• Interview mit Jazzmusiker Branford Marsalis: „Die Leute glauben, wenn keiner singt, dann ist es Jazz“

Interview mit Jazzmusiker Branford Marsalis : „Die Leute glauben, wenn keiner singt, dann ist es Jazz“

Star-Saxofonist Branford Marsalis spielt in Neuhardenberg – ein Gespräch über Proben, Pop und nickende Köpfe.

Tobias Richtsteig
Aus einer Musikerfamilie. Der Saxofonist Branford Marsalis wurde 1960 in New Orleans geboren.
Aus einer Musikerfamilie. Der Saxofonist Branford Marsalis wurde 1960 in New Orleans geboren.Foto: Stephen Sheffield/Sony

Herr Marsalis, Sie geben seit einer Weile Solokonzerte. Wollen Sie sich mit einer solchen Tour de Force herausfordern?

Alles, was ich tue, ist eine Herausforderung. Klar, ein Konzert ganz alleine zu bestreiten, ist hart. Aber ich bin überrascht, wie sehr es den Leuten gefällt, dass ein Mann in einer Kirche steht und Saxofon spielt. Die meisten mögen sonst eher Sänger, keine instrumentale Musik.

Haben Sie deshalb Kurt Elling als Gast zu „Upward Spiral“, dem neuen Album ihres Quartetts, eingeladen?
Die Frage war nie: Lasst uns mal ein Album mit Sänger machen, wen könnten wir denn einladen? Nein: Es ist ein Album mit Kurt, weil er seine Stimme wie ein Musiker einsetzt. Viele Sänger haben genau eine Art gelernt, zu singen – er ist vielseitig.

Sie haben sich vor den Aufnahmen in New Orleans getroffen und vier Abende in einem Club gespielt.
Das waren unsere Proben! Wir spielten dieselben Songs zweimal jeden Abend, hielten fest, was uns gefiel und was man anders machen könnte. Jazz darf nicht zu viel geprobt werden. Am besten, man lernt die Stücke kennen und geht dann gleich ins Studio. Sonst legt man sich zurecht, wie das Ganze klingen sollen, aber man lässt es nicht mehr live geschehen. Wenn man weiß, was man spielen wird, klingt es wie ein eingeübter Zaubertrick.

Zusammen mit Kurt Elling spielen Sie jetzt Gershwin-Klassiker, Bossa nova und Stings Ballade „Practical Arrangement“. Genießen Sie es, einmal nicht den Virtuosen spielen zu müssen?
Ich spiele gerne virtuos, aber nicht auf Kosten der Musik. Beides zugleich können vor allem klassische Musiker, während Jazzer oft die komplexesten Sachen spielen, bei ihnen klingt das jedoch oft wie Information.

Sie sind als Sohn eines Jazzpianisten in New Orleans aufgewachsen, wieso haben Sie zuerst Popmusik gespielt?
Na ja, als Schulkind in den 70ern habe ich hauptsächlich Funk und klassische Musik gehört. Ehrlich gesagt vor allem Gustav Mahlers dritte Sinfonie. Weil die mein jüngerer Bruder Wynton üben musste. Anfangs mochte ich das überhaupt nicht. Aber irgendwann habe ich gemerkt: Das ist großartig! Und ich habe die Platte immer wieder aufgelegt.

Und wie kamen Sie von da zum Jazz?
Ich hatte mit 14 angefangen, Pop zu spielen. Da brauchte ich noch Stunden, um einen einzigen Song zu lernen. Als ich 15 war, ging das in ein paar Minuten, und mit 16 konnte ich Songs mitschreiben, wie sie aus dem Radio kamen. Diese Sachen sind ja mit Absicht einfach gehalten. Aber als ich 19 wurde, hab ich mich gefragt: Willst du das wirklich dein Leben lang machen? Zum Glück wohnte ich damals mit dem Schlagzeuger Marvin „Smitty“ Smith zusammen, und der hatte zwei Miles-Davis-Platten, „Nefertiti“ und „Miles Smiles“. Als ich die hörte, war mir klar: Das ist die Musik, die ich spielen will! Das war interessanter, als bloß in einer Funkband im Bläsersatz zu sein.

Vor gut 30 Jahren waren Sie mit Sting unterwegs. Heute arbeiten Jazzmusiker wie Robert Glasper oder Kamasi Washington mit Hip-Hop–Stars wie Kendrick Lamar zusammen. Freut es Sie, dass Sie mit ihrem Crossover immer noch Nachfolger finden?
Für mich ist Kamasi Washington nicht wirklich ein Jazzmusiker. Er hatte nie eine Jazzband. Und Robert Glasper ist auch nicht wirklich ein Jazzpianist, er wechselt ständig rüber zu Groove und Hip-Hop. Wenn man bei mir überhaupt von Crossover reden will, dann habe ich zuerst Pop gespielt und bin dann zum Jazz gewechselt. Stings Musik zu spielen, das war für mich eine Rückkehr zu den Anfängen.

Aber was spricht denn dagegen, wenn Leute wie Washington und Glasper versuchen, mit Jazz ein breites Publikum anzusprechen?
Sie spielen Jazz – aber sie sind keine Jazz-Spieler. Okay, Kamasi spielt instrumentale Musik und klingt, als habe er mal eine Pharoah-Sanders-Platte gehört. Aber seine Band ist eine Hip-Hop-Band. Er hat Streicher und Chorsänger, und das macht diesen riesigen Sound. Aber dann siehst du das Video und alle nicken beim Spielen mit den Köpfen. Genau was sie machen, wenn sie Hip-Hop spielen. Das Einzige, was sie mit Jazz verbindet, ist die Tatsache, dass jeder mal ein Solo bekommt. Wenn keiner singt, muss es wohl Jazz sein: Das glauben eine Menge Leute.

Das Gespräch führte Tobias Richtsteig. Das Branford Marsalis Quartet mit Special Guest Kurt Elling spielt an diesem Freitag um 20 Uhr ein Konzert im Sommergarten von Schloss Neuhardenberg.

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