Indisches Kino: "Ein Junge namens Titli" : Herz bricht Hand

Mit dem Film „Ein Junge namens Titli“ wagt einer der Bollywood-Blockbuster-Produzenten, im Kino ganz offen die Probleme der indischen Gesellschaft anzusprechen.

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Bloß weg! Titli (Shashank Arora) und Neelu (Shivani Raghuvanshi) wollen raus aus dem Slum.
Bloß weg! Titli (Shashank Arora) und Neelu (Shivani Raghuvanshi) wollen raus aus dem Slum.Foto: Rapid Eye Movies

Titli heißt Schmetterling. Eigentlich ist das in Indien ein Mädchenname. Und ein bisschen ähnelt die peinigend anzusehende Ohnmacht, zu der der junge Mann dieses Namens gezwungen ist, derjenigen, zu der indische Frauen nach traditionellem Rollenverständnis verdammt sind. Was ihre untergeordnete Stellung in beinharten patriarchalen Strukturen angeht – und die Gewalttätigkeit, mit denen Väter, Brüder, Ehemänner sie ihnen aufzwingen. Nur, dass Titli (Shashank Arora), kaum dass ihn sein despotischer Bruder Vikram und der greise Vater mit Neelu (Shivani Raghuvanshi) zwangsverheiratet haben, selbst die Methoden anwendet, unter denen er zu leiden hat. Tricksen und Peinigen als einzige Chance der Familie, der Armut, dem Verbrechen, der Korruption zu entkommen. Und das Atemabschnürende daran: Man kann dem sensiblen Titli förmlich beim Verrohen zusehen, wenn er Neelu aus taktischen Gründen die Hand bricht.

Nein, es ist kein pittoreskes „Incredible India“-Werbebild, das der Dokumentarfilmregisseur Kanu Behl in seinem vergangenes Jahr auf dem Festival von Cannes gezeigten Spielfilmdebüt zeichnet. Schauplatz ist Delhi, die wuchernde Mega-City, an deren Rändern immer neue Hochhauswürfel aus dem Staub wachsen. Titli, seine beiden Brüder und der Vater wohnen traditioneller – im Slum. Abends lauern sie auf wenig frequentierten Ausfallstraßen Autofahrern der verhassten, weil beneideten neuen Mittelschicht auf und reißen deren Ehefrauen die goldenen Ohrringe raus. So blutig, so banal sehen soziale Verteilungskämpfe in einer zwischen Tradition und Moderne zum Zerreißen gespannten Gesellschaft aus.

Immerhin: Auch wenn die soziale Missstände lieber negierende indische Regierung im März erst die Fernsehausstrahlung der BBC-Dokumentation „India’s Daughter“ über Gruppenvergewaltigungen und Frauenmorde verhinderte – die Filmindustrie des Landes erkennt immer mehr ihre Verantwortung, sich der wachsenden Arm-Reich-Schere annehmen zu müssen sowie überkommener Geschlechterstrukturen. Sogar die glitzernde Vergnügungsmaschine Bollywood, die immer häufiger Geld in beeindruckende Arthaus-Filme wie diesen steckt.

„Ein Junge namens Titli“ ist das Gemeinschaftsprojekt eines Independent-Filmemachers und eines Blockbuster-Lieferanten: Aditya Chopra. Dessen Firma Yash Raj Films ist eine der erfolgreichsten Produktionsfirmen des Landes und erstmals bei einem Film dieses Inhalts und dieser Aufmachung dabei. So schmerzhaft wahrhaftig, wie das Ergebnis trotz des etwas zu versöhnlichen Happy Ends geraten ist, ist das für sich schon ein Hoffnungszeichen zukünftiger gesellschaftlicher Öffnung. Den Finger in die Wunde legen ist der erste Schritt zur Besserung.

b-ware! ladenkino, Babylon Mitte, Brotfabrik, Filmrauschpalast (überall OmU)

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