammenhalt der Gruppe scheint äußerst fragil, immer wieder geht ein Riss durch das Kollektiv. Auch die Duette erzählen von der Unmöglichkeit der Nähe. Und in den Solos scheinen die Tänzer regelrecht in den Raum hinein zu explodieren. Tänzerische Mosaiksteine fügen sich zusammen, kaum ist ein Muster erkennbar, löst es sich schon wieder auf. Wie sich die Bewegungen ineinander verflechten, wie Gat Korrespondenzen herstellt und Kontraste setzt, wie er Spannungen aufbaut, ist bewundernswert.

Gat ist offenkundig glücklich mit dem Resultat: „Brilliant Corner“ fasse die Arbeit aus 20 Jahren zusammen, sagt er nicht ohne Emphase. Und es ist ihm ein Bedürfnis, sein Selbstverständnis als Choreograf zu verdeutlichen. Für „Brilliant Corners“ habe er im Voraus kein Konzept ausgearbeitet. Er sei auch nicht ins Studio gegangen und habe den Tänzern demonstriert, was sie machen sollen. „Die Ideen entstehen während des Prozesses. Ich treffe keine Entscheidungen, sondern erforsche, welche choreografischen Strukturen ans Licht kommen.“ Das setzt genaues Beobachten voraus. Ob er Passanten zusieht oder einen Vogelschwarm beobachtet – ähnlich ist die Haltung, die er als Choreograf einnimmt. Er ist überzeugt, dass sich in der Interaktion der Tänzer eine eigene Wahrheit herausbildet. „Ich untersuche wie im Labor die Bedingungen, um reale Situationen, soziale Situationen herzustellen“, sagt Gat, der seinen Tänzern ein großes Vertrauen entgegenbringt.

So wie Gat den choreografischen Prozess beschreibt, ist er ein großes Abenteuer. Dem er sich mit all seiner Energie widmen will. Beiläufig erzählt er am Ende des Gesprächs, dass er vor zwei Monaten das letzte Mal aufgetreten sei – in dem Duett „Winter Voyages“. „Ich habe 20 Jahre getanzt, es ist genug“, sagt er. Emanuel Gat blickt nach vorn - entschlossen, die Kunst der Choreografie in die Zukunft zu führen. Sandra Luzina

„Tanz im August“, 12. bis 28. August, www.tanzimaugust.de. „Brilliant Corners“ 16. und 17. August im HAU 1.

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