Interview mit Tugan Sokhiev : „Ich will wieder Bühnenluft atmen“

Der Dirigent Tugan Sokhiev über russische Verhältnisse, Repertoire und Opernregie.

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Zurück in die russische Heimat. Tugan Sokhiev verlässt das DSO, wird aber als Gastdirigent wiederkommen.
Zurück in die russische Heimat. Tugan Sokhiev verlässt das DSO, wird aber als Gastdirigent wiederkommen.Foto: Erik Weiss/DSO

Herr Sokhiev, Sie verlassen Berlin, um sich ganz auf Ihren Job als Musikchef des Moskauer Bolschoitheaters zu konzentrieren. Reagiert das Publikum in Deutschland eigentlich anders als in Russland?

Das russische Publikum ist sehr leidenschaftlich. Das liegt an unserem Grundcharakter. Musik geht uns unmittelbar ans Herz. In Berlin wird vielleicht analytischer zugehört, aber auch in der Philharmonie haben das DSO und ich sehr oft einen wunderbaren, warmen Applaus erhalten.

Um ein Orchester klanglich zu formen, braucht ein Dirigent einen langen Atem, haben Sie im letzten Interview mit dem Tagesspiegel gesagt. Konnten Sie in Berlin Ihr Ziel erreichen?

Ich denke, ja. Ohne zu sprechen, ohne große Erklärungen bekomme ich von den Musikern des DSO, was ich mir vorstelle. Jeder Dirigent braucht seinen individuellen Klang, finde ich. Das ist wie die eigene Handschrift, die ja auch einmalig ist. Die Herausforderung besteht darin, diese musikalische Vorstellung so zu kommunizieren, dass man sie gemeinsam umsetzen kann. Das hat viel mit gegenseitigem Vertrauen zu tun.

Lange Beziehungen sind also eigentlich sehr wichtig für Dirigenten?

Ja, absolut. Meine Beziehung zum DSO beispielsweise reicht bis ins Jahr 2003 zurück. Dadurch fühlt es sich immer wie ein Nachhausekommen an.

Warum haben Sie sich trotz der Erfolge in Berlin für Moskau entscheiden? Aus patriotischem Pflichtbewusstsein?

Schauen Sie, alles, was ich als Musiker bin, verdanke ich dem russischen Ausbildungssystem. Ich will jetzt etwas zurückgeben. Aber das wichtigste Kriterium war, dass ich genauso gerne Oper dirigiere wie Konzerte. Nach 13 Jahren, in denen ich mich vorrangig auf die Sinfonik konzentriert habe, wollte ich wieder mehr Bühnenluft atmen. Ich liebe die Stimmung, bevor der Vorhang hochgeht, mit allen Erwartungen an das, was passieren wird – das ist ein Gefühl, das sich in einem Konzert so niemals einstellt.

Im Konzertsaal können Sie als Dirigent das Geschehen allein kontrollieren.

Das stimmt. Im Opernbetrieb müssen sehr viele Faktoren zusammenkommen, damit sich die Magie einstellt. Das macht es ja gerade so spannend.

Das Bolschoitheater galt in den vergangenen Jahren als Schleudersitz. Ihr Vorgänger Vassili Sinaisky beispielsweise kündigte Anfang Dezember 2013 von einem Tag auf den anderen.

In der Tat ging da eine Zeit lang ziemlich viel durcheinander. Die Berufung von Vladimir Urin zum Intendanten war darum ein Glücksfall. Er hat bereits an einem anderen Moskauer Opernhaus, dem Stanislawski-Theater, bewiesen, dass er ein hervorragender Manager ist. Er kann wirklich ein Ensemble führen. An einem Repertoirehaus mit 3000 Angestellten wie dem Bolschoitheater kann es ja nicht nur darum gehen, Stars einzuladen, die für ein paar Vorstellungen gastieren, sondern alle Mitglieder des Ensembles nach ihren Fähigkeiten einzusetzen. Wir haben um die 50 fest angestellte Gesangssolisten, dazu kommen ein 120-köpfiger Chor, 250 Orchestermusiker, 230 Balletttänzerinnen und -tänzer. Das sind alles sensible Künstlerpersönlichkeiten! Da ein harmonisches Zusammenleben zu organisieren, ist eine große Kunst. Und die beherrscht unser Intendant. Sein Führungsstil ist absolut transparent, und darum gibt es auch keinen Grund mehr für Intrigen.

Was ist Ihre Vision für das Haus?

Ich bin mit dem Ziel angetreten, an jedem Abend eine gleichbleibende Qualität zu garantieren. Das ist neu. Früher hat man sich darum nicht so intensiv gekümmert, man dachte immer nur von Premiere zu Premiere. Aber es ist ja das Niveau des Repertoirealltags, an dem man die Verfassung eines Opernhauses erkennt, nicht an den Gala-Abenden. Darum ist es mir wichtig, neben den berühmten Gastdirigenten und -solisten, die wir einladen, auch ein Ensemble mit exzellenten Künstlern aufzubauen, die das Repertoire pflegen können. Neben den neuen Produktionen müssen 23 weitere Inszenierungen frisch gehalten werden.

Wie lange läuft Ihr Vertrag?

Noch bis Anfang 2018. Eine Verlängerung steht also im nächsten Jahr an.

Wollen Sie weiter in Moskau arbeiten?

Nach zweieinhalb Jahren kann ich sagen, dass wir auf einem wirklich guten künstlerischen Niveau angekommen sind. Wir haben einige sehr spannende Neuproduktionen herausgebracht, Robert Carsen hat „Rigoletto“ inszeniert, David Alden „Billy Budd“. Und wir haben „Rodelinda“ von Händel gemacht, mit dem Barockmusik-Spezialisten Christopher Moulds. Da hat sich das Moskauer Publikum die Ohren gerieben und gefragt: Ist das wirklich das Orchester des Bolschoitheaters, das da so großartig Händel spielt? Aber unsere Musiker sind einfach sehr gut, sie können nicht nur Tschaikowsky spielen. Gerade bereiten wir Berlioz’ „La Damnation de Faust“ vor, in der Inszenierung von Peter Stein.

Macht es den Job leichter, wenn Sie mit den Mitarbeitern in Ihrer Muttersprache reden können?

Klar, die russische Sprache ist mein persönlicher Hintergrund, mein kulturelles Erbe. Andererseits bin ich ja künstlerisch in St. Petersburg sozialisiert worden und hatte nie geplant, nach Moskau zu gehen. Aber die Perspektive, mit Vladimir Urin zusammenarbeiten zu können, hat mir die Entscheidung leicht gemacht.

St. Petersburg und Moskau sind traditionell scharfe Konkurrenten …

… das sehe ich nicht so. Es sind zwei wunderbare Städte, mit zwei individuell ausgeprägten musikgeschichtlichen Entwicklungen, die nebeneinander existieren. Ein gesundes Maß an Wettbewerb schließt das natürlich nicht aus.

In St. Petersburg regiert Valery Gergiev am Mariinsky-Theater, der bekannteste und dank seiner engen Freundschaft mit Präsident Putin mächtigste Maestro Russlands. Nehmen Sie das als Konkurrenz wahr?

Er hat sich sehr für mich gefreut, als ich das Angebot vom Bolschoi bekam. Und ich werde stets dankbar sein für die zwölf Jahre, in denen ich regelmäßig am Marijnsky dirigiert habe. Gergievs Blick auf die Dinge ist übrigens viel weiter, wirklich global – er würde sich nicht mit einem Konkurrenzkampf zwischen Marijnsky und Bolschoi abgeben. Bei unserem letzten Gespräch sagten Sie: ,90 Prozent der Regisseure haben keine Ahnung von Oper, und ich habe keine Lust, sechs Wochen meines Lebens bei Proben zu verschwenden mit Menschen, die auf der Bühne Philosophie betreiben wollen.‘

Hab ich das wirklich gesagt? Nun ja, es stimmt.

Für den Musikchef eines Opernhauses ist das eine eher komplizierte Ausgangslage … Wir müssen eben die zehn Prozent unter den Regisseuren finden, die intelligent sind. Als ich Peter Stein getroffen habe, um mit ihm über die „Damnation“ zu sprechen, haben wir dafür die Partitur aufgeschlagen und über musikalische Inhalte gesprochen. Normalerweise nehmen Regisseure ausschließlich das Libretto zur Hand. Weil sie nur am Text interessiert sind. Ich will aber mit Leuten arbeiten, die Musik lesen können. Ich rede nicht über traditionelle oder moderne Inszenierungen, ich spreche über ein musikalisches Basiswissen. Ich stelle mich ja auch nicht im Restaurant vor den Küchenchef und tue so, als wüsste ich mehr über das Kochen als er.

Lassen sich in Russland Regisseure vom Schlage eines Peter Stein finden? Oder wollen alle im westlichen Stil inszenieren?

Wir hätten längst eine Generation von jungen Künstlern heranziehen sollen, die differenzierter denkt. Aber keiner hat sie unterstützt. Wir laden jetzt bewusst junge russische Regisseure ein.

Herbert von Karajan hat irgendwann angefangen, Opern nicht nur zu dirigieren, sondern auch noch selber zu inszenieren.

So weit würde ich nie gehen. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob es sein Ego war oder er einfach keinen Regisseur finden konnte, der seinen Ansprüchen genügte. Ich finde, jeder sollte das tun, was er am besten kann. Ich mag keine Amateure. Ich will mit Profis zusammenarbeiten.

Das Bolschoitheater ist ein kulturelles Aushängeschild. Der Kreml mischt sich häufig in die Kultur ein.

Wir genießen volle künstlerische Freiheit. Das Einzige, was die Politik will, ist, dass dieses Theater wieder in seinem früheren Glanz erstrahlt. Wenn der Saal voll ist, haben wir alles richtig gemacht. Derzeit liegt unsere Auslastung bei 97 Prozent.

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