Kultur : In Rage, ohne Gage

Die Eurokrise hat längst auch die Kultur erfasst. Sie leidet unter Kürzungen, Schließungen und einer Steuererhöhungen. Von Madrid bis Dublin formiert sich Widerstand. Lageberichte aus Europa

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Geschlossen. Der fantastische Skulpturenpark mit Werken von Eduardo Chillida bei San Sebastián ist seit 2011 nicht mehr zugänglich. Der Grund: Finanznot. Foto: Gunnar Knechtel/Laif
Geschlossen. Der fantastische Skulpturenpark mit Werken von Eduardo Chillida bei San Sebastián ist seit 2011 nicht mehr...Foto: LAIF

SPANIEN

Pfeifkonzerte vor Spaniens Kulturministerium im Zentrum Madrids. Seit Wochen demonstrieren Künstler, Musiker und Schauspieler regelmäßig vor dem Ministerium gegen den „Todesstoß“, den die Kultur erleiden muss. Vor allem die saftige Anhebung der Mehrwertsteuer von acht auf 21 Prozent für Kino-, Theater- und Musikaufführungen erregt ihren Zorn. „Sie ruinieren die Gegenwart und die Zukunft in diesem Land“, empört sich Hollywoodstar und Oscar-Preisträger Javier Bardem. Die hohe Mehrwertsteuer werde „dem Krisensektor den Rest geben“.

Die spanische Wirtschaftskrise, die Millionen Menschen in Armut und Arbeitslosigkeit treibt, verschont auch die Kultur nicht. Bürger mit geringem und mittlerem Einkommen können sie sich immer weniger leisten. Bereits seit 2008 erleben Kinos, Theater und Konzertsäle einen Besucherschwund von bis zu 30 Prozent. Dieser Abwärtstrend dürfte sich nun noch verstärken.

Spaniens Musikproduzenten befürchten gar den Untergang des Kultursektors, und aus der Filmindustrie heißt es, der Anstieg der Mehrwertsteuer sei unverantwortlich: „Der Staat wird nicht mehr einnehmen, weil das Publikum wegbleibt.“ So werde man die ganze Branche erledigen. „Vielleicht wollen sie das auch“, sagt ein Schauspieler, der aus Sorge um künftige Theater- und Filmaufträge lieber anonym bleiben will. „Die Kulturszene hat den Ruf, eher links und kritisch zu sein.“ Spaniens konservativer Regierung und ihrem biederen Kulturminister Ignacio Wert passe die Steuerschraube womöglich gut ins Konzept – als „Strafaktion“ gegen die unbequeme Szene. „Theater hat etwas mit Freiheit zu tun“, sagt der Dramatiker Montxo Borrajo. „Wenn man die Eintrittspreise verteuert, nimmt man den Leuten ein Stück dieser Freiheit.“ Die Schauspielerin Rosa Maria Sarda nutzte einen umjubelten Auftritt in Barcelona, um ihr Publikum auf die Zukunft einzustimmen. „Vielleicht geht diese Art, Theater zu machen, bald zu Ende.“

Wenigstens müssen die Museen auch künftig keine Mehrwertsteuer zahlen, ihre Eintrittspreise bleiben stabil. Das freut die Touristen, die in Madrid den Prado und die Museen Reina Sofia und Thyssen-Bornemisza bevölkern oder in Barcelona Picasso, Miró und Tàpies bewundern wollen. Allerdings werden hier öffentliche Fördermittel radikal gestrichen und Sparkassen wie Banken verringern ihr kulturelles Engagement. Kleinere Institutionen mussten deshalb bereits schließen, etwa der Chillida-Skulpturenpark unweit von San Sebastián. Andere kämpfen ums Überleben wie das erst 2011 eröffnete Niemeyer-Zentrum in Asturien. Ralph Schulze

PORTUGAL

In Portugal, das seit Frühjahr 2011 am Tropf des Euro-Rettungsfonds hängt, sieht die Lage noch düsterer aus. Die Mehrwertsteuer für Kulturereignisse stieg von sechs auf 23 Prozent, der staatliche Kulturetat wurde um sage und schreibe 80 Prozent gekürzt, die Filmförderung komplett gestrichen. Viele Produktionsfirmen stehen vor dem Bankrott. ze

ITALIEN

Aus Italiens Kulturbetrieb kommt derzeit – hoppla! – eine gute Nachricht nach der anderen. Auch wenn Ministerpräsident Mario Monti bis 2015 mehr als 25 Milliarden öffentlicher Ausgaben streichen will, bleiben Kultur und Wissenschaft ungeschoren. Es bedurfte einiger Proteste, jetzt sprechen die Kulturschaffenden von „großer Genugtuung“. Ein Ausgehungerter freut sich schon über kleine Happen.

Erhalten bleibt zum Beispiel das „Centro sperimentale di cinematografia“, eine international renommierte Filmhochschule. Unangetastet bleibt die italienische Staatsdiskothek: kein Vergnügungslokal, sondern eins der größten Schallarchive Europas, mit Tonkonserven von den Zeiten der Wachszylinder-Aufzeichnung bis zum letzten Schrei der Blu-ray-Discs.

Die zweite gute Nachricht: Nach einem unsinnigen Rechtsstreit beginnt dieses Jahr endlich die überfällige Restaurierung des römischen Kolosseums. Bezahlt wird sie vom Schuh- und Modefabrikanten Diego Della Valle („Tod’s“). So spart der Staat 25 Millionen Euro und kann sein Geld in die Erhaltung anderer Kulturgüter stecken. So wurde kürzlich mitten in Palermo der 500 Jahre alte Adelspalast Branciforte wieder eröffnet, spektakulär restauriert: Das frühere Pfandleihhaus ist jetzt ein lichtes Museum. Dieser Modellfall einer Wiederbelebung zeigt, was in Italien immer noch möglich ist – während einige Straßenzüge weiter ein anderer nobler Palast zusammenkracht, weil wegen der chronisch schleppenden Bürokratie die EU-Fördergelder verfallen sind.

Italien ist beides, Ideal und Verfall. Dieses Jahr wurde bei der Kultur nicht gestrichen, aber der Kulturetat ist in den zehn Berlusconi-Jahren zuvor um 36,4 Prozent geschrumpft und der Fonds für kulturelle Veranstaltungen um 18 Prozent – trotz der Aufschläge auf die Benzinpreise, die der Kultur zugute kamen. Aber selbst wenn die Italiener auf diese Weise zweimal zahlen müssen – an der Kinokasse und an der Zapfsäule –, lassen sie sich die Kunst nicht nehmen. Die privaten Ausgaben für Kultur und Erholung sind just in den Krisenjahren um 7,2 Prozent gestiegen. Für Lebensmittel, meldet der nationale Verband für Kulturbetriebe, hatten die Italiener in derselben Zeit nur 1,4 Prozent mehr übrig. Paul Kreiner

IRLAND

Kaum hatte der neue Direktor der Dubliner Nationalgalerie, Sean Rainbird, seinen Vertrag unterzeichnet, flatterten ihm die Pläne für eine Zusammenlegung nationaler Kunstinstitutionen auf den Schreibtisch. Die Nationalgalerie soll mit dem Irischen Museum für Moderne Kunst und der Crawford Art Gallery in Cork verwaltungstechnisch zusammengelegt werden. Das Projekt ist Teil eines vom Ministerium für öffentliche Dienste und Reform betriebenen Fusionsplans. „Die Barbaren stehen vor den Toren der Nationalbibliothek“, warnt die „Irish Times“.

Noch größer als die Sorge ums Geld ist die Angst vor der Einbuße institutioneller Autonomie. Viele sehen das den Angelsachsen wichtige Prinzip der Staatsferne in Gefahr, nach dem Kulturinstitute zwar öffentlich gefördert werden, aber immer „außer Reichweite“ des staatlichen Zugriffs bleiben sollen. Die größten Schnitte hatte es gleich in der großen Sparrunde von 2009 gegeben, 2012 wurde die Förderung des irischen Arts Council noch einmal um 3 Prozent beschnitten. Es liegt jetzt bei 63,4 Millionen Euro, vor 2008 waren es 84,6 Millionen. Das Abbey Theatre, quasi das irische Nationaltheater, musste 25 Mitarbeiter entlassen, und das vom Staatssender RTE finanzierte National Symphony Orchestra strich sein Tourneeprogramm für 2012. Mit dieser Strategie – es trifft vor allem die Leuchttürme – will man die Vielfalt bewahren. Einige kritisieren das als Gießkannenprinzip. Der Schriftsteller Colm Tóibín gehört hingegen zu denen, die glauben, dass die Kunst eher in Krisenzeiten gedeiht.

Wer ins benachbarte England schaut, kann staunen, dass die Kultur Kürzungen zu überleben vermag. Als 2011 die Axt beim Arts Council England angelegt wurde und 600 Kunstorganisationen und Gruppen 100 Millionen Pfund (128 Millionen Euro) verloren, war das Geheul groß. Ein Viertel der Orchester, Theatergruppen und Galerien wurde von der Liste gestrichen. Drastisch auch die Abschaffung der bisherigen Filmförderung durch das Film Council. Der anhaltende kulturelle Reichtum, nicht nur in London, widerspricht aber vielen Befürchtungen. Schuld daran sind auch fast 100 Millionen Pfund für die „Cultural Olympiad“, die einen Schub von Aktivitäten ausgelöst haben. Fragt sich nur, wie die Kultur über die nacholympische Depression kommt: Geht das radikale Sparen dann erst los? Matthias Thibaut

GRIECHENLAND

Der Krise begegnet man in Athen auf Schritt und Tritt. In der Ermou-Straße, benannt nach Hermes, dem antiken Gott der Kaufleute, steht fast jeder vierte Laden leer. Was das mit Kultur zu tun haben kann, zeigten kürzlich Studenten der Akademie der Schönen Künste. Sie nutzten leere Schaufenster für ihre Installationen. Aus einer Vitrine grüßte ein Skelett, das ein Glas Rotwein in der knöchernen Hand hielt. In einem anderen Schaufenster lag ein schäbiger Schlafsack – eine Anspielung auf die über 20 000 Obdachlosen, die es in Athen inzwischen gibt.

Das Schuldendesaster zwingt nicht nur zehntausende Einzelhändler in die Knie, es trifft auch die Kultur. Museen und archäologische Stätten reduzieren die Öffnungszeiten, weil es an Personal fehlt. Im Archäologischen Nationalmuseum an der Athener Patission-Straße bleiben mangels Wärtern ganze Säle geschlossen. Die Ebbe in den Staatskassen bekommt auch Ioannis Manos zu spüren, der Direktor der Athener Konzerthalle. Das Megaron, wie die Athener sie nennen, wird von der gemeinnützigen „Gesellschaft der Freunde der Musik“ getragen und ist seit seiner Eröffnung vor elf Jahren zu einem Zentrum des städtischen Kulturlebens geworden. Die staatlichen Zuschüsse wurden seit 2009 um Dreiviertel zusammengestrichen. „Wir mussten die Zahl unserer Veranstaltungen um zehn Prozent reduzieren, konnten 2011 aber trotzdem 17 Prozent mehr Besucher anziehen“, sagt Manos. Seine Strategie, sich in der Krise auf weniger und nicht ganz so kostspielige Veranstaltungen zu konzentrieren, ist aufgegangen. So öffnete er auch in diesem Sommer den weitläufigen Garten für Open-Air-Konzerte, gut 8000 Menschen verfolgten hier eine Live-Übertragung der Metropolitan Opera aus New York.

Die vielen Privattheater spüren die Krise gleich zweifach: Weniger staatliche Zuschüsse und weniger Zuschauer, da ihnen das Geld für Tickets fehlt. Dennoch ist die Athener Theaterszene mit fast 200 Bühnen immer noch quicklebendig. Viele Dramatiker thematisieren die Krise – schließlich hat die Burleske in Griechenland eine lange Tradition. Auch Tagesaktuelles wird in die Vorstellungen eingebaut, oder die Schauspieler improvisieren. Zwar warten manche Schauspieler seit Monaten auf ihre Gage, aber sie spielen weiter.

Auch Sponsoren helfen. Im Stadtteil Faliron entstehen nach Plänen von Renzo Piano ein Opernhaus und der Neubau der Nationalbibliothek. Das Geld für das 570-Millionen-Euro-Projekt stammt von der Stavros-Niarchos-Stiftung, die seit dem Tod des Reeders einen Großteil seines Milliardenvermögens verwaltet. Eine halbe Milliarde Euro für die Kultur – ein Signal der Hoffnung. Gerd Höhler

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