Interview mit Theater-Festivalmacherin Frie Leysen : „Wir brauchen frisches Blut“

Was früher "Spielzeit Europa" war, heißt heute "Foreign Affairs": Die Berliner Festspiele öffnen ihr allherbstliches Theater-Festival für ein jüngeres Publikum. Ein Gespräch mit Programmchefin Frie Leysen.

Patrick Wildermann
Zuhause in der Welt. Frie Leysen gibt in Berlin ein Intermezzo und zieht weiter nach Wien. Foto: Berliner Festspiele
Zuhause in der Welt. Frie Leysen gibt in Berlin ein Intermezzo und zieht weiter nach Wien. Foto: Berliner FestspieleFoto: WAZ FotoPool

Frau Leysen, es heißt, Sie mögen den Begriff Kuratorin nicht. Dabei haben Sie den Beruf doch quasi erfunden.

Habe ich das?

Internationale Festivalprogramme zusammenzustellen, die Kunstsparten zu kreuzen, da waren Sie Vorreiterin.

Ja, aber in meinen Augen setzen Kuratoren erst ein Thema und stellen dann ein Programm zusammen, das dazu passt. Ich begreife mich eher als Antenne, die aufnimmt, was in der Luft liegt. Dem biete ich eine Plattform. Die Künstler sollen nicht meine Überzeugungen illustrieren.

Sie verantworten jetzt für ein Jahr das neue Festival „Foreign Affairs“ der Berliner Festspiele. Was reizt Sie an diesem Intermezzo? Eine Perspektive können Sie dem Festival nicht geben.

Das stimmt, dafür bräuchte man drei oder vier Jahre. Aber ich habe mich viel mit meinem Nachfolger Matthias von Hartz beraten, damit nicht jedes Jahr eine Palastrevolution ansteht. Die Änderungen, die ich im Kopf habe, trägt er mit, in seinem Stil. Wenn ich weg bin, gibt es also keinen Bruch.

Wie legen Sie den Titel aus, wer hat da mit wem eine Affäre?

Ich mochte den alten Titel „Spielzeit Europa“ nicht. Erstens will ich keine ganze Spielzeit entwerfen. Für ein internationales Festival ist die Verdichtung extrem wichtig. Die Künstler sollen aufeinander clashen, jedes Projekt muss im Kontext mit den anderen stehen. Außerdem will ich nicht nur über Europa reden. Wir bieten eine Affäre mit der Welt an.

In der Eröffnungsinszenierung „Las Multitudes“ von Federico León stehen 108 Berliner auf der Bühne. Ist das ein Identifikationsangebot an die Stadt?

Nicht in erster Linie. Die Aufführung erzählt von der Liebe, die ist universell. Aber gleichzeitig stimmt es schon. Wenn man die Leute auf der Bühne sieht, denkt man: Da steht Berlin. Wir haben fünf Generationen versammelt, von kleinen Kindern bis zu sehr alten Menschen, Männer wie Frauen. Es ist wie ein Querschnitt durch diese Stadt. An Internationalität ohne lokale Dimension glaube ich nicht.

Sie haben eine mutige Idee: Sie machen Hausbesuche, bei denen Sie in Privatwohnungen Ihr Programm erläutern. Kommen viele Anfragen?

Oh ja, erst neulich war ich auf einem 30. Geburtstag zu Gast! Ich finde es toll, dass die Leute so neugierig sind, das ist typisch deutsch. Das Ganze ist inspiriert von den Tupperware-Partys. Sie laden Ihre Freunde ein, bieten ein Glas Wein an, dann komme ich vorbei und erzähle über das Festival und die Hintergründe. Ich finde das wichtig, weil es ein Programm ist, das nicht nur die großen Namen präsentiert.

Thomas Oberender, der neue Intendant der Berliner Festspiele, hat die Eintrittspreise deutlich gesenkt. Sie wollen also neues Publikum, über Charlottenburg-Wilmersdorf hinaus?

Wen lädt man ein, wenn ein Ticket 50 Euro kostet? Und wenn man zu zweit ins Theater geht, hat man noch keinen Babysitter. Und auch kein Bier getrunken. Ich war ein bisschen schockiert. Das ist vertretbar, wenn ein Festival über vier Monate läuft und man eine Vorstellung pro Monat sehen will. Ich lade die Leute aber ein, in einem Monat zehn Stücke zu sehen! Da muss man konsequent sein und es ermöglichen. Außerdem will ich ein möglichst diverses Publikum erreichen, aus ganz Berlin. Es braucht hier frisches Blut.

Die „Spielzeit Europa“ hat auf Stars wie Isabelle Huppert oder Robert Lepage gesetzt. Sie bieten dagegen sperrige Avantgarde. Glauben Sie wirklich, dass sich ein Publikum so schnell austauschen lässt?

Nein, ich zeige keine sperrige Avantgarde und ich möchte die bisherigen Zuschauer behalten, ich habe nichts gegen dieses Publikum! Es genügt mir nur nicht.

Sie bespielen kleinere Bühnen wie die Sophiensäle und das Ballhaus Ost. Dafür bleibt wenig im großen Festspielhaus in der Schaperstraße.

Ich finde, die Arbeit diktiert den Ort, nicht umgekehrt. Wenn ein Künstler eine Inszenierung macht, die Intimität braucht, dann muss man das respektieren. Die Sophiensäle haben ein junges Publikum, vielleicht kommen die Leute nicht alle gleich nach Wilmersdorf, gehen wir also zu ihnen.

Vor dem Festspielgebäude errichtet der Japaner Kyohei Sakaguchi ein Haus aus Sperrmüll, der Pianist Marino Formenti spielt darin drei Wochen lang. Was erzählt das?

Die japanische Gesellschaft ist sehr hierarchisch, jeder folgt blind dem Anführer. Kyohei verweigert sich dem und gründet seine eigene Regierung. Das mag naiv erscheinen, aber durch solche Aktionen gibt es in Japan ein politisches Erwachen. Marino Formenti stößt dazu und fragt: Warum ist der Rahmen für ein Konzert so codiert, dass man 40 Minuten brav auf einem Stuhl sitzt, dann ein Bier trinken darf, dann geht es 40 Minuten weiter? Er spielt von elf Uhr morgens bis elf Uhr abends. Wenn die Zuhörer fünf Minuten bleiben möchten, okay, wenn sie zehn Stunden da sitzen, auch gut. Man kann sein Buch mitbringen, seine Arbeit, und den ganzen Tag in der Musik leben. Das erzählt ziemlich viel!

Viele Ihrer Künstler kennen wir aus dem HAU. Lässt Berlin wenig Raum für Neues?

Es sind jetzt genug Künstler vertreten, die noch nie in Berlin waren. Dazu kommt, dass die Bühnen des HAU vergleichsweise klein sind. Wo in Berlin kann man die großen Arbeiten von Künstlern wie Anne Teresa De Keersmaeker oder Boris Charmatz sehen? Wenn mir jetzt vorgehalten wird, dass die überall auftauchen, sage ich: Stimmt! Aber das sind auch unglaublich wichtige Künstler. Ich mache ein Festival für das Publikum, nicht für den Inzest-Club der Professionellen.

Mit dem Kunstenfestival in Brüssel haben Sie das Prinzip 1994 ausgebaut und Pionierarbeit geleistet. Heute dagegen droht der Festival-Overkill.

Wir brauchen große, internationale Festivals. Aber wenn man ein Cluster von drei Tagen in eine Spielzeit baut und das schon Festival nennt, implodiert das Wort tatsächlich. Klar, ein Festival verkauft sich besser. Aber das finde ich gefährlich.

Mit der Zahl der Festivals nimmt auch die Konkurrenz zu. Gerade erleben wir ein Wettrennen um Künstler aus dem arabischen Raum.

Ich habe 2007/2008 ein Festival im arabischen Raum gemacht, „Meeting Point 5“, da gab es null Interesse für arabische Künstler. Das ist die Perversion des Marktes. Wir im Westen lieben Misere, Armut, Krieg – sofern es irgendwo anders passiert. Das illustriert dann wieder unsere Überlegenheit.

Bald gehen Sie nach Wien, um anstelle von Shermin Langhoff Schauspielchefin der Wiener Festwochen zu werden. Sind Sie gar nicht beleidigt, dass Sie nicht zuerst gefragt wurden?

Nein, es gab ja nicht die Wahl: Shermin Langhoff oder ich. Wir stehen für ganz unterschiedliche Ansätze. Aber als Intendant Markus Hinterhäuser mich angefragt hat, war ich eigentlich entschlossen, nach Südkorea zu gehen. Da brauchte ich erst ein bisschen Bedenkzeit.

Der Regisseur Alvis Hermanis hat Ihre Berufung zum Anlass genommen, Ihre Programmphilosophie zu kritisieren. Er sprach von einer „Obsession für Multikulti-Theater aus exotischen Ländern mit postmigrantischem Pathos“. Möchten Sie etwas darauf erwidern?

Nein. Ich möchte nicht, dass das mehr Aufmerksamkeit bekommt, als es wert ist. Alvis Hermanis hat gerne auf meinem „Multikulti-Festival“ in Brüssel gespielt. Er kann mich kritisieren. Das kümmert mich nicht. Aber es ist eine Beleidigung für all die großartigen Künstler in meinem Programm.

Er sprach auch von einer „globalen Tendenz bei internationalen Theaterfestivals, sich vom Theater selbst abzulösen.“

Ich plädiere für Toleranz und Vielfalt. Wenn wir im Theater so dogmatisch werden, dass es nur eine Form geben darf, die das wahre Theater ist, dann haben wir echt ein Problem.

Interview: Patrick Wildermann

Sie gilt als Mutter des internationalen Festivalbetriebs: Die Belgierin Frie Leysen, Jahrgang 1950, ist eine der einflussreichsten Kuratorinnen – wobei sie diese inflationär gebrauchte Bezeichnung nicht mag.

Für die Berliner Festspiele hat sie die Reihe „Foreign Affairs“ organisiert, die Nachfolgerin der „Spielzeit Europa“, die eher auf große Namen und teure Produktionen setzte. Vier Wochen lang, vom 28. September bis 26. Oktober, zeigen die „Affairs“ Theater, Tanz, Performance, quer durch

Berlin und nicht nur im Haus der Festspiele.

Dort eröffnet der Argentinier Federico León

am Freitag das Festival.

Insgesamt laufen

22 Produktionen,

darunter Stücke von Brett Bailey, Boris Charmatz, Erna Ómarsdottir, Markus Öhrn, Anne Teresa de Keersmaeker, Rodrigo Garcia, Fabian Hinrichs, Romeo Castellucci. Es soll ein optimistisches Festival sein, voller Schönheit und Utopie. Infos: www.berlinerfestspiele.de

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