Interview Charles Simic : „Wenn ich denke, werde ich traurig“

Philosophie und Politik: Der amerikanische Dichter Charles Simic über Verse für US-Präsidenten, die Bombardierungen von Belgrad – und die Kunst, sich beim Schreiben selbst zu überraschen.

Gregor Dotzauer
Metaphysiker des poetischen Zweifels. Der Dichter Charles Simic.
Metaphysiker des poetischen Zweifels. Der Dichter Charles Simic.Foto: Richard Drew/Poesiefestival

Mr. Simic, Sie stehen im Ruf, ein äußerst verständlicher Dichter zu sein. Was bedeutet Ihnen Zugänglichkeit?

Gedichte bestehen immer aus einer Zusammenarbeit von Leser und Autor. Man schreibt erst eine Zeile, dann eine zweite, die womöglich ganz andere Assoziationen nach sich zieht. Dieser Prozess lässt sich immer weiter aufschieben. Aber wenn man völlig darauf verzichtet, die Fantasie des Lesers in einer bestimmten Szenerie zu verankern, wird er früher oder später aufgeben. Das Leben ist kurz, und er will einfach herausfinden, ob von äußeren Geschehnissen die Rede ist oder von etwas Innerlichem. Meine Zugänglichkeit entsteht nicht bewusst, sie hat mit meinem Temperament zu tun. Ich spreche gerne mit Menschen, und ich freue mich, wenn sie antworten.

Muss er sich bei einem als schwierig geltenden Lyriker wie John Ashbery nicht sehr viel mehr gedulden?

Ja, Ashbery wirkt erst einmal dunkel. Aber er weiß genau, wie man den Leser neugierig macht. Es ist verblüffend, wie er das Interesse am Mäandern seiner Texte wachhält. Sie sind nicht von Grund auf undurchsichtig. Bei ihm versteht man auf Anhieb, wie er anfängt. Unklar ist nur, wie er fortfährt: Zack!, geht es plötzlich um etwas ganz anderes. Einige der größten Poeten waren durch und durch schwierig. Viele Gedichte öffnen sich dem Leser erst, wenn er sie wieder und wieder liest.

Die erste Zeile Ihres Gedichts „Ein Brief“ (A Letter) lautet: „Liebe Philosophen, wenn ich denke, werde ich traurig.“ Wie so viele Dichter misstrauen Sie der Philosophie. Halten Sie die Erkenntnisfähigkeit der Poesie für höher?

Davon ist wahrscheinlich jeder Lyriker überzeugt. Vor vielen Jahren war ich einmal an die Idaho State University in Pocatello eingeladen, wo sich spätnachts der schon reichlich angetrunkene Lehrstuhlinhaber der philosophischen Fakultät aufregte: „Worauf wollt ihr Dichter eigentlich hinaus?“. Alle bedeutende Poesie entwickelt Gedanken und Ideen. Auch ich will mit einer gewissen Tiefe erfassen, was es bedeutet, in dieser Welt zu leben. Und natürlich gibt es eine Dichtung, die mit rationalen und rhetorischen Mitteln argumentiert, die denen des philosophischen Diskurses ähnelt. Ich bewege mich eher in der Tradition von William Carlos Williams, der erklärte: „No ideas but in things.“ Man schaut sich die Dinge in ihrer Erfahrbarkeit an, und je sorgfältiger man es tut, desto klarer sieht man, zu welchem Zusammenhang sie sich fügen.

Lesen Sie denn philosophische Texte?

Erst auf dem Weg nach Berlin habe ich im Flugzeug ein wenig Nietzsche gelesen. Aber schon nach der Highschool schleppte ich eine Philosophiegeschichte des britischen Rundfunkintellektuellen C.E.M. Joad mit mir herum, und bald wollte ich alles lesen, was seit den Vorsokratikern als wichtig gilt. Ich fühle mich unwohl, wenn ich mich auf bestimmten Feldern nicht auskenne. Eine Weile ging mir das auch mit Physik und Biologie so.

Sie scheinen auch die Mystiker verschlungen zu haben. Nicht nur, dass Ihre Gedichte die Gesetze einer undurchdringlichen Wirklichkeit erfassen wollen, auch manche ironischen Titel sprechen für sich: „Mystic Life“ oder „The Writings of the Mystics“.

Das fing schon mit meinem Vater an, der Philosophen wie Mystiker las. Ich habe seine Neugier geerbt. Ob Buddhismus, Hinduismus oder christliche Mystik – ich habe Beziehungen in diese Richtungen, wenn auch keine organisierten. Doch von klein auf hatte ich das Gefühl, dass an unserer Seite ein unaussprechliches Etwas gegenwärtig ist, wobei ich über dieses Andere gar nicht weiter spekulieren will. Das soll der Leser für mich tun.

Vor allem Ihre frühen Gedichte, etwa das legendäre „Stone“ (Stein), in dem Sie sich die Vorzüge eines rein mineralischen Daseins gegenüber einem fleischlichen ausmalen, verwischen Sie die Grenze zwischen dem Belebten und dem Unbelebten. Solche fließenden Übergänge kennzeichnen nichtwestliche, schamanistische Traditionen. Sehen Sie Poesie auch als Ausweg aus unserer rationalitätsversessenen Welt?

Mütterlicherseits kann meine Familie auf eine 200-jährige Tradition orthodoxer Priester zurückblicken. Erst mein Großvater, ein Militär, der die Kirche hasste, machte Schluss damit. Irgendetwas davon hat sich, obwohl ich so wenig gläubig bin wie meine Mutter, wohl in meine DNA eingesenkt. Wann immer ich eine Kirche betrete, erinnere mich an die religiösen Gefühle meiner Kindheit. Aber denken Sie nur an Märchen. In ihnen findet eine ständige Metamorphose von Dingen und Figuren statt.

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