Inklusion zum Tanzen : Wir sind viele

In Toula Limnaios Produktion „Die einen, die anderen“ mit der brasilianischen Compagnie gira dança performen behinderte und nicht behinderte Tänzer

Vielfüßer. Die brasilianische Compagnie Gira Dança begeistert durch ihre Ausdruckskraft und Tanzwut.
Vielfüßer. Die brasilianische Compagnie Gira Dança begeistert durch ihre Ausdruckskraft und Tanzwut.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Es beginnt mit einer seltsamen Doppelung: Leonardo D’Aquino betritt in heller sommerlicher Kleidung die Bühne, er scheint auf unheimliche Weise verknüpft mit einer zwergenhaft anmutenden Kreatur, die unter einem Pelzmantel verborgen ist. Auch die Tänzerinnen in ihren transparenten Kleidchen sind bezogen auf ein dunkles Gegenbild. Das Sichtbare und Unsichtbare, das Schöne und das Groteske gehen in dem neuen Tanzstück von Toula Limnaios eine innige Verbindung ein.

Die Produktion „Die einen, die anderen“ entstand als Kooperation mit der brasilianischen Compagnie gira dança, der behinderte und nichtbehinderte Performer angehören. In Brasilien und in Berlin wurde gemeinsam geprobt, danach hat Limnaios die beiden Ensembles wieder getrennt. Die Spaltung ist eine bewusste Setzung in „die einen, die anderen“. Wenn die Berliner tanzen, sind die Brasilianer nur im Video zu sehen, und vice versa.

Zueinander finden sie nur in den tollen Videos von Giacomo Corvaia, die imaginäre Räume öffnen. Doch die beiden Teile des Stücks sind durch Spiegelungen und Korrespondenzen miteinander verklammert. Toula Limnaios lässt die Brasilianer dieselben Themen und Bilder behandeln, auch wenn das Bewegungsmaterial sich unterscheidet. Es ist eine künstlerische Begegnung auf Augenhöhe, das macht den Abend so beglückend. Einen Behinderten-Bonus gibt es hier nicht. Alle Darsteller agieren gleichberechtigt, auch wenn Limnaios die besonderen Fähigkeiten der Performer mit Handicap geschickt nutzt.

Das Stück ist ein gemeinsames Nachdenken über den Körper und über normierende Körperbilder. Michel Foucaults Radiovorträge „Der utopische Körper“ und „Die Heterotopien“ dienten als Inspiration. Wenn Leonardo D’Aquino anfangs den Meisterdenker Foucault zitiert, haut ihn nicht nur die Macht der Gedanken um. Die Performer suchen nach Halt, Männer und Frauen umklammern einander und driften auseinander. Limnaios gelingen so surreale wie komische Bilder. Katja Scholz wird von den anderen mit roten Pinseln abgestaubt wie eine kostbare Statue.

Schönheit wird zur Fessel: Wenn Scholz in ihren knallroten High Heels vorwärts stöckelt, wird sie von einem Gummiband zurückgehalten. In ihrem Retro-Bikini gibt Karolina Wyrwal die perfekte Strandschönheit ab, bis ihr Körper mit Flip-Flops ausgestopft wird und sich in eine bizarre Skulptur verwandelt. Brasilien-Klischees umschifft auch der Komponist Ralph R. Ollertz, dessen rhythmische Musik die Tänzer antreibt. Lustig ist dann die Szene, in der die Tänzer für ein Selfie posieren und eine Entenschnute ziehen.

Wenn die Brasilianer die Bühne betreten, wird das Stück grotesker, aber auch zärtlicher. Dem realen, dem scheinbar unentrinnbaren Körper wird der utopische Körper gegenübergestellt. Die kleinwüchsige Jana Santos wird von zwei Männern behutsam durch die Lüfte katapultiert. Marconi Araujo setzt seinen Rollstuhl ein, wenn er ein Duett mit der blinden Thaise Galvão tanzt. Die gibt sich mit Intuition und blindem Vertrauen ihrem Partner hin. Die Brasilianer begeistern durch ihre Ausdruckskraft und ihre Tanzwut. Die behinderten Performer gehen schon mal bis an ihre Grenzen, doch der Tanz wird nie zur Freakshow. Die einsame Körperbetrachung zu überwinden,um sich einem andern zu öffnen, darum geht es in „Die einen, die anderen“. Am Ende gab es Standing Ovations für Toula Limnaios und die Tänzer.

Halle Tanzbühne Berlin, Vorstellungen am 3. und 4., sowie vom 8. bis 11. und 15. bis 18. Juni, jeweils 20.30 Uhr.

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