Interview mit dem "Mutter & Sohn"-Regisseur : Glanz und Elend der Neureichen

Calin Peter Netzer wurde in Rumänien geboren und wuchs in Deutschland auf. Hier spricht er über Heimatlosigkeit, seine Rückkehr nach Rumänien, über postkommunistische Ehen, Lowbudgetfilme und 14-Stunden-Drehs.

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Calin Peter Netzer hat "Mutter & Sohn" für nur 700 000 Euro realisiert. Foto: Media Office
Calin Peter Netzer hat "Mutter & Sohn" für nur 700 000 Euro realisiert.Foto: Media Office

Calin Peter Netzer ist ein leiser Mann. 1975 in Siebenbürgen geboren, aufgewachsen in Deutschland, lebt er heute in Bukarest. Er spricht Deutsch mit leicht schwäbischem Anklang, er sagt oft „wahrscheinlich“ und „ich glaube“, wenn er über seinen Film spricht. Die Sprache des Exilanten? Vielleicht liegt es daran, dass er viele Jahre nicht dort leben konnte, wo er sich heimisch fühlte, „Mutter & Sohn“ gewann auf der Berlinale 2013 den Goldenen Bären und hatte in Netzers wiedergefundener Heimat Rumänien 100 000 Zuschauer – so viele wie ein amerikanischer Blockbuster, sagt der Regisseur. Bereits für seine ersten beiden Spielfilme, "Maria" (2003) und "Medals of Honor" (2009) gewann der zahlreiche internationale Preise.

Herr Netzer, der rumänische Originaltitel Ihres Films lautet „Die Stellung des Kindes“. „Child’s Pose“, unter diesem Namen gewann er auf der Berlinale den Goldenen Bären. Was ist damit gemeint?
Die „Child’s Pose“ ist eine einfache Yogaposition, die an die Stellung des Fötus im Mutterleib erinnert. Cornelia, die Mutter im Film, nimmt diese Position ein, bevor sie zu den Eltern des von ihrem Sohn überfahrenen Kindes geht. Der deutsche Verleihtitel „Mutter & Sohn“ verweist eher auf das pathologische Verhältnis zwischen Cornelia und ihrem Sohn Barbu.

Gewöhnlich heißt es, die enge Bindung erwachsener Söhne an ihre Mütter sei ein speziell südeuropäisches Phänomen. Kommt das in Osteuropa auch so häufig vor?
In Rumänien auf jeden Fall. Im Kommunismus gab es nicht so viele Scheidungen wie im Westen. Auch wenn die Ehe nicht mehr so richtig lief, blieben die Eltern oft wegen der Kinder zusammen. Auch in meinem Film ist das so – die Eltern sind wegen Barbu zusammengeblieben.

Sie sind jetzt 38 Jahre alt, Barbu ist 35. Hat Ihr Protagonist Ähnlichkeiten mit Ihnen?
Ja, ziemlich viele. Ich habe das Drehbuch zusammen mit Razvan Radulescu geschrieben, es ist das Ergebnis zahlreicher quasi therapeutischer Gespräche über unsere Mütter.

Warum ist „Mutter & Sohn“ denn ein so düsterer Film geworden?
Cornelia gehört der oberen Gesellschaftsschicht an, alles sollte sehr luxuriös erscheinen. Ich wollte, dass dieser Film anders aussieht als meine anderen und die der Kollegen aus meiner Generation. Es gibt viele Innenaufnahmen, die Kamera ist immer sehr nah an den Figuren. Die Idee war, dass die Zuschauer mit ihnen leben sollen. Wir haben digital mit zwei Kameras gedreht, am Anfang gab ich den Kameramännern die Freiheit, die Geschichte auf ihre Art zu zeigen. Gemeinsam entwickelten wir dann ein visuelles Konzept – es steht für Intimität.

Kürzlich gab es Berichte über eine rumänische Schmiergeld-Landkarte, die anzeigt, wo welche öffentliche Leistung am billigsten zu haben ist. Mussten Sie Schmiergeld bezahlen, um drehen zu können?
Nein, nein … Ich weiß nicht, vielleicht ist mir nicht mehr bewusst, was man normalerweise zahlt und was Schmiergeld ist, weil es zum Alltag gehört. Die Sachen sind oft untrennbar vermischt. Aber für die Dreherlaubnis – nein, ich denke nicht.

Wie sind denn generell die Produktionsbedingungen in Rumänien?
Schwierig. Mein Film wurde größtenteils vom nationalen Filmzentrum gefördert, das übrige Geld stammt von rumänischen Werbeagenturen. Die können einen Film, der vom Filmzentrum subventioniert wird, mitfinanzieren und auf diese Weise Steuern sparen. Hier gibt es eine große Konkurrenz unter den Projekten. Wir brauchten ein Jahr, um das Budget zusammenzubekommen. Dann machten einige Werbeagenturen pleite und wir hatten nicht die veranschlagten 1,2 Millionen Euro zur Verfügung, sondern nur 700 000 Euro. Also drehten wir 14, 15 Stunden am Tag und ich arbeitete mit Theaterschauspielern zusammen, das war eine sichere Sache. Ich hatte gar keine Zeit, lange zu casten.

Sie sind als Achtjähriger nach Deutschland gekommen und leben inzwischen wieder in Rumänien. Warum?
Mein Vater fuhr 1981 als Zahnarzt zu einem Kongress nach Westdeutschland und blieb; meine Mutter und ich kamen 1983 nach. Wahrscheinlich habe ich mich hier nie richtig eingelebt, ich überlegte immer, ob ich nicht besser nach Rumänien zurückkehre. Nach dem Schulabschluss ging ich zum Studium nach Bukarest, obwohl meine Eltern wollten, dass ich in Berlin oder München oder sogar in Amerika studiere, in Los Angeles oder in New York. Aber ich wollte das Land nicht noch einmal wechseln. Es war für mich schon traumatische Erfahrung genug, als Kind aus Rumänien nach Deutschland zu kommen.

Fühlen Sie sich in Rumänien denn wieder zu Hause?
Ich bin in Cluj, im siebenbürgischen Klausenburg, aufgewachsen, im Norden des Landes. Dort ist der Einfluss von Deutschland und Österreich-Ungarn noch stark zu spüren, weit mehr als in Bukarest, das ganz im Süden liegt. In Deutschland war ich ein rumänischer Aussiedler und als ich zurückkam, wurde ich als Deutscher gesehen. Da ich nicht in meine Heimat, sondern in die Hauptstadt ging, hat es ohnehin ein paar Jahre gedauert, bis ich heimisch wurde.

Ist die Elite, von der Sie erzählen, eine neue Elite oder sind es dieselben Leute, die schon unter Ceausescu zur Oberschicht gehörten?
Ich glaube, es sind teilweise dieselben. Cornelia ist Architektin, ihr Mann Arzt. Sie wohnen in einer großen Villa, wahrscheinlich ein Haus, das im Kommunismus beschlagnahmt worden war und das die Familie durch Beziehungen bekommen hat. Gleichzeitig sind sie eher Intellektuelle. Chirurgen verdienen in Rumänien oft mehr als in Deutschland. Am Anfang des Films, auf Cornelias Geburtstagsfest, kann man sehen, wie alle gern Beziehungen zu den Neureichen pflegen, um von deren Glanz und Geld zu profitieren.

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