In KÜRZE : In KÜRZE

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Foto: Lancome/dpa/gms
Foto: Lancome/dpa/gms

PANORAMA

Provokateur mit Helfersyndrom: 

„König des Comics

Ralf König ist nicht nur ein begnadeter Comiczeichner, er ist auch mit einer markanten, modulationsfähigen Stimme gesegnet. Deshalb hält er Lesungen ab, auf denen ein gutbürgerliches Publikum johlt und quiekt, wenn er einen sexuellen Kraftausdruck in den Raum wirft. So wie Rosa von Praunheim das Material seiner König-Dokumentation montiert hat, glaubt man einen geistlosen Provokateur vor sich zu haben. Jemanden, der die Verfilmung seines Comics „Der bewegte Mann“ ablehnt, weil sie sich an ein spießiges Heteropublikum richtet, der aber in seinen Lesungen eben diese Klientel bedient. Er kann auch anders. Ralf König bekennt sich zu einem Helfersyndrom, zu melancholischen Phasen, einer frühen Erfahrung mit sexueller Gewalt. Er gibt auch zu, im Zusammenhang mit den Mohammed-Karikaturen Angst vor Islamisten gehabt zu haben. Mit ihnen will er sich lieber nicht anlegen, da ist der Papst ein bequemeres Ziel. Künstlerische Vorbilder werden mit keinem Wort erwähnt. Dabei verehrt er Robert Crumb, dessen „Fritz the Cat“ für ihn ein Erweckungserlebnis war. Nichts davon erfährt man in dieser Dokumentation, die ihren Protagonisten fast vollständig auf sein Schwulsein reduziert. Das Ganze ist unterhaltsam und, wie immer bei Praunheim, optisch reizvoll. Nur fehlt der Tiefgang, den König ab und zu erahnen lässt. Frank Noack

10.2., 22.30 Uhr (CineStar 7), 15.2., 17 Uhr (International), 16.2., 22.30 Uhr (CineStar 7), 18.2., 15.30 Uhr (Colosseum 1)

FORUM

Schafe mit schnellen Beinen:

„Hiver nomade“

Packesel Figaro macht irgendwann schlapp. Auch die charakterlich bewährten Leitschafe sind höchstpersönlich mit Namen bekannt. Achthundert Schafe insgesamt hat die Herde, mit der Carole und Pascal durch die verschneite Westschweiz gen Süden ziehen. Anfangs jedenfalls, denn im späteren Verlauf der Wanderung wartet immer öfter der Transporter am Straßenrand, der die fleischigsten Tiere rechtzeitig fürs Weihnachtdinner zum Schlachthof bringt. Pascal ist ein altgedienter Lohnschäfer, die junge Carole Novizin im Gewerbe. Die Arbeit ist entbehrungsreich und schwer, von der bukolischen Entspannung, die Städter gerne aufs Hirtenleben projizieren, gibt es hier kaum eine Spur: Schnell muss man auch sein, um die hungrige Herde am Abnagen landwirtschaftlich verwertbarer Grünflächen zu hindern. So ist die sogenannte Transhumanz ein feiner Indikator für die Veränderungen, denen Landschaften, Wirtschafts- und Lebensweisen unterworfen sind. Nach Erich Langjahrs „Hirtenreise ins dritte Jahrtausend“ vor zehn Jahren und dem US-amerikanischen Schafswestern „Sweetgrass“ 2009 ist Manuel von Stürlers „Hiver nomade“ ein neues rund erzähltes Exemplar des Genre Schafsfilm und sinnlich erfahrbare topografische Bestandsaufnahme einer Schweiz, deren ländliche Regionen längst von den Autobahnen und Industrievorstädten geprägt sind. Sie liefern hier den Hintergrundsound. Silvia Hallensleben

10.2., 16.30 Uhr (Delphi), 11.2., 13.45 Uhr (CineStar8), 13.2., 20 Uhr (Colosseum 1), 18.2., 22.15 Uhr (Cubix 9)

PANORAMA

Lärm-Guru im Wald: „Brötzmann –

Da gehört die Welt mal mir

Lagerfeuermusik mal anders: Caspar Brötzmann sitzt mit einem weißen E-Bass neben einem prasselnden Feuer und spielt ein sanftes Motiv, dann gleich noch mal. Es fügt sich gut in die nächtliche Szenerie und bildet einen Kontrast zu den Klangmonstern, für die der Gitarrist eigentlich bekannt ist. Die sind auch zu hören in Uli M Schueppels von großem Kunstwillen beseelten Porträtfilm: Das Reunion-Konzert der Noise-Formation Caspar Brötzmann Massaker 2010 im Berghain ist der Ausgangspunkt für „Brötzmann – Da gehört die Welt mal mir“. Ausschnitte daraus sind zwischen die Aufnahmen gestreut, die den Gitarristen in der Natur zeigen. Mit Mütze und dicker Jacke stapft er durch den Wald, den Bass geschultert wie eine Axt. Meist aus dem Off kommt seine Stimme, die etwa von den Geräuschen seiner Kindheit in Wuppertal erzählt: Fabrik, Straße, Eisenbahn und die Hinterhofschmiede seines Opas sorgten für den Soundtrack. Meist bleibt der Film jedoch im Vagen. Wer etwas über Brötzmanns Verhältnis zu seinem berühmten Vater, dem Saxofonisten Peter Brötzmann erfahren will, wird enttäuscht. Mit keinem Wort werden er oder seine Musik erwähnt. Stattdessen lässt Schueppel den 1962 geborenen Lärm-Guru in der Gegend herumspazieren und Texte aus seinem „Koksofen“-Album von 1993 rezitieren, was auf Nicht-Fans doch etwas arg bemüht wirken dürfte. Nadine Lange

10.2., 20 Uhr (CineStar 7), 11.2., 14.30 Uhr (CineStar 7), 12.2., 15.30 Uhr (Colosseum 1), 19.2.,17.30 Uhr (Cubix 7)

FORUM

Taxifahrer in der Sinnkrise: 

„The Last Friday“

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte überhaupt zeigt die Berlinale einen jordanischen Spielfilm. Sein Held ist ein Taxifahrer (Ali Suliman) in der Hauptstadt Amman. Die zufällig wirkenden Alltagsbeobachtungen unterwegs machen die Attraktion dieses Films aus. Da stellt sich ein Ehemann in einer Schlange vor seine tief verschleierte Frau, damit diese nicht auf den Hintern des vor ihr wartenden Fremden gucken muss – oder kann. Da schaut ein pubertierender Junge vom Balkon einem Mädchen beim Wäscheaufhängen zu und freut sich, dass sie vorher ihr Kopftuch gelöst hat. Da öffnet ein strenger Schuldirektor seine Schreibtischschublade, in der ein Pin-up liegt. Youssef, der Taxifahrer, kämpft um seine Existenz und seine Gesundheit. Mit stoischem Gleichmut begegnet er seinen Kunden, seinem Chef und seinen Nachbarn. Nur sein halbwüchsiger Sohn interessiert ihn. Er lebt bei seiner geschiedenen Frau und kommt ihn manchmal besuchen. Wenn die beiden zusammen sind, stiehlt sich ein Lächeln in das Gesicht des mürrischen Mannes, und das Leben hat endlich einen Sinn. Daniela Sannwald

11.2., 20 Uhr (Arsenal), 12.2., 14 Uhr (Delphi), 14.2., 16.15 (Cinestar 8), 18.2., 20 Uhr (Cubix 9)

FORUM

Drei Paare in Therapie:

„Beziehungsweisen“

Drei Paare. Drei Therapeuten. Drei Versuche, zu retten, was zu retten ist. Ein Paar hat beim Versöhnungssex ein Kind gezeugt, das die Frau nicht will, der Mann aber schon. Ein anderes streitet nur noch: wegen der Kinder, des Jobs, des Zusammenpralls der Selbstverwirklichungsfantasien. Beim dritten Paar – älter, verhärmter – tun sich die tiefsten Gräben auf. Überall knarzt und knirscht es, nirgends läuft es rund.

Einen „dokumentarisch gespielten Film“ nennt der 50-jährige Berliner Regisseur Calle Overweg seinen Film. Alle Szenen finden in einem spärlich möblierten Filmstudio statt. Die Paare werden von professionellen Schauspielern verkörpert – die Therapeuten arbeiten auch im echten Leben hart am Beziehungsabgrund. „Beziehungsweisen“ ist ein Tanz auf dem Fakt-Fiktions-Schwebebalken. Ein formales Experiment. Es gelingt.

Einmal wirft Overweg die Frage auf, was Krisenpaare eigentlich zusammenhalte? Eine Therapeutin antwortet: Kinder und Schulden. Und die Liebe? Die nur in Ausnahmefällen – dafür seien Gefühle viel zu flüchtig. Julian Hanich

10.2., 16.30 Uhr (Cinestar 8), 11.2., 20 Uhr (Colosseum 1), 16.2., 15 Uhr (Arsenal 1), 19.2., 19 Uhr (Delphi)

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