Interview mit "Birdman"-Regisseur Alejandro G. Iñárritu : Dieses verdammte Ego

Der mexikanische Regisseur Iñárritu hat gute Aussichten, mit seiner total verrückten Broadway-Komödie "Birdman" den Oscar zu gewinnen. Im Tagesspiegel-Interview spricht er über das Geheimnis der Stars, die Erotik langer Takes – und über Obamas Migrationspolitik.

von
Der mexikanische Regisseur Alejandro González Inárritu auf dem Theater-Probebühnen-Set von "Birdman".
Der mexikanische Regisseur Alejandro González Inárritu auf dem Theater-Probebühnen-Set von "Birdman".Foto: 20th Century Fox

Alejandro González Iñárritu, 1963 in Mexiko-Stadt geboren, lebt seit 2001 in Los Angeles. Berühmt wurde er mit "Babel", seinem in drei Kontinenten spielenden Episodenfilm. Auch mit „Amores Perros“, „21 Grams“ und „Biutiful“ feierte er Festival- und Publikumserfolge. Birdman oder Die Unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit ist sein fünfter Film und mit neun Nominierungen einer der heiß gehandelten Oscar-Favoriten. Die Oscar-Gala findet am 22. Februar statt. Die im St. James Theatre am New Yorker Broadway gedrehte Komödie lief als Weltpremiere auf den Filmfestspielen Venedig, wo auch dieses Interview stattfand.

Señor Iñárritu, „Birdman“ ist ein Film über unser Ich-Ideal, das mit der Realität oft wenig zu tun hat. Was hat Sie daran interessiert?

Ich wollte schon lange einen Film über das Ego machen, ich wusste nur nicht wie. Politiker zum Beispiel sind geradezu besessen von ihrem Ego und merken es nicht. In unserer Wahrnehmung gibt es keine Trennung zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir sein wollen. Selbst wenn man sich des Unterschieds bewusst ist, fällt es schwer, das auseinanderzuhalten. Noch schwerer ist es, es zu fiktionalisieren. Da war nur dieses Bild: ein Typ vor dem Spiegel, der sich mit seinem Ebenbild herumschlägt. Aber das gab noch keine Geschichte.

Waren Sie da gerade auch mit Ihrem eigenen Ego beschäftigt?
Ich wurde 50, das war ein Schlag. Was ist wichtig im Leben, warum bist du unzufrieden mit dem, was du erreicht hast, und zufrieden mit unwichtigem Kram? Das Ego suggeriert dir, du bist der Größte, manchmal wirkt es wie ein Gift. Ich wollte nicht mehr von meinem Ego besessen sein, also warf ich es in diesen Film, um mich von ihm zu befreien.

Einen Film über Schauspieler. Sie haben schon mit vielen Stars gearbeitet, Brad Pitt, Cate Blanchett, Sean Penn, Javier Bardem, Naomi Watts, Miichael Keaton...
... es ist eine ganz besondere Spezies, die ich bis heute nicht verstehe. Sie sind von einem Geheimnis umgeben und extrem exponiert, heutzutage mehr denn je, wegen des Internets und der sozialen Netzwerke. All das vergrößert noch das Rampenlicht, dem sie ausgesetzt sind. Gleichzeitig besteht ihr Handwerk darin, permanent in engem Kontakt zum eigenen Gefühlshaushalt zu stehen und jederzeit mit physischer Präzision zu aktivieren, was sie emotional mit sich herumschleppen. Es ist paradox: Sie müssen auf so ehrliche Weise wie möglich jemand anderes sein, in einem ganz bestimmten Scheinwerferlicht, an einer ganz bestimmten Bodenmarkierung, und im nächsten Moment albern sie wieder herum. Kaum sage ich „Action“, sind sie wieder von diesem Anderen besessen. Wahnsinn!

Sie haben selber eine Theaterausbildung.
Seitdem fasziniert mich das Phänomen. Trotzdem wollte ich keinen Film ausschließlich über Schauspieler drehen. Ich hoffe, dass jeder sich und seinen Kampf mit dem Ego darin wiederfindet.

Michael Keaton spielt „Birdman“, er war mal Batman. Haben Sie das als Kind geguckt?
Ja sicher, aber ich bin auch erwachsen geworden. Dieser Hype um Superhelden ist doch schrecklich: Ist die Welt von Teenies bevölkert? Bei den Franchises tun sie dann so, als ob es um tiefe mythologische Wahrheiten geht, dabei rennt da nur ein Typ im Latexanzug herum und brät den Leuten eins über.

Sparringspartner: Michael Keaton als Birdman alias Riggan Thomson und Edward Norton als sein Gegenspieler Mike Shiner.
Sparringspartner: Michael Keaton als Birdman alias Riggan Thomson und Edward Norton als sein Gegenspieler Mike Shiner.Foto: 20th Century Fox

Welche Beziehung haben Sie als Regisseur denn zu Ihren Schauspielern?
Es gibt zwei Sorten von Schauspielern. Die einen arbeiten von außen nach innen, die anderen von innen nach außen. Handelt es sich um einen Schauspieler, der nur die Kulissen und die Kostüme sehen muss, um zu wissen, was los ist, oder um einen, der über die früheren Beziehungen und den Weingeschmack seiner Figur Bescheid wissen muss? Erst wenn ich das begriffen habe, kann ich ihm oder ihr mit größtmöglicher Klarheit das nötige Instrumentarium an die Hand geben. Michael Keaton zum Beispiel ist eher der Instinkttyp, Edward Norton der intellektuelle.

Und wie ist der Kampf mit Ihrem eigenen Ego ausgegangen?
„Birdman“ hat mich als Filmemacher in meinen Grundfesten erschüttert. Film besteht aus der Fragmentierung von Zeit und Raum. Bei meinen früheren Produktionen saß ich Monate lang im komfortablen Schneideraum und fügte die Story in einem hochintelleken Montage-Prozess zusammen. Ich kaschierte meine Fehler, zeigte die Schauspieler von ihrer besten Seite, manipulierte die Form, das Timing, den Ton, den Rhythmus. Da gibt es eine Menge Sicherheitsnetze, ehrlich gesagt, es hat auch mit Faulheit zu tun. Ich war ganz schön faul.

Für „Babel“ auf drei Kontinenten zu drehen, das klingt nicht gerade nach Faulheit.
Aber es ist anders. Diesmal musste ich schon während des Drehs bei jeder Szene exakt entschieden haben, von wo aus erzählt wird, wer wann warum vor die Kamera läuft, welchen Beat der Film hat, welchen inneren Rhythmus. Wegen der extrem langen Takes musste es möglichst beim ersten Mal sitzen, man konnte nicht zwanzig verschiedene Möglichkeiten ausprobieren. Es ist, wie wenn man ohne Punkt und Komma schreibt: Da muss man wissen, was man zu sagen hat.

Die Montage ist doch etwas Tolles im Film!
Kino entsteht im Schneideraum. Ich liebe diesen Prozess, er steckt voller Schönheit. Aber wenn ich jetzt einen dieser normal geschnittenen Film sehe, denke ich, verdammt, das ist doch Stückwerk! Ich will nicht das eine gegen das andere ausspielen, aber den Bilderfluss finde ich jetzt noch schöner. Keine Collage, kein Blinzeln, ein klare, reine Leinwand.

0 Kommentare

Neuester Kommentar