In KÜRZE : In KÜRZE

von

FORUM

Eskalation in Echtzeit: „Everybody

in our Family“ von Radu Jude

Zuerst sind es nur knappe Ausschnitte, Eindrücke: ein Mann, Ende 30, erwacht, steht auf, kühlt den verkaterten Kopf. Mit dem Rad fährt er zu seinen Eltern, deren Auto er sich ausleihen will. Die Lücken werden weniger, die Szenen konkreter. Eine erste Ahnung, wie schnell heiteres Geplauder in Streit umschlagen kann. Dann fährt der Mann zu seiner Exfrau, um die gemeinsame Tochter zu einem Kurzurlaub abzuholen. Auslassungen gibt es jetzt keine mehr, das Geschehen ist räumlich wie zeitlich maximal verdichtet. Die Eskalation spielt sich in Echtzeit ab.

Regisseur Radu Jude, der vor drei Jahren bereits seinen bemerkenswerten Erstling „The Happiest Girl in the World“ im Forum zeigte, erzählt eine Geschichte, die ihren Schrecken – und auch ihre Komik – daraus bezieht, dass sie direkt aus dem Leben gegriffen scheint. Den befreienden Schritt zum Makabren, zum Absurden, zum Wahnsinn verweigert der Film, bis zuletzt bleibt er seinem Realismus treu. Dass das gelingt, ist vor allem dem brillanten Ensemble zu verdanken, das Figuren verkörpert, die gerade in ihrer Irrationalität glaubwürdig sind. David Assmann

13.2., 19 Uhr (Cinestar 8), 15.2., 22.15 Uhr (Cubix 9), 16.2., 14 Uhr (Delphi), 17.2., 16.30 Uhr (Cinestar 8)

FORUM

Familie unter Beobachtung:

„Our Homeland“ von Yang Yonghi

Sonho staunt über die alte Gegend in Tokio, er findet keine Worte. Vor 25 Jahren hatte der Vater ihn und seine Brüder aus dem japanischen Exil nach Nordkorea zurückgeschickt, aus kommunistischer Überzeugung. Nun sehen sie sich zum ersten Mal wieder: Drei Monate darf Sonho bleiben und seinen Tumor behandeln lassen, ein humanitärer Akt. Aber nach wenigen Tagen teilt ihm sein nordkoreanischer Aufpasser mit, dass er schon wieder zurückmuss. Befehl von oben, es ist die reine Willkür.

Yang Yonghi, 1964 als Tochter emigrierter Nordkoreaner in Osaka geboren, war schon zweimal mit Dokus über ihre geteilte Familie im Forum, 2006 mit „Dear Pyongyang“, 2010 mit „Sona, the Other Myself“. In „Our Homeland“, ihrem ersten Spielfilm, schildert sie die wahre Episode einer grausam kurzen Familienzusammenführung. Der strenge Vater, die plappernde Mutter, die unbekümmerte Schwester, der meist schweigende Bruder. Alles was er sagt, kann gegen seine Familie in Nordkorea verwendet werden. Er soll die Schwester als Spitzel anwerben, sie weigert sich – und erfährt nie, ob der Abbruch des Besuchs damit zusammenhängt. Die Kamera hält sich zurück, ganz so als scheue sie selbst vor der dramatischen Geschichte zurück. Behutsam fängt sie Momente der Stille ein, der Hilflosigkeit, der Sehnsucht nach Normalität. Ein Abendessen mit Freunden, ein Rendezvous, der herzzerreißende Abschied. Die Mutter schenkt dem Aufpasser einen Anzug. Auch er soll gut aussehen, daheim in Nordkorea. Christiane Peitz

14.2., 21.45 Uhr (Cinemaxx 4), 17.2., 20 Uhr (Cubix 9)

PANORAMA

Umschnalldildos in Aktion: „Mommy is coming“ von Cheryl Dunye

Wie es sich für einen Sexfilm gehört, geht es gleich richtig zur Sache: Claudia und ihre Geliebte Dylan treiben es auf der Rückbank eines Berliner Taxis. Wichtige Utensilien: ein Umschnalldildo und eine Pistole mit übergestülptem Kondom. Ähnlich fantasievoll sind auch die übrigen, meist sado-masochistischen Sexszenen in der queeren Trash-Komödie von Cheryl Dunye.

Claudia und Dylan stecken in einer Beziehungskrise. Und dann kommt auch noch Dylans Mutter zu Besuch – genervt von ihrem Ehemann, der nicht mehr mit ihr schlafen mag. Jenen Hans spielt Panorama-Chef Wieland Speck. Wie alle spricht er Englisch, was ein hübsches Akzentewirrwarr ergibt. Weniger gelungen: die eingestreuten Statements, in denen die Schauspielerinnen über ihre Rollen reflektieren. Sie bremsen den Film unnötig ab. Nadine Lange

14.2., 21.30 Uhr (Cinemax 7), 15.2., 20.15 Uhr (Cinestar 3), 16.2., 20.15 Uhr (Cubix 7 & 8)

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