Inge Keller gestorben : Die Aristokratin

Mit Mut und Haltung auf den Thron, und von dort nicht mehr herunter: Zum Tod der großen Theaterschauspielerin Inge Keller.

Exil der Worte. Inge Keller 2000 in der Einar-Schleef-Inszenierung „Verratenes Volk“ am Deutschen Theater Berlin
Exil der Worte. Inge Keller 2000 in der Einar-Schleef-Inszenierung „Verratenes Volk“ am Deutschen Theater BerlinFoto: Imago

Wie sie sich liebten, wie sie sich wehtaten, wie sie sich zerstörten! Mutter und Sohn, Inge Keller und Ulrich Mühe: zwei, die auf einer betonten Silbe – nein, auf dem Bruchteil einer betonten Silbe – Hölle und Himmel öffnen konnten. Und sich selbst preisgaben dort. Und Himmel und Hölle wieder verschlossen schon mit dem nächsten Atemzug oder dem nächsten Schweigen. Nicht viele konnten so schweigen wie sie, und es waren alle Worte darin.

Sie waren Frau Alving und Sohn Osvald im Schlachthaus von Ibsens „Gespenstern“, Regie: Thomas Langhoff, Premiere: 1983 am Deutschen Theater. Sie haben es bis weit nach der Zeitenwende 1989 gespielt, dreizehn Jahre lang.

Es war ein Glück, als sie sich fanden, der Infinitesimalschauspieler Mühe und die Infinitesimalschauspielerin Keller, gerade noch rechtzeitig. Es ist einsam an der Spitze, Inge Keller hatte schon sehr beunruhigt von dem Thron herabgeschaut, den ihr Wolfgang Langhoff 1963 am Deutschen Theater mit seiner Inszenierung der „Iphigenie“ errichtet hatte. Umstritten zwischen Langhoff und ihr blieb immer, ob er versäumt hatte, sie dort herunterzuholen oder ob sie den Abstieg aus eigener Kraft hätte schaffen müssen. Und nun formierte sich um sie herum das, was Verächter auch das „Sporttheater“ nannten. Sprachkultur? Formbewusstsein? Proletarische Tugenden waren das nicht.

„Ich bin geboren auf der Seite des größeren Aufwands“

Hatte sie denn jemals in die DDR gepasst? Inge Keller, die Preußin, das Großbürgerkind. Jahrelang habe sie den Telefonhörer mit den Worten abgenommen: „Hier spricht die diensthabende Gräfin der DDR“. Immer, wenn die DEFA oder das DDR-Fernsehen eine Frau von gestern suchten, fiel ihr Name. Sie wusste schon, welchen Typus die wollten: „Kalt, frigide und intellektuell.“ Sie nahm es mit Haltung. Haltung ist der letzte Halt, der einem bleibt, das hat Inge Keller immer gewusst. Als Filmschauspielerin betrachtete sie sich mit Argwohn, ihre Blicke und die der Kamera wären sich nie wirklich begegnet, glaubte sie - aber "Gewissen in Aufruhr" über die kampflose Übergabe von Greifswald an die Rote Armee 1945, "Kleiner Mann, was nun?" nach Fallada und "Wolf unter Wölfen“ blieben ihr unverlierbar und sind es noch immer.

„Ich bin geboren auf der Seite des größeren Aufwands“, hat sie gesagt, genauer: in Berlin-Friedenau. Es war 1923, das Jahr, als ein Dollar 4,2 Billionen Mark kostete, Frankreich das Ruhrgebiet besetzte und in München ein kleiner, eher lächerlicher Mann einen kleinen, eher lächerlichen Aufstand probte. Ihr Vater förderte einen besonders harten altvulkanischen Stein in der Lausitz, er glitzerte bald in den Autobahnen des Reichs, und die Tochter fuhr im Mercedes ihres Vaters darüber hinweg. Später, im Bombenkrieg, stand sie mitunter mit Bruder und Schwester auf dem Dach ihres Hauses, um „dem Feind ins Gesicht zu sehen“, statt sich im Weinkeller zu verstecken.

Das war schon Mut, das war schon Haltung, und doch die eines Blattes im Wind, ziellos, letztendlich bewusstlos. Und ist sie nicht genau so auch Schauspielerin geworden, einfach mitgegangen mit einem Freund und weil sie gerade nichts Besseres vorhatte?

Aber ist Abstieg denn ein Lebensziel, Thronverzicht wünschbar?

Vielleicht war es unausweichlich, dass sie mit dem Erschrecken über sich mitten hineinfiel in den Welterklärungsfuror eines jungen Westberliner Aristokraten: Karl Eduard von Schnitzler. Sie heirateten. Nie mehr ein Blatt im Wind! Und wo geht die Sonne auf, die neue Nachkriegs-Theatersonne ohnehin? Im Osten.

250 Mal war sie seit 1948 das Pützchen in „Des Teufels General“ an Boleslaw Barlogs Schlossparktheater gewesen, doch dann ließ sie sogar eine gerade begonnene Prinzessin Eboli stehen für das Deutsche Theater unter Wolfgang Langhoff. Und eilte fortan von Rolle zu Rolle, bis sie sich auf dem „Iphigenie“-Thron wiederfand und nicht mehr wusste: Wie runter?

Wer nur existiert, insofern er arbeitet, ist besonderen Risiken ausgesetzt: Wer ist er, wenn er gerade nicht arbeitet, wenn die Rollen knapp werden, gibt es ihn dann überhaupt noch? „Ich fordere mein Recht auf mir gemäße Rollen am DT!“, hatte die sich rapide Entwirklichende ihrem Intendanten 1977 mitgeteilt. Es war keine leichte Zeit.

Aber ist Abstieg denn ein Lebensziel, Thronverzicht wünschbar?

Die Aura der Distanz machte sie zur Zauberin

Also blieb sie einfach sitzen, sie lebte schon immer im Exil der Worte, begann schließlich eine große Alterslaufbahn. Unvergessen ihr „Besuch der alten Dame“ neben Kurt Böwe. Und nicht zuletzt und immer wieder: Inge Keller als Vorleserin, ob es Thomas Manns „Betrogene“ war oder Kleists „Marquise von O.“. Eine, die sich auf das Offenlegen von Glutkernen verstand. Die Aura der Distanz, die sie umgab, machte sie zur Zauberin. Das eine war nicht ohne das andere, das wusste, wer sie noch sah, zuletzt im zweiten Teil des „Faust“ unter Michael Thalheimer am Deutschen Theater und in Robert Wilsons „Shakespeares Sonetten“ am Berliner Ensemble 2009.

Fast drei Jahre lang konnte diese stolze Frau das Bett nicht mehr verlassen, es blieb ihr nichts als Haltung, noch auf dieser Nicht-Bühne der Horizontalen.

Am Montag ist die große Schauspielerin, die einzige Aristokratin, die die DDR je hatte, im Alter von 93 Jahren in Berlin gestorben.

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