Iranische Künstler : Im Land der Geduldsproben

Zwischen Behördenwillkür und Hoffnung: Wie es Irans Musikern, Schriftstellern und Filmemachern seit der letzten Wahl ergeht.

Omid Rezaee
Die iranische Band Pallett.
Die iranische Band Pallett.Foto: Promo


Als Salar Aghili im Januar 2013 ein Konzert in Bodschnurd im Norden Irans gab, verlangten Behördenvertreter, dass seine Frau Harir Shariatzadeh, die im Ensemble die Daf spielt, die Bühne verlässt. Sonst müsse das Konzert gestoppt werden. Der Sänger Aghili ist nicht irgendwer im Iran, sondern ein Star der traditionellen persischen Musik – in Deutschland gastierte er unter anderem mit dem Rundfunkchor Berlin. Und Frauen dürfen im Iran zwar nicht in der Öffentlichkeit singen, aber kein Gesetz verbietet ihnen, öffentlich ein Instrument zu spielen.

Ein halbes Jahr später wurde der Reformer Hassan Ruhani zum Präsidenten gewählt, zu seinen Wahlversprechen gehörte die kulturelle Öffnung des Landes. Das Atomabkommen vom Sommer 2015 und die Aufhebung zahlreicher Wirtschaftssanktionen nährten erneut die Hoffnung auf Liberalisierung auch in der Kultur – vielfach vergeblich. Bis heute werden überall im Land Konzerte seitens der Polizei oder des Amtsgerichts abgesagt. Über 30 zunächst genehmigte Konzerte wurden seit 2013 auf Druck konservativer Behörden kurzfristig verboten.

So hatte die sechsköpfige Kultband Pallett, die als eine der ersten Gruppen nach dem Wahlsieg der Reformer wieder auftreten durfte und mit ihrer Mischung aus Folk, Jazz und Traditionsmusik auch international von sich reden macht, für den 11. September 2016 in Kermanschah an der Grenze zum Irak ein Konzert anberaumt. Aber der Auftritt wurde mit dem Verweis auf ein Begräbnis der in Syrien getöteten iranischen Kämpfer abgesagt. Ebenso war im August ein Konzert von Benyamin Bahaadori, einem der beliebtesten Popsänger im Iran, im nördlich gelegenen Behschahr gecancelt worden. Und dem kurdisch-iranischen Sänger und Komponisten Sharam Nazeri wurde im Mai 2016 mit Festnahme gedroht, sollte er einen geplanten Auftritt in der Gebirgsstadt Neyschabur nicht absagen. Kontinuität statt kultureller Öffnung: Derselbe Staatsanwalt hatte schon früher Konzerte von Nazeri verhindert.

Bei Popmusik wittern Traditionalisten schnell Gefahr

Warum ist ausgerechnet die Musikszene ein Konfliktfeld zwischen Reformern und Konservativen? Bei Konzerten versammeln sich große Menschenmengen, meist junge Leute. Pop als Ausdruck der Freiheit, der Energie der Jugend – Traditionalisten wittern da schnell Gefahr. Kürzlich versuchte Ahmad Alamolhoda, der Vertreter des Obersten Religionsführers Chamenei, Konzerte in Maschhad komplett zu untersagen. Maschhad gilt als heilige Stätte, der Schrein des achten schiitischen Imams wird hier aufbewahrt. Die Stadt sei kein Ort für Tourismus und Genusssucht, wer Musik hören wolle, solle Maschhad verlassen, so Alamolhoda. Kulturminister Ali Dschannati bat um Verständnis für diese Haltung: „Wir respektieren seine Meinung, und obwohl die Konzerte keine Probleme bereiten, sollte man von ihnen absehen.“ In den sozialen Netzwerken war die Empörung groß, auf Twitter hieß es: „Alamolhoda ist wohl der König von Maschhad!“

Es ist leichter als früher eine Publikationsgenehmigung zu erhalten

Schließlich reagierte Präsident Ruhani persönlich und kritisierte beide, den Kulturminister wie den schiitischen Kleriker. „Kein Minister sollte solch einem Druck nachgeben“, betonte Ruhani. „Gesetze werden im Parlament gemacht, nirgends sonst.“ Aber trotz der Intervention des Staatspräsidenten finden bis heute keine Konzerte in Maschhad statt.

Die Literatur, sollte man meinen, hat es vergleichsweise einfach, entfaltet sie doch weniger unmittelbare öffentliche Wirkung als etwa eine Band beim Open-Air-Konzert. Der Schriftsteller und Übersetzer Araz Barseghian stellt jedenfalls erfreut fest, es sei leichter geworden, eine Publikationsgenehmigung zu erhalten. Wer ein Buch, ein Album oder einen Film herausbringen will, muss einen Antrag beim Ministerium für Kultur und islamische Führung stellen. Manchmal dauert es Jahre, bis man eine Genehmigung bekommt, manchmal bekommt man sie gar nicht. Oder die gleiche Behörde untersagt eben das, was sie zuvor bewilligt hatte.

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