Kultur : In einem anderen Land

Steffen Richter

Nun beginnen also die Mühen der Ebene. Das Versprechen der Tour de France, nach dem Fußball den nationalen Begeisterungspegel zu halten, muss man wegen des Dopingskandals skeptisch betrachten. Also scheinen Euphorie, Höhenflug und Magie vorerst vorbei. Notorische Miesmacher fürchten sogar den Fall in ein schwarzes Loch und die Wiederkehr alter Gespenster. Da muss man sich fragen, in welch freudlosem Land man vor dem 9. Juni gelebt haben soll. Es war ja nicht alles schlecht.

Höchste Zeit, den Gespenstern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Denn im Grunde sind sie Rückkehrer aus dem Reich der Toten – und somit Gestalten der Mahnung und des Eingedenkens. Sie erinnern an Unerledigtes, sind also von großer kultureller Relevanz. Den Zusammenhang macht sich ein neues Literaturmagazin zunutze. Es heißt Kultur & Gespenster , soll vierteljährlich im Hamburger Textem Verlag erscheinen und sieht nach einem großen Wurf aus. Kultur, erklären die Redakteure Jan-Frederik Bandel, Gustav Mechlenburg und Nora Sdun, kommt vom Lateinischen cultura und bedeutet so viel wie Pflege. Gespenst heißt im Althochdeutschen Trug oder Verlockung. Locken und Pflegen also wollen sie. Und das auf opulenten 256 Seiten.

Hier werden richtig dicke Bretter gebohrt, ohne Angst vor Theorie, der „Kulturneigungsgruppe mit forciertem Gestaltungswillen“ geht es ums „Sammeln, Gruppieren, Registrieren und Befragen“, also eine Form von anarchistischem Enzyklopädismus, der in der ersten Nummer schon recht gut gelingt. Ein Dossier beschäftigt sich mit dem wilden Reisenden, „Ethnopoeten“ und ewigen Außenseiter des Literaturbetriebs Hubert Fichte. Feste Rubriken widmen sich der Kunst, der Reise und dem Comic. Es gibt einen üppigen Rezensionsteil, ein Telefongespräch mit Alexander Kluge und Essays, etwa zu Josephine Baker. Wie das sympathische Projekt anläuft, kann man heute (20 Uhr) bei der „Verbrecherversammlung“ ( Festsaal Kreuzberg , Skalitzer Str. 130) miterleben.

Eine Verlockung anderer Art wartet am 13.7. (20 Uhr) im Literarischen Colloquium (Am Sandwerder 5, Zehlendorf) . Nicholas Shakespeare , der mit einer Biografie seines Freundes Bruce Chatwin bekannt wurde und dann ein Buch über Tasmanien schrieb (einer der wenigen Orte, an denen Chatwin nicht war), hat nun etwas ziemlich Überraschendes getan. Sein neuer Roman „In dieser einen Nacht“ (Rowohlt) erzählt von einem Briten, der in den frühen achtziger Jahren mit einer Theatergruppe Leipzig besucht, sich in eine Frau verliebt, die er entgegen seinem Versprechen nicht aus dem Land schmuggelt, aber nach 1989 wieder trifft. Voilà: ein Wenderoman – aus englischer Feder.

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