Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb : Das Risiko der Kunst

Das 40. Ingeborg-Bachmann-Lesen hat begonnen und mit ihm die Zukunft des alljährlichen Wettbewerbs. Die Statements und Reden zur Eröffnung ließen das allerdings nur ein wenig spüren.

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Burkhard Spinnen
Burkhard Spinnen eröffnete das Festival mit einer Rede zur Literatur.Foto: ORF/Puch Johannes

Das war doch mal ein hoffnungsvoller Satz, den Klagenfurts Bürgermeisterin Maria-Luise Mathiaschitz da bei der Eröffnung des 40. Ingeborg-Bachmann-Lesens sagte: „Ich kann ihnen versichern“, so Mathiaschitz in ihrer Rede, „dass ich voll und ganz hinter dem Bachmann-Preis stehe. Ich sehe dem nächsten Jahrzehnt mit Freude entgegen.“ Und nach ihr, als weitere Politiker von der SPÖ und der ÖVP und Vertreter der Sponsoren auf der Bühne kurze Statements abgaben, war dann auch von der „Finanzierungszusage 2017“ die Rede.

Die Zukunft beim Bachmann-Preis hat also begonnen, Fossil hin, immer mal wieder auftauchende Gerüchte von der Bachmannpreis-Müdigkeit des hauptsächlich den Wettbewerb ausrichtenden, finanzierenden und ihn live im Fernsehen übertragenen ORF her. In der Gegenwart des Eröffnungsabends allerdings wurde viel von der Vergangenheit gesprochen. Es gab zuhauf Ingeborg-Bachmann- und Peter Wawerzinek-Zitate, des Öfteren wurde an Marcel Reich-Ranicki erinnert, wie er etwa den großen Jörg Fauser seinerzeit auf den Platz verwies mit dem Satz „Das ist keine Literatur!“, man nannte andere Jubiläen (20 Jahre Häschenschule, der Nachwuchswettbewerb des Bachmann-Preises, 90. Geburtstag von Ingeborg-Bachmann, bald 70 Jahre Gruppe 47, eine Art Vorgängerin des Bachmann-Wettbewerbs). Und überhaupt wirkte die Welt mit ihren Brexits, Terroranschlägen und FPÖ-Siegeszügen an diesem Abend sehr weit weg und draußen. 

Das Nähkästchen der Veteranen

Der Jury-Vorsitzende Hubert Winkels holte sie zwar einmal kurz herein, in dem er auf die Aufgabe von Jury und Autoren und Autorinnen verwies, sorgfältig mit Sprache und Texten umzugehen, gerade im Hinblick auf die „Sprachverhunzungen“ der neuen Rechten. Doch gerade der Schriftsteller Burkhard Spinnen, der dieses Jahr eingeladen worden war, die sogenannte Klagenfurter Rede zur Literatur zu halten, bewies, dass die Welt beim Bachmann-Preis nur aus dem Bachmann-Preis besteht - und aus seiner Person. Spinnen gehörte bis zu seinem Ausscheiden 2014 seit 2000 der Jury an, von 2008 an war er ihr Vorsitzender. „Tatsächlich war, als man mich zu dieser Rede einlud, mein erster Gedanke der, meine Zuhörer auf einen Trip durch meine Klagenfurt Erfahrungen mitzunehmen, so wie ein munter vor sich hin plaudernder Reiseführer. Eben eine große Tour durchs Nähkästchen eines Veteranen.“

Angeblich hat Spinnen, so führte er das schließlich aus, diesen Gedanken wieder verworfen, genau wie einen langen Vortrag, den er schon geschrieben hatte  um noch einmal von vorn zu beginnen und auf den „Kern“, die „Quintessenz“ des Wettbewerbs zu kommen, überschrieben mit dem Titel „Mythos, Schmerz, Erfolg und Amt“. Und es folgte eine plauderige Rede, in der es ganz viel um Burkhard Spinnen ging, um den Bachmannpreis und wie er ihn sieht und um die Kritik daran, die böse Kritik der Kritik!, und um die Autoren und Autorinnen und ihren Schmerz - und leider wenig um Literatur, geschweige denn die Welt. „Dürfte ich dem Bachmann-Preis etwas wünschen“, so Spinnen gegen Ende seiner Rede, „dann wünschte ich ihm in Zukunft mehr riskante Texte und die Bereitschaft der Juroren und Juroren, deren Risiko mit zu tragen. (...) Ich bin der Überzeugung, dass es auf Dauer die beste Überlebensversicherung des Bachmannpreises sein wird, wenn er das Risiko der Kunst über den Tageserfolg stellt.“

Zahlreiche Autorinnen und Autoren, die die Restwelt auch mal reinholen

Riskant war allerdings insbesondere Spinnens Rede nicht, sondern erwartbar, gerade wenn man ihn lange Jahre in der Jury reden gehört hat  und so entließ Spinnen, nachdem er noch die Goldene Medaille der Stadt Klagenfurt bekommen hatte (die er sich redlich verdient hat), seine Zuhörerschaft mit dem mulmigen Gefühl in den Abend, dass die Bachmann-Preis-Welt wirklich sehr, sehr klein ist, ein höchst selbstreferenzielles System. Nur gut, dass es noch Autoren und Autorinnen gibt, die Texte lesen und zumindest manchmal die Restwelt hereinholen. Es beginnt am heutigen Donnerstag um 10 Uhr Stefanie Sargnagel (Luft, österreichischer White Trash, Pop, Komik!), gefolgt von Sascha Macht, Marko Dinic, Bastian Schneider und Selim Özdogan.

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