Interview mit Dominik Graf : Wider die Diktatur der Moderne

Der Regisseur Dominik Graf steht mit den "Geliebten Schwestern" im Berlinale-Wettbewerb. Im Interview spricht er über den Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit und warum er mit einem Friedrich-Schiller-Kostümfilm Preischancen hat.

von
Dominik Graf, 61, erhielt für seine rund 50 Filme – Autorenkino sowie anspruchsvolle TV-Krimis und -Serien – zahlreiche Preise. Auf der Berlinale ist er Stammgast, hier liefen
Dominik Graf, 61, erhielt für seine rund 50 Filme – Autorenkino sowie anspruchsvolle TV-Krimis und -Serien – zahlreiche Preise....Foto: picture alliance / dpa

Herr Graf, während ein Festival wie die Berlinale vor Gegenwart birst, sagen Sie zu Ihrem Schiller-Film, dass die Menschen aus der Vergangenheit immer interessanter werden. Wie meinen Sie das?

Wir Menschen heute wissen oder verstehen immer weniger über das Leben. Durch unsere abgesicherten Verhältnisse und kleinbürgerlichen Sehnsüchte marginalisieren wir unsere Weltsicht. Die Menschen in der Vergangenheit lebten in großen Gefährdungen und dachten in großen Visionen, in gesellschaftlichen Utopien wie in Liebesutopien.

Und darauf sind Sie gestoßen, als Ihnen die Dreiecks-Liebesgeschichte von Schiller und den Schwestern von Lengefeld als Filmstoff angetragen wurde?

Ja, alle drei sind in der Lage, Gefühle nicht nur zu haben, sondern auch auf imposante Weise zu verbalisieren. Auch sind sie lebensklüger: Der Liebestraum, den sie 1788 beginnen, trägt in den frohen, zuversichtlichen Gedanken auch die Möglichkeit des Scheiterns in sich. Vielleicht, weil jeder damals wusste, dass er am nächsten Tag von einer Krankheit dahingerafft werden konnte. Es war ein Leben auf der Kante, die Verzweiflung gehörte immer dazu.

Können Sie Ihre eigene Projektion zurück in die Geschichte von dem unterscheiden, wie es damals gewesen sein könnte?

Das kann ich letztlich natürlich nicht. Aber man darf sich die Vergangenheit, glaube ich, auch ein bisschen erwünschen, so wie wir uns bei „Der Rote Kakadu“ die DDR zusammengebastelt haben.

Die Wettbewerbsfilme der Berlinale 2014
'71Yann Demange, Regisseur aus London, drehte bisher vor allem Miniserien fürs Fernsehen. Vor sieben Jahren nahm er am Talent Campus teil, jetzt präsentiert er sein Langfilm-Debüt im Wettbewerb des Festivals. 1971 in Belfast: Dem Rekruten Gary wird bei einem Handgemenge die Waffe entrissen. Gemeinsam mit einem Kameraden jagt er den Dieb und erlebt auf dem Rückweg zur Kaserne eine albtraumhafte Nacht. Großbritannien, 98 Min., R: Yann Demange, D: Jack O’Connell, Paul Anderson, Sean HarrisWeitere Bilder anzeigen
1 von 24Foto: Twentieth Century Fox
28.01.2014 17:54'71Yann Demange, Regisseur aus London, drehte bisher vor allem Miniserien fürs Fernsehen. Vor sieben Jahren nahm er am Talent...

Dieser Film lief 2006 auf der Berlinale, es ging um die Dresdner Rock ’n’ Roll- und Dissidentenszene Anfang der 60er Jahre.
Es gab damals Authentizitäts-Ärger, weil ja jeder noch genau weiß, wie die DDR wirklich war. Schiller ist zum Glück keine Zeitgeschichte, kaum einer kann da Jackenknöpfe beurteilen oder die unauthentische Farbe der Tinte kritisieren. Ein Normal-Gebildeter wie ich weiß gerade noch, dass Schiller verheiratet war und Kinder hatte. Als Uschi Reich von der Bavaria mir den Stoff vorschlug, hat mich diese komplexe Liebesgeschichte sehr überrascht.

Wie haben Sie recherchiert?
Mich hat Geschichte schon immer interessiert. Die französischen Historiker aus den 70er, 80er Jahren mag ich besonders, weil sie auch versuchen, der Alltags- und Emotionsgeschichte nachzugehen. Wie hat man sein Fühlen geäußert oder behielt man es überwiegend für sich? Wie verklemmt war das Bürgertum, wie freizügig die Aristokratie? Die Menschen hatten einen anderen Gefühlshaushalt.

Sie sagen, damals war die Liebe etwas anderes als heute, gleichzeitig rühmen Sie das Moderne an Schiller. Was macht ihn zu unserem Zeitgenossen?
Dazu gibt es ein nur mündlich überliefertesZitat von Adorno: „Die an sich schon abscheuliche Frage, was uns Schiller heute zu sagen hat, sollte mit der Gegenfrage erwidert werden, was haben wir Heutigen Schiller zu sagen?“ Seine Theaterstücke sind mir immer als das Rasanteste und am besten Konstruierte in der deutschen Dramatik erschienen. Und in seinen geschichtlichen Werken erweist er sich als großartiger Erzähler. Der Ausschnitt über die Inquisition, den er im Film von Zahnschmerzen geplagt vorträgt, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren, so stark ist seine Vorstellungskraft.

Modern erscheint in Ihrem Film auch der Mitteilungsdrang der Liebenden. Ständig wechseln sie Briefe, deren Frequenz der Kommunikation im Twitter- und SMS- Zeitalter in nichts nachsteht.
Die Verbalisierung der Gefühle war manchmal wichtiger als die Gefühle selbst. Oft schrieben sie einander drei Briefe täglich, einer acht Seiten, einer drei Seiten lang und abends noch eine Karte hinterher. Ein schöner Satz machte die Gefühle noch schöner. Es war auch ein hektisches Liebesverschwörertum, mit ständigen Briefverschickungen durch Boten und Postkutschen. Da ging auch mal ein Brief verloren oder geriet an den falschen Adressaten. Wir kennen ja solche Missgeschicke: Mails, die zu früh abgeschickt werden oder versehentlich an die falsche Adresse gehen. Aber es ist natürlich viel hässlicher, Computer und Tabulatoren abzufilmen als Leute, die von Hand schreiben.

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben