Interview : Rainald Grebe: „Eine Bemerkung fällt, und zack!“

Premierenfieber: Der Kabarettist Rainald Grebe im Tagesspiegel-Interview über Eingebungen, Frauen – und die Brandenburger.

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Dann schon eher Zigaretten. Alkohol würde Rainald Grebe »nicht als kreatives Muss bezeichnen«. -Foto: Imago

Herr Grebe, Sie leben – mit Unterbrechungen – seit 18 Jahren in Berlin. Über Ihren Fortgang aus Frechen bei Köln 1991 gibt es eine schöne Legende.



Ich stand an der Autobahnauffahrt Köln- West mit einem selbst gemalten Pappschild in der Hand und wollte trampen. Wie ich da so stehe, sehe ich plötzlich meinen Vater mit dem Fahrrad die Auffahrt hochfahren. Er wollte mir tatsächlich das Geld für eine Bahnfahrkarte nach Berlin geben.

Und Sie haben es nicht genommen?

Nein. „Hau ab“, habe ich gesagt, „ich mach das jetzt.“ Dann ist er wieder weggefahren. Danach habe ich ein Jahr lang nicht mehr mit meinen Eltern geredet. Ich wollte raus aus meinem behüteten Zuhause. Irgendwann hat es sich dann wieder eingerenkt. Der Zorn ist inzwischen verraucht.

Hat Ihnen Berlin im Jahr 1991 besser gefallen als heute?

Nicht unbedingt. Es war halt aufregender, weil das Leben mit 20 natürlich aufregender ist. Und ich vermisse diverse Montags- und Dienstagsbars – diese Löcher im Boden, in die man sich damals einfach reinfallen lassen konnte.

Wir stellen uns vor, dass das Zeitalter der Techno-Massenbewegung grausam für Sie gewesen sein muss.


Ja, schon. Techno war nie meins. Ich habe immer gerufen: „Wo ist denn hier die Melodie?“

Was vermissen Sie noch?

Die Brachflächen. Die sterben aus. Man zieht irgendwohin, und plötzlich baut der Bundesnachrichtendienst seine neue Zentrale direkt vor deine Nase.

Ihr Vater ist Professor für Buchkunde, Ihre Mutter Lehrerin. Hätten Sie lieber eine Problembiografie gehabt?

Natürlich! Am liebsten so in Richtung Schaustellerfamilie oder Vater Millionär, Mutter Prostituierte. Eine Konstellation, in der man viel leiden muss, etwas Wildes. Wenn man seine Herkunft als langweilig empfindet und man keinen Widerstand kennt, wünscht man sich das. Ich war wie „Captain Jack“ von Billy Joel – ein Kleinstadtdödel aus gutem Haus: „Saturday evening, and you’re still hanging around. Tired of livin’ in your One- Horse-Town.“ Diese 70er-Jahre-Vögel haben erstaunliche Geschichten in ihren Liedern erzählt.

Billy Joel – Ihr Vorbild am Klavier?


Na ja, es gab beim Klavierspielen tatsächlich eine Art Urerlebnis. Ich hatte klassischen Klavierunterricht und konnte daher schon ein bisschen spielen, da sah ich das Billy-Joel-Songbook. Die Texte konnte ich schon alle auswendig, aber ich hatte ja keine Ahnung, wie Akkorde funktionieren. Der Moment, in dem ich gemerkt habe, was Akkorde überhaupt sind und dass man damit machen kann, dass der Song klingt wie auf Platte, dass er aufgeht wie eine Gleichung …

Sie haben sofort dazu gesungen?


Ein großes Glücksgefühl, daran erinnere ich mich ganz genau. Da saß ich also, im Hobbykeller, wo das Klavier stand. Es war eine ziemlich intime Angelegenheit. Das geht mir heute noch so, ich singe oft nur für mich.

Wie hieß eigentlich Ihre erste Band?


Sag ich nicht.

Bitte!

Ach, was soll’s: Harakiri Eleyson.

Der „Spiegel“ bezeichnete Sie als „Dada- Rilke“. Was könnte das bedeuten?

Ich mag diese Betitelungen überhaupt nicht, weil sie überhaupt nicht zu mir passen. Alles Humbug.

Sagen Sie mal: Hat man als Mann am Klavier mehr Erfolg bei Frauen?

Die Frage ist, ob man den Erfolg bei Frauen sucht.

Wir meinen, ohne ihn zu suchen?

Ob Frauen auf mich fliegen? Ja klar! Ich stehe da oben auf der Bühne und tue gefühlvolle Sachen, das reicht offenbar schon.

Wie äußert sich das?

In Liebesbriefen. Manchmal auch Stalking. Da hilft nur Abwimmeln. Es waren aber wirklich schon unangenehme Situationen dabei, die nicht mehr witzig waren. Da glauben die Leute zum Beispiel, sie seien mit mir seelenverwandt. Aber das hört sich jetzt schlimmer an, als es ist. Sagen wir mal so: Zum Fankontakt bin ich nicht geboren.

Ihr neues Programm trägt den Titel: „Das Hongkongkonzert“. Worum geht es?

Ich war vor kurzem in Hongkong und habe dort im Hotel Intercontinental vor deutschen Geschäftsleuten gespielt. Absurd! Du fliegst zwölf Stunden in die Ferne, um doch wieder „Brandenburg“ zu spielen, und die Leute lachen sich weg wie blöde. Aber es war auch gut, ich habe jede Menge aufgeschnappt.

Was denn?

Wie die Deutschen dort über Frauen reden, zum Beispiel. Ein Typ vom Generalkonsulat meinte etwa: „Hier kannst du echt alle habe.“ Oder: „Ich hatte jetzt ein Jahr eine Indonesierin. Wunderbar, da kannst du auf den Boden kotzen und die wischt es sofort auf.“ Dann dieses ewige Mantra „Deutschland ist so spießig“. Das habe ich alles für mein Programm verwurstet.

Schreiben Sie so ein Programm in einem Rutsch?

Im Prinzip schon. Das ist wie hyperventilieren, besonders wenn die Deadline naht. Dann sauge ich alles auf, was passiert. Irgendjemand lässt eine Bemerkung fallen, und zack! Ich schreibe einzelne Sätze oder Ideen auf Zettel, die schiebe ich hin und her, bis ich merke, dass es interessant wird. Dann pinne ich sie an die Wand. Manche Sachen sind sehr langwierig, die werden dann oft nicht gut. Am liebsten ist mir, wenn es ganz schnell geht.

Welche Zeilen schlummern im Moment in Ihnen?


„Zieh die Mastercard durch meinen Mund“, „Ich heiße Jacques, ich rede nur Fuck“, „Ich bin nicht James Blunt, ich bin nicht mit ihm verwandt“.

Fällt Ihnen das Dichten mit Bier oder Wein leichter?

In besoffenem Zustand haut man vielleicht mal ein Wort mehr raus, aber ich würde Alkohol nicht als kreatives Muss bezeichnen. Dann schon eher Zigaretten.

Sie können in Ihren Texten auch ganz schön gemein sein. Über 30-jährige Pärchen singen Sie in dem Lied „Reich mir mal den Rettich rüber“: „Klaus sagt, Sushi ist gar nicht schwer. Das Erotische beim Kochen ist das Zubehör. Meine Mörser sollten aus Keramik sein, meine Pfeffermühle ist so groß wie ein afrikanisches Männerbein.“

Warum gemein? Ich war selber Teil dieses Abends – ehrlich gesagt war ich der Klaus. Das war in der Phase einer Beziehung, die gerade zu Ende ging. Man redete über Hobbys, Möbel und Urlaub, wäre aber in Wirklichkeit lieber woanders gewesen. Es ging nur noch darum, Themen abzuarbeiten. Das war Verkorksung in schöner Umgebung.

Wie wird Ihr Leben mit 40 sein?

Dann habe ich hoffentlich eine Familie und ein Haus auf dem Land.

Können Sie sich denn noch in Brandenburg blicken lassen? Schließlich heißt es in Ihrer gleichnamigen Hymne: „Da steh’n drei Nazis auf dem Hügel und finden keinen zum Verprügeln.“

Na klar. Die Brandenburger haben viel Humor. Aber es gibt auch ein paar Ältere, die damit nichts anfangen können. Die bedrohen mich nicht direkt, aber da gibt es manchmal so eisiges Schweigen.

Haben Sie einen Lieblingssee in Brandenburg?


Ich mag den Hellsee bei Lanke, der ist so schön einsam.

Und was sagen Ihre Eltern heute, wenn sie Sie auf der Bühne sehen?

„Den Leuten hat’s ja gefallen.“

Die Fragen stellten Elena Senft und Esther Kogelboom.


Rainald Grebe wurde 1971 in Köln-Frechen geboren. Er studierte Puppenspiel an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin und trat am Jenaer Theaterhaus auf, bevor Thomas Hermanns ihn zum Quatsch-Comedy- Club holte. Grebe wohnt in Berlin-Mitte.

Seine wichtigsten Programme waren Das Abschiedskonzert (2004), „Das Robinson-Crusoe-Konzert“ (2007) und – zusammen mit der Kapelle der Versöhnung – „1968“ (2008).

Grebe erhielt u. a. den Bayerischen Kabarettpreis, den Deutschen Kleinkunstpreis und den Prix Panthéon.

Am 30. März feiert Grebes neues Programm Das Hongkongkonzert bei den Wühlmäusen am Theodor-Heuss-Platz Premiere. Weitere Aufführungen am 31. März, 1. und 2. April. Weitere Infos: www.wuehlmaeuse.de

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