• Interview mit DHM-Präsident: Raphael Gross: „Auch das 16. Jahrhundert ist aktuell“

Interview mit DHM-Präsident : Raphael Gross: „Auch das 16. Jahrhundert ist aktuell“

Über Extremismus und EU-Krise nachdenken - aber aus einer historischen Perspektive: Der neue Präsident des Deutschen Historischen Museums Berlin über "historische Urteilskraft".

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Demnächst in der Pressefoto-Ausstellung des DHM. Regierungstruppen auf dem Brandenburger Tor, Januar 1919.
Demnächst in der Pressefoto-Ausstellung des DHM. Regierungstruppen auf dem Brandenburger Tor, Januar 1919.Foto: ullstein bild/DHM,dpa

Herr Gross, das Deutsche Historische Museum beschreibt sich selbst als „Deutschlands nationales Geschichtsmuseum“. Das klingt geradezu amtlich. Wie schwer ist es, diesem Anspruch gerecht zu werden?

Der genaue Anspruch lautet, die gesamte deutsche Geschichte im europäischen Kontext zu präsentieren. Das ist eine große Herausforderung. Und ein Ansporn für unser Haus, weil es bedeutet, dass wir Generalisten sein müssen. Es gibt keine Spezialisierung in einer engeren Weise, wir beschäftigen uns nicht etwa nur mit dem Exil, dem Mittelalter oder dem Nationalsozialismus. Darin liegt auch der Reiz. Denn über Geschichte denken wir nicht fragmentiert nach, sondern können große Bögen schlagen. Dabei können wir auf eine hervorragende Sammlung mit fast einer Million Objekten zurückgreifen.

Kann man heute überhaupt noch Nationalgeschichte erzählen oder zeigen?

Das hängt davon ab, was man darunter versteht, Geschichte als Nationalgeschichte zu erzählen. Eine Version davon war gewiss immer schon falsch: Geschichte so zu erzählen, als gäbe es ein mythisches Wesen, die deutsche Nation, das mit einem Auftrag in die Weltgeschichte geworfen wurde, den man allmählich enthüllen und erfüllen soll, und den Historiker und historische Institutionen als berufene Ausdeuter des Volksgeistes zu ergründen haben, um aus ihm die Aufgaben der Nation für die Zukunft zu deuten. Etwas anderes ist, wenn man danach fragt, wie sich Geschichte als Geschichte von Nationalstaaten formte und entwickelte.

So oder so: Geschichte ist keine exakte Wissenschaft, wie etwa die Logik. Es geht um eine Mischung aus Quellen, die ein bestimmtes Vetorecht ausüben, wie Reinhart Koselleck es treffend auf den Punkt gebracht hat, und Erzählungen. Die Nationalgeschichte beschränkt sich naturgemäß auf die Periode vom 18. Jahrhundert bis heute. Das ist ein deutlich kürzerer Zeitraum, als das, was unser Haus zu zeigen beansprucht.

Sie sind in der Schweiz geboren, haben lange in Großbritannien und Deutschland gelebt. Wird mit Ihnen die Ausrichtung des Hauses europäischer, internationaler?

Oder nationaler und engstirniger? Es hängt ja nicht vom Pass ab, den man besitzt, wie verbohrt man womöglich ist. Die Leute, die mich berufen haben, haben sicher nicht als Erstes überlegt: Wo sollte der neue Präsident herkommen? Sie haben sich gewisse Fähigkeiten und Erfahrungen gewünscht, dann vielleicht Dinge ausgeschlossen, die sie auf keinen Fall haben wollten und am Ende es offensichtlich nicht als Ausschlussgrund gesehen, dass ich nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitze, nicht einmal EU-Bürger bin.

Was das für Folgen hat? Ich wäre vorsichtig damit, starr vom Präsidenten auf das ganze Haus mit fast 250 Mitarbeitern zu schließen. Das wäre eine obrigkeitsstaatliche Fantasie, die wir alle nicht so mögen. Es zeigt sich aber eine gewisse Liberalität und Offenheit bei denjenigen, die entschieden haben. Auserkoren wurde ich im November 2016, kurz nach der Wahl von Donald Trump und dem Brexit, in einer Situation der Verunsicherung. Als Historiker habe ich mich gefreut, dass ich in ein Haus kommen werde, das über das Instrumentarium verfügt, um über drängende Themen wie Extremismus, Sexismus, Demokratie-, EU- und Euro-Krise nachzudenken. Aber aus einer historischen Perspektive heraus.

Zur Person

Raphael Gross, 1966 in Zürich geboren, gilt als „intellektueller Zirkusdirektor“ (Die Welt). Diese Fähigkeit wird der Schweizer brauchen, denn das Deutsche Historische Museum, das er seit wenigen Tagen leitet, machte lange Zeit mit internen Querelen Schlagzeilen. Der Historiker, der 1997 mit einer Arbeit über „Carl Schmitt und die Juden. Strukturen einer deutschen Rechtslehre“ promovierte, lehrte an der Freien Universität Berlin, in Bochum, an der University of Sussex und zuletzt in Leipzig. Von 2006 bis 2015 leitete er das Jüdische Museum in Frankfurt am Main. Daneben leitete er das dortige Fritz Bauer Institut. Raphael Gross ist mit der Künstlerin Andrea Büttner verheiratet.

Raphael Gross, neuer Präsident des Deutschen Historischen Museums.
Raphael Gross, neuer Präsident des Deutschen Historischen Museums.Foto: dpa

Haben Sie eine Vision für Ihre Arbeit?

Keine Vision, aber ein Stichwort, das zeigen soll, worum es hier geht: Historische Urteilskraft. Ausstellungen zu machen, die sich mit Fragen beschäftigen, die brennen. Die können allerdings auch im 16. Jahrhundert liegen. Das kann eine Ausstellung zu Religionskriegen sein und der Frage: Wie schaffen es kleinste theologische Differenzen größte Emotionalitäten freizusetzen? Und wie schafft man es, sie wieder einzuhegen? Solche Ausstellungen machen mir am meisten Spaß. Die Analogien liegen auf der Hand. Wobei sie oft auch falsch sind, auch darüber kann man diskutieren. Wie oft wird Weimar und seine Krise mit irgendeiner Sache verglichen – meistens stimmt es nicht.

Bedeutet der Leitbegriff „historische Urteilskraft“, dass die Besucher das Museum klüger verlassen sollen?

Wenn uns heute eine Schulklasse besucht und nach zwei Stunden wieder rausgeht, dann hat sie vielleicht etwas über deutsche Kolonialgeschichte gelernt. Aber was haben sie davon, dass sie sich das angeschaut haben? Vielleicht eine gewisse Sensibilität gegenüber Menschen, die heute in ehemaligen deutschen Kolonien leben, bei einem Besuch in Namibia würden sie mit einem anderen Hintergrund auf sie zugehen. Sie könnten auch anders darüber urteilen, wenn von dort aus Forderungen an den deutschen Staat formuliert werden. Das wäre das Ideal: Dass die Besucher ein anderes Verhältnis zur Welt bekommen, in der sie leben.

Sollen die Besucher auch lernen, der Geschichte zu misstrauen?

Es gibt den Begriff der „ästhetischen Urteilskraft“, er stammt aus der dritten Kritik von Kant. Hier in meinem Direktorenzimmer könnten wir uns vielleicht darauf einigen, dass die weißen Regale hässlich sind. Und die Holzschnitte, die an der Wand hängen, schön. Aber warum? Uns würde es schwer fallen, allgemeingültige Kriterien dafür zu finden. Übertragen auf die Historie heißt das, dass wir uns womöglich darauf verständigen können, wie wir bestimmte Ereignisse einzuschätzen haben. Und dass wir das auch wollen, dass wir Verständigung darüber suchen. Obwohl es auch dort keine Kriterien gibt, die so klar sind wie in der Logik. Geschichte besteht nicht aus Gleichungen.

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