Internationales Literaturfestival Berlin : Warum es Afrika nicht gibt

Taiye Selasi eröffnet das Literaturfestival mit einer fulminanten Rede.

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Das ganze Glück einer hybriden Existenz. Die Schriftstellerin Taiye Selasi in Berlin. Foto: Hartwig Klappert/Literaturfestival
Das ganze Glück einer hybriden Existenz. Die Schriftstellerin Taiye Selasi in Berlin. Foto: Hartwig Klappert/Literaturfestival

Der afrikanische Roman, behauptet ein fiktiver nigerianischer Schriftsteller namens Emmanuel Egudu in einem Denkstück des südafrikanischen Nobelpreisträgers J.M. Coetzee, „ist ein oraler Roman. Auf der Papierseite ist er träge, nur halb lebendig; er erwacht, wenn die Stimme, tief aus dem Körper heraus, den Worten Leben einhaucht.“ Er sei deshalb, so Egudu, „seinem Wesen nach, und noch bevor das erste Wort geschrieben ist, eine Kritik des westlichen Romans, der so weit auf der Straße der Entkörperlichung fortgeschritten ist – denken Sie an Henry James, denken Sie an Marcel Proust–, dass die angemessene und eigentlich einzige Art, ihn aufzunehmen, die in Stille und Einsamkeit ist.“

Egudu ist wohl nur halb so fiktiv, wie es sein tatsächlich erfundenes Gegenüber, die australische Schriftstellerin Elizabeth Costello, ahnen lässt. Für ihn hat vermutlich der Literaturprofessor Emmanuel Obiechina, ein Exeget des großen Nigerianers Chinua Achebe, Pate gestanden. Aber ist der afrikanische Roman, als dessen Neubegründer Achebe seit „Things Fall Apart“ (Alles zerfällt, 1958) mit einer guten Portion eigener Skepsis gilt, nicht selbst eine haltlose Fiktion?

„Afrikanische Literatur“, erklärte Taiye Selasi am Mittwoch in ihrer mitreißenden Rede zur Eröffnung des Berliner Literaturfestivals, „ist eine nichtssagende Bezeichnung“. An kontinentalen Einteilungen festzuhalten, sei „ein Verrat an der Komplexität der afrikanischen Kulturen und an der Kreativität afrikanischer Autoren“. Der Kontinent bestehe „aus 55 Staaten, die von den Vereinten Nationen anerkannt werden, und aus 56, wenn wir Somaliland einschließen. Über 2000 Sprachen werden auf dem Kontinent gesprochen, allein in Nigeria mehr als 400, und Südafrika, die beliebte Ausnahme, hat elf offizielle Sprachen.“

Haarsträubendes hat sie bei ihren Kämpfen für einen universalistischen, Goethe mit Edward Said und Charles Simic fusionierenden Literaturbegriff erlebt. Einen deutschen Verlag, der den Originaltitel ihres Romans „Ghana Must Go“ in „Diese Dinge geschehen nicht einfach so" änderte, weil man sonst gleich an Armut, Hunger und Krieg denke. Oder wohlmeinende Veranstalter in Hamburg, die für ihren Auftritt einen mit ostafrikanischer Kunst ausgestatteten Safariraum im Tierpark Hagenbeck wählten, der mit ihren westafrikanischen Wurzeln nicht das geringste zu tun hatte.

„How to Write About Africa“, der satirische Essay des am Bard College, upstate New York lehrenden Kenianers Binyavanga Wainaina (www.granta.com) hat zumindest, was die Erwartungen eines westlichen Publikums betrifft, Früchte getragen: „Behandeln Sie Afrika so, als wäre es ein einziges Land. Es ist heiß und staubig dort, mit weitem Grasland und riesigen Tierherden und groß gewachsenen, dünnen Menschen, die Hunger leiden.“ Wer sich an dieser Stelle nicht an den Hinterkopf fasste, um sein schlechtes postkoloniales Gewissen zu beruhigen, dem war nicht zu helfen. Die Ausrede, dass Europa, von Lagos oder Khartum aus betrachtet, manchmal wie ein von glücklichen Kühen und Hirschen umgebenes Neuschwanstein mit benachbartem Eiffelturm aussehe, verfängt hier nicht.

Was an Differenzierung Not tut, leistet freilich nicht eine neue Taxonomie allein. Selasis Vorschlag, künftig nur noch postnationale Genres wie Bildungsroman, Kriegsroman, Großstadtroman oder Liebesgeschichten zu unterscheiden, ja womöglich nur von guten oder schlechten Büchern zu sprechen, läuft jedem sinnvollen Verständnis einer aus spezifischen Zeiten und Orten gewachsenen und deshalb lebendig weiter wachsenden Literatur zuwider. Zu verschieden sind die Erfahrungshintergründe und Maßstäbe, zu eigensinnig die Formen, nach denen sie suchen, zu ausgeprägt die jeweiligen Vokabulare und Grammatiken, als dass sich alles in alles übersetzen ließe.

Wohlweislich war bei ihr deshalb zwar von den verzwicktesten Patchwork-Identitäten in der heutigen Weltliteratur die Rede, aber nicht ein einziges Mal von den Sprachen, in denen sie sich ausdrückt. Sie selbst, als Tochter eines Ghanaers und einer nigerianisch-schottischen Mutter in London geboren, in Boston aufgewachsen und mit amerikanischem Pass in in Rom lebend, betrat Schwarzafrika zum ersten Mal mit 15 Jahren. Ihr Yoruba ist mäßig, ihr Englisch dafür akzentfrei.

Mit anderen Worten: Von Wole Soyinka, dem Nigerianer, der sich sein Englisch mühsam erobert hatte und 1986 als erster Afrikaner den Literaturnobelpreis erhielt, trennt sie mehr als von Jonathan Franzen. Als fröhlich nomadisierende Autorin mag sie heute ein eindrucksvoller Prototyp sein. Doch auf jeden, der wie sie das Glück einer „hybriden Existenz“ preisen kann, kommt einer, der unter seinem Schizo-Unglück leidet. Identität ist ohne Differenz nicht zu haben. Das weiß auch Taiye Selasi. Wenn sie dabei den Abstand zu dem erkundet, was man vorschnell die afrikanische Literatur nennt, ist das die beste Voraussetzung, um zu begreifen, was sie zugleich von der sogenannten amerikanischen trennt.

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