Kultur : In der Manege

Porträt zweier Artisten: „Der Glanz des Tages“.

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In ihrem semidokumentarischen Spielfilm „Der Glanz des Tages“ stellen Tizza Covi und Rainer Frimmel die Lebensentwürfe des viel beschäftigten Schauspielers Philipp Hochmair und des altgedienten Zirkusmannes Walter Saabel nebeneinander. Nur grob wird eine Spielfilmhandlung skizziert. Vor Hochmairs Wohnungstür steht eines Tages der unbekannte Onkel aus Rom, der in der Familie als Taugenichts abgekanzelt wurde.

Der Schauspieler und der Bärenringer lernen sich langsam kennen, entdecken Gemeinsamkeiten zwischen dem Leben auf der Bühne und in der Manege. Schon bald bezieht Onkel Walter, der der eigenen Kindheits- und Familiengeschichte nachspürt, Quartier auf dem Sofa in der Wiener Wohnung des Neffen. Die Leben des gefeierten Theaterstars, der vom „Woyzeck“ bis zum „Gestiefelten Kater“ in bis zu neun Inszenierungen parallel spielt, und des erfahrenen Artisten, der sich bei der Bärendressur schon fast jeden Knochen im Körper gebrochen hat, komplettieren sich in Gesprächen am Küchentisch und bei Spaziergängen durch die Stadt zum wirkungsvollen filmischen Mosaik. Dabei bleiben die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion, zwischen Theater und Leben beständig im Fluss.

Auf der einen Seite schleicht sich der Film über den Bühneneingang in die Schauspielerexistenz ein, auf der anderen erdet der wunderbare Walter Saabel mit seinen Erinnerungen an eine Kindheit, in der körperliche Strafen noch zum Schulalltag gehörten, die Bühnenphantasien durch die Lebenserfahrenheit des Alters. Wenn Saabel anfängt sich um die moldawischen Nachbarskinder zu kümmern, deren Mutter die Wiedereinreise nach Österreich verwehrt wird, zeigt sich eine großväterliche Zärtlichkeit, die sich aus den Erinnerungen an die Schmerzen des eigenen Kindseins speist. Mit „Der Glanz des Tages“ ist Covi und Frimmel ein Kabinettstück filmischer Wahrhaftigkeit gelungen. Martin Schwickert

fsk, Hackesche Höfe

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