Kultur : Inderwunder

Musikdoku 2: „Das Orchester von Piazza Vittorio“

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Sie wollen nicht. Schütteln den Kopf, freundlich, bedauernd, verständnislos. Der indische Videoverkäufer, die chinesische Shopbesitzerin, der Telefonladenbetreiber aus Bangladesh. Sie alle, auf die Frage, ob sie einen guten Musiker kennen, schütteln bloß den Kopf.

Das scheint eine Schnapsidee, die sich Mario Tronco in den Kopf gesetzt hat: ein Orchester aus Immigranten in Italien, jeder bringt seine Kultur, seine Musikkultur mit, oft schon über Generationen vererbt. Das Projekt ist gedacht als Demonstration der Stärke, der Zugehörigkeit. Hat die Regierung Berlusconi doch gerade neue, fremdenfeindliche Einwanderungsgesetze erlassen. Auf den Straßen gibt es Demonstrationen, von beiden Seiten.

Die Bühne, auf der dieses politische Drama über das Italien von heute spielt, ist die Piazza Vittorio in Rom, unweit der Stazione Termini. Hier, in den prächtigen Wohn- und Arkadenbauten des ausgehenden 19. Jahrhunderts, haben die Immigranten Platz gefunden, für kleine Shops und Straßenhandel. Hier demonstrieren aber auch Anwohner gegen die Überfremdung. Und hier steht das Kino Apollo, das geschlossen wurde, um einem BingoSalon Platz zumachen. Um es zu retten, gründet sich eine Bürgerinitiative, Apollo 11. Wenn man schon mal am Retten ist, kann man das soziale Klima gleich mitretten, finden die Organisatoren.

Das Ergebnis ist das „Orchester von Piazza Vittorio“, das seit fünf Jahren existiert, inzwischen kräftig gewachsen ist, auf Tournee gegangen ist und CDs herausgebracht hat. Dass es so weit kommt, scheint lange Zeit unwahrscheinlich, das zeigt der Dokumentarfilm von Agostino Ferrente, der das Orchester seit den ersten Tagen begleitet und der in Italien zum Kultfilm geworden ist. Zwar ist ziemlich schnell ein Konzerttermin gefunden, doch das Orchester will einfach nicht zusammenwachsen. Dem einen Musiker sind die Kollegen zu unprofessionell, der andere wird zwischenzeitlich nach Indien abgeschoben, eine Sängerin kann sich die Rhythmen nicht merken, und der Probenraum bricht immer wieder weg. Das Konzert, als es dann zustande kommt, hat eher den Charakter einer öffentlichen Probe. Aber es begeistert das Publikum. Weil für diese Truppe die Musik Demonstration ist, ein politisches Statement, eine Utopie des Zusammenlebens. Wie schwierig das ist, führt das Orchester von Piazza Vittorio vor. Aber auch, wie großartig, wenn es gelingt. Christina Tilmann

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