• Interview mit Michael Eissenhauer: Museums-Chef verteidigt den Masterplan Museumsinsel

Interview mit Michael Eissenhauer : Museums-Chef verteidigt den Masterplan Museumsinsel

Der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, Michael Eissenhauer, wirbt im Interview für das Humboldt-Forum mit den außereuropäischen Sammlungen im Schloss. Außerdem äußert er sich zur städtischen Brache am Kulturforum und zu den Folgen des Gurlitt-Funds für Berlin.

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25.01.2011 09:25Einzigartig in der deutschen wie europäischen Kulturlandschaft: die Berliner Museumsinsel. 1830 öffnete hier mit dem Alten Museum...

Michael Eissenhauer, Jahrgang 1956, leitet die Staatlichen Museen zu Berlin seit 2008. Als promovierter Kunsthistoriker arbeitete er zuvor u.a. am Deutschen Historischen Museum in Berlin und als Leiter der Staatlichen Museen Kassel. Von 2003 bis 2010 war er Präsident des Deutschen Museumsbundes. Zu den von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz getragenen Staatlichen Museen gehören 15 Sammlungen, darunter die Nationalgalerien, das Alte und das Neue Museum, das Bode-Museum und die Sammlung Berggruen. 2012 war es zum Streit über die Neuordnung der Museen gekommen. Der Masterplan von Eissenhauers Vorgänger Peter-Klaus Schuster sieht einen Umzug der Alten Meister zur Museumsinsel vor; eine internationale Petition machte sich für den Verbleib in der Gemäldegalerie am Kulturforum stark. 2013 wurde eine Variantenstudie erarbeitet, die den Verbleib der Altmeister und einen Neubau für die unter Platznöten leidende Kunst der Moderne empfiehlt. Im Tagesspiegel-Gespräch äußert sich Eissenhauer zunächst zu aktuellen Fragen der Provenienz und der Restitution.

Herr Eissenhauer, der Schwabinger Kunstfund hat die deutsche Öffentlichkeit in Aufregung versetzt. Welche Folgen hat er für die Staatlichen Museen zu Berlin?

Derzeit keine. Wir sollten aber nicht ausschließen, dass die verantwortlichen Provenienzforscher und Juristen, die den Gurlitt-Fund untersuchen, auch Werke aus unseren Museen finden können.

Das Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal will Rückgabeansprüche stellen, wenn ein Werk aus seinem Bestand auftaucht. Werden Sie das auch tun?
Die Beschlagnahme aus öffentlichen Einrichtungen zur NS-Zeit war durch das Einziehungsgesetz von 1938 legitimiert. Da dieses Gesetz nie aufgehoben wurde, können wir auch keine Ansprüche stellen. In Wuppertal ist die Situation eine andere: Die Werke gehörten dem damaligen Kunst- bzw. Museumsverein.

Umgekehrt gibt es Rückgabeforderungen an die Staatlichen Museen, etwa beim kostbaren Welfenschatz aus dem Kunstgewerbemuseum. Wie steht es darum?
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist bekannt für ihren transparenten und vorbildlichen Umgang mit Fragen der Provenienzforschung. Im Fall des Welfenschatzes haben wir uns mit den Anspruchstellern nicht einigen können und uns deshalb auf die Anrufung der Limbach-Kommission verständigt. Sie soll dabei helfen, eine faire und gerechte Lösung zu finden. Für Mitte Januar ist ein Termin anberaumt. Für uns steht immer im Vordergrund, dass die Werke öffentlich zugänglich bleiben: Das kulturelle Erbe gehört der ganzen Menschheit, wir Museen sind gewissermaßen nur Treuhänder.

Die Museumsinsel - Ein Überblick
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25.01.2011 09:25Einzigartig in der deutschen wie europäischen Kulturlandschaft: die Berliner Museumsinsel. 1830 öffnete hier mit dem Alten Museum...

Wie viele Werke unklarer Provenienz befinden sich denn noch in den Staatlichen Museen?

Unsere Bestände werden systematisch und nach und nach auf ihre Provenienz hin untersucht. Hier sind schon umfangreiche Arbeiten geleistet worden. Aber es gibt eine einfache Formel: Grundsätzlich besteht bei jedem Werk, das vor 1945 entstanden und nach 1933 in den Besitz eines Museums gelangt ist, die Möglichkeit, NS-verfolgungsbedingt entzogen worden zu sein. Schon als Präsident des Deutschen Museumsbundes habe ich darauf hingewiesen, dass es nicht allein um Gemälde und Graphik geht, sondern jüdischen Bürgern jeweils ihr komplettes Eigentum entzogen wurde. Wo sind das Tafelsilber, die Möbel, das Porzellan, die Teppiche und Wandbehänge geblieben? Wir müssen uns mit allen in Frage kommenden Objekten befassen. Hier sind wir bereits mit verschiedenen Forschungsprojekten und Provenienzforschern auf einem guten Weg.

15 Museen beteiligen sich gegenwärtig an einer Ausstellung und einer Website zur Rekonstruktion der Sammlung des Berliner Galeristen Alfred Flechtheim. Warum ist Berlin nicht dabei?
Die Sammlung Flechtheim und ihr Verbleib sind noch nicht vollständig erforscht. Wir sind bisher gut damit gefahren, uns grundsätzlich nur zu abgeschlossenen Fällen zu äußern. Nach unserem aktuellen Kenntnisstand besitzen wir keine Werke, die sich nach 1933 noch bei Flechtheim befanden. Aber sobald es belastbare Erkenntnisse in dieser Richtung gibt, wenden wir uns von uns aus an die Erben.

Warum haben die Museen das Thema Restitution erst so spät entdeckt?

Restitutionen gab es bereits unmittelbar nach Kriegsende durch die Westallierten und in der Bundesrepublik. Wegen der deutschen Teilung wurden die Berliner Museen aber erst nach ihrer Wiedervereinigung in die Lage versetzt, noch unklare Fälle abschließend zu prüfen. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat schon 1990, und somit vor der Washingtoner Erklärung 1999, einen entsprechenden Stiftungsratsbeschluss herbeigeführt und mit der Arbeit begonnen. Und auch der Zeitgeist ist wichtig: Bis in die Achtziger Jahre hinein galt die offensive Rückführung der durch die Nationalsozialisten verfemten Kunst in öffentliche Sammlungen als Wiedergutmachung an der verfolgten Moderne. Der Erinnerungskontext zwischen der so genannten „Entarteten Kunst“ und verfolgungsbedingt entzogenem Kunstbesitz war zwar sicher vorhanden, aber man ging davon aus, dass das Thema durch die Wiedergutmachungsgesetze erledigt ist.

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