Interview mit Wladimir Sergijenko : Lieber Wodka als “Kalter Blitzkrieg”

Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Wladimir Sergijenko über ein Frühwarnsystem für politische Sackgassen, die Ukraine-Krise und den Fußball als Verständigungsinstrument.

Wladimir Sergijenko wurde in der Ukraine geboren, lebt in Deutschland und ist viel in Russland unterwegs.
Wladimir Sergijenko wurde in der Ukraine geboren, lebt in Deutschland und ist viel in Russland unterwegs.Foto: privat

Herr Sergijenko, Sie sind in der Westukraine geboren, oft in Russland unterwegs und leben seit über 20 Jahren in Deutschland. Bei Lesungen zu Ihrem Buch„Russisch Fluchen“ klären Sie die Zuhörer auf, wie Wodka richtig zu trinken ist. Trinken Russen und Ukrainer unterschiedlich?
Nein. Ich will auch keine Unterschiede suchen. Es gibt eine slawische Trink-Kultur. Anlässe gibt es ja immer. Getrunken wird bei Festen oder Trauerfeiern, bei Depressionen oder großer Freude, im Gespräch oder auf der Suche nach Dialog. Leider lassen die heutigen Probleme immer weniger Zeit, uns auf diese Weise näher zu kommen.


Gibt es denn fundamentale Unterschiede zwischen Russen und Ukrainern?
Gibt es fundamentale Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschen? Vor und und nach der Berliner Mauer? Vermeintlich fundamentale Unterschiede zwischen den Menschen sind oft nur ein schiefes Spiegelbild, das von einer gesamtgesellschaftlichen Ausrichtung geworfen wird, beeinflusst von geltenden Normen und Interessen. Mein Vater hatte zu diesem Thema ein etwas scherzhaft gemeintes Gleichnis. Ein Westukrainer und ein Russe sitzen vor ihren Häusern, da fallen Steine vom Himmel. Der Westukrainer nimmt das ganze Dach auseinander, repariert es ordentlich und braucht dafür den ganzen Tag. Der Russe klebt in zehn Minuten alles mit Klebeband zu, stellt einen Eimer drunter und nutzt den Rest des Tages, um Dostojewski oder Tolstoj zu lesen. Vielleicht auch um selbst zu schreiben. Einige würden sagen: um Wodka zu trinken. Dann fallen ein halbes Jahr später wieder Steine und beide handeln wie beim ersten Mal. Und so geht es weiter und weiter. Am Ende ist es doch so: Der eine hat sein Leben genossen, kennt Feuchtwanger und Moliere – und hat einer Dachschaden. Der andere hat auch sein Leben genossen, sein Dach ist in topp, seine kulturelle Bildung mäßig. Man darf dieses Gleichnis nicht plump verstehen, es geht nicht um Faulheit oder so etwas. Sondern um eine grundsätzliche Haltung, wie die Menschen mit der Zeit umgehen, die ihnen vom Leben vergönnt wurde. Doch diese Unterschiede verschwinden ohnehin. Heutzutage verbringen Intellektuelle genauso wie Facharbeiter den ganzen Tag bei Facebook. Einen fundamentalen
Unterschied findet man heute weniger zwischen „Völkern“ als zwischen Menschen, deren Smartphone 600 Euro kostet und gar keines haben.


Fühlen Sie selbst sich heute als Ukrainer, Russe oder Deutscher?
Ich bin in Lemberg geboren, mein Vater ist aus Sibirien und meine Mutter aus der Ukraine. Bei uns zu Hause wurde Russisch gesprochen. Mir ist als Jugendlicher erst mit der Zeit aufgefallen, dass ich in den Augen mancher Nachbarn die „feindliche“ Sprache benutzte. Ich fühle mich als Europäer. Damit meine ich aber nicht EU-Europa. Sondern allgemeine zivilisatorische Werte, die von Lissabon bis Wladiwostok gelten.


Ist in Ihrer Heimat Lemberg etwas vom Krieg im Osten zu spüren?
Dort sind keine Einschläge von Granaten zu hören, keine Panzer zu sehen. In den Cafés entspannen sich die Menschen. Touristen und Einheimische kriegen vielleicht mal jemanden in Uniform zu sehen, das ist alles. Von außen betrachtet ist Lemberg einfach nur eine der schönsten Städte Europas. Doch natürlich ziehen auch Menschen aus Lemberg in den Krieg.


Viele Freundeskreise und Familien in Russland und der Ukraine haben sich wegen des aktuellen Konfliktes zerstritten. Wie ist es bei Ihnen?
Ich diskutiere mit meiner Familie nicht über den Konflikt. Mein Vater sagt: Wir leben in einer Ära der „Juntas“, dieser Gruppen von Kriegstreibern, die zu ihrem eigenen Vorteil kämpfen. Er meint damit nicht nur die Ukraine, sondern die ganze Welt. Meine Mutter hat noch die Bilder aus ihrer eigenen Kindheit im Kopf, aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie guckt lieber kein Fernsehen mehr.


Welche Nachrichten sehen Sie am liebsten?
Wenn ich die deutschen, die ukrainischen und die russischen gesehen habe, dann bin ich besser informiert, als wenn ich nur einseitige Berichte einer Seite gesehen habe. Gerade im aktuellen Konflikt wird versucht, Menschen mit Wörtern auszutricksen, sie in Schubladen zu stecken und einzuordnen. Die einen kämpfen gegen „Faschisten“ und meinen damit alle Ukrainer. Die anderen sehen in den Russen manipulierte „Zombies“ und wollen „Anti-Zombie-Pillen“ erfinden. Alle werden unter Druck gesetzt dafür oder dagegen zu sein, ja oder nein zu sagen. Aber es ist kein Krieg zwischen Faschisten und Zombies. Das ist kein Spiel. Der Krieg im Donbass ist eine
Tragödie im Herzen Europas!


Wie stehen Sie zur Maidan-Revolution?
Ich begrüße es, dass die neo-feudale Ära von Janukowitsch vorbei ist. Leider schadet auch der heutige ukrainische Präsident seinem Land, wenn auch auf eine andere Art und Weise. Doch wenn ich das Verhalten von EU-Politikern in dem Konflikt sehe… es ist eine Blamage.


Wieso?
Keiner der Vermittlungsversuche hat geklappt. Die bisherigen Verhandlungen haben alles verschlechtert. Es ist kurzfristige, kleinteilige Politik, die da gemacht wird. Es wird hoch gepokert und geblufft. Ständig haben wir Diskussionen um mehr oder weniger Sanktionen gegen Russland. Es geht hin und her… das ist aber kein Beachvolleyball. Diese Politik ist eine der vorprogrammierten Katastrophen. Überall entstehen neue gesellschaftliche Minen, von denen manche als Spätzünder detonieren. Was wir heute brauchen, ist ein Frühwarnsystem für politische Sackgassen.


Wie sollte das aussehen?
Nach den Attentaten von Paris wurde viel über die Verteidigung westlicher Werte gesprochen. Diesen Werten war für viele am besten gedient, indem Zeitungen die Karikaturen von "Charlie Hebdo" nachdrucken. Natürlich ist Terrorismus absolut zu verurteilen, da sind sich alle zivilisierten Menschen einig. Was mir fehlt, sind Ideen für einen Mechanismus, der auch diejenigen schützt, die sich von den Karikaturen beleidigt fühlen. Wir haben hier wieder nur Schwarz und Weiß, dafür und dagegen. Als wäre jeder, der gegen die Karikaturen ist, ein Feind! Ich bin beispielsweise dagegen, dass Kinder solche Karikaturen sehen. Auf Zigarettenverpackungen gibt es Warnhinweise: Rauchen schadet Ihrer Gesundheit! Jeder soll sagen und malen, was er will. Aber bei manchen Zeitschriften wäre es besser, sie in blickdichte Folie einzuwickeln und darauf zu schreiben: Das Lesen dieser Zeitschrift kann ihre religiösen Gefühle verletzen!


Halten Sie die Sanktionen des Westens gegen Russland für einen Fehler?
Aktuell wird versucht, einen „Kalten Blitzkrieg“ gegen Russland zu führen. Diese Strategie scheitert und wird dennoch fortgesetzt. Dieses Versagen wiederholt sich, weil es sich wiederholen muss. Es gibt keine gültigen Regeln, wie die Verantwortlichen in bestimmten Situationen zu handeln haben. Es muss doch möglich sein zu erkennen, wann ein Krieg ein Krieg ist und ebenso muss es möglich sein festzulegen, was im Fall eines Krieges passieren muss. Oft entscheiden Politiker aus dem Bauch heraus, ohne wirklich Ahnung von der Sache zu haben.

Wie kann es in der Ostukraine weitergehen?
Wir brauchen eine andere Haltung. Momentan wollen alle „gewinnen“, was auch immer das für sie heißt. Dabei können Vorteile auch in einer Niederlage verborgen liegen. Zunächst einmal müssen wir begreifen, dass im Donbass kein Krieg der Russen gegen die Ukrainer läuft oder andersherum.


Einige ihrer Aussagen würden Sie in Deutschland als „Putin-Versteher“ qualifizieren. Sind Sie in dem Ukraine-Konflikt pro-russisch?
Ich bin fanatischer Kriegsgegner. Es ist immer besser, etwas zu verstehen, einen Dialog zu suchen und zu verhandeln, anstatt sich taubstumm zu stellen.

Kann der Donbass nach all dem Krieg und dem Hass wieder ein „normaler“ Teil der Ukraine sein?
Wenn man vom Verhältnis der Menschen untereinander ausgeht – natürlich! Man muss sich nur anschauen, welche Länder und Völker alles Krieg gegeneinander geführt haben und heute gute Freunde sind. Gerade Deutsche können das bestimmt verstehen. Aber es wird nicht leicht, es gibt viel menschliches Leid, dass sich nicht einfach so in Luft auflösen wird, selbst wenn die Waffen schweigen. Aus politischer Sicht müsste man schon ein Wahrsager sein, um auf diese Frage zu antworten. Die Situation in der Ukraine ändert sich ständig.

Empfinden Sie Deutsche wegen der schwierigen Geschichte ihres Landes als besonders pazifistisch?
Diese Ansicht, nach der Deutsche einen Psychologen brauchen, der sie von ihren nationalen Minderwertigkeitskomplexen befreit, ist auch wieder so ein Klischee. Die neue Generation der Deutschen hat nichts mit alten Ängsten zu tun.

Wirkt sich der Ukraine-Konflikt auf die russische Kunstszene aus?

Natürlich, ebenso wie auf die ukrainische. Tod, Schmerz und Blut - diese Begriffe sind nicht mehr virtuell oder enzyklopädisch. Der Krieg hat auf vielfältige Art und Weise Einzug gehalten in die Kunst. Ich erinnere mich, wie manche meiner Kollegen früher die Befürchtung geäußert haben, dass Stipendien westlicher Institutionen, die eine bestimmte Richtung der Literatur fördern, dafür sorgen werden, dass vor allem Literatur entsteht, die "dem Westen" gefallen will. Ich finde diese Befürchtungen heute nicht mehr angemessen. Die Literatur ist ein selbstgenügsames Wesen, das nicht einfach aufgekauft werden kann wie im Winterschlussverkauf. Ich finde es gut, dass es so viele unterschiedliche Meinungen und Facetten gibt. Künstler und besonders Schriftsteller haben eine besondere Verantwortung.

Wie werden Sie Ihrer besonderen Verantwortung gerecht?
Indem ich Dialogmöglichkeiten schaffe. Direkte Dialoge, zwischen Schriftstellern, ohne institutionelle Schranken. 2012 habe ich mit weiteren Schriftstellern die Fußball-Europameisterschaft der Autoren organisiert. Wir waren mit der deutschen Autorennationalmannschaft in Polen und der Ukraine, haben gegen die dortigen Autoren gespielt. Die ersten Tage waren alle etwas befremdet. Aber dann hat sich ein toller Dialog entwickelt. Es ist
ein direkter Dialog, kein vom Staat oder einer Institution gelenkter Austausch. In einem solchen Dialog der Kulturen liegt unsere Zukunft. Da Schriftsteller auf das Denken der Menschen Einfluss haben, ist es natürlich wichtig, was sie selbst denken. Je mehr Schriftsteller neue Länder entdecken und direkt miteinander interagieren, desto besser werden sie sich verstehen. Über seine Schriftsteller kann ein Land mit der Welt kommunizieren. Und manche behaupten sogar, dass Menschen Literaten mehr vertrauen als Journalisten...

Welchen Dialog planen Sie für die Zukunft?
2018 wollen wir anlässlich der WM auch eine Autoren-WM in Russland veranstalten, mit Lesungen und Diskussionen. Wir brauchen diesen Austausch. Aktuell formiert sich die russische Autorennationalmannschaft, da wird es demnächst eine Pressekonferenz geben und eine offizielle Vorstellung. Dann wollen wir noch in diesem Jahr ein Freundschaftsspiel der deutschen Autorennationalmannschaft „Autonama“ gegen ihre fußballerisch-literarischen Widersacher aus Russland machen.

Das Gespräch führte Nik Afanasjew.

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