"Irrational Man" von Woody Allen : Verliebt in Professor Flachmann

Süße Studentin bietet sich Depri-Alki-Prof an: Woody Allen sucht in "Irrational Man" wieder mal nach dem Lebenssinn. Und findet ihn - in einem Mord. Eine garstige Komödie.

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Wo die Liebe hinwill. Studentin Jill (Emma Stone) und Professor Abe Lucas (Joaquin Phoenix).
Wo die Liebe hinwill. Studentin Jill (Emma Stone) und Professor Abe Lucas (Joaquin Phoenix).Foto: Warner Bros.

Philosophieprofessor Abe Lucas (Joaquin Phoenix) hat es ganz furchtbar schwer. Gerade ist er zwar einem Ruf an ein idyllisches Ostküsten-College namens Braylin gefolgt. Aber in seinen Vorlesungen vor überschaubar inspiriertem Auditorium brabbelt er so müde wie maulfaul ausschließlich über Kierkegaard, Nietzsche und Sartre vor sich hin, als gelte es, sich mal eben für den Egghead-Oscar in Existenzialo-Nihilismus zu empfehlen.

Auch in Darfur und an anderen Brennpunkten der Weltnöte hat er sich mehrfach prominent engagiert, an die Todesarten seiner Mitstreiter aber erinnert er sich nur diffus. Ein Blender? Ein Lebensmüder? Mindestens ein einsamer Wolf ist er, noch dazu einer mit solide angefressener Frustwampe, und als offenbar einzigen Freund lässt er den mit Scotch gefüllten Flachmann gelten, den er schon vormittags allerlei Campus-Personal hinhält: „Auch ’n Schluck?“

Abe ist so was von fertig mit der Welt, dass mittlerweile auch sein Sexualleben total darniederliegt – da mag das durch die Uni-Welt taumelnde menschliche Wrack noch so sehr feminine Rettungsimpulse auslösen. Keine Chance etwa für die weder Pot noch Portwein abgeneigte Kollegin Rita (Parker Posey), die sich von einer feurigen Affäre mit Abe nebenbei Erlösung aus ihrer verödeten Ehe erhofft.

Und sogar die ihrerseits arg verkuschelt mit dem Kommilitonen Roy (Jamie Blackley) liierte Studentin Jill (Emma Stone), die sich dem Weltverlorenen immer unverhohlener anbietet, entzündet Abes Lebensgeister nicht im Geringsten. Vielleicht mag auch die großäugige Schöne noch ’n Schluck? Oh ja, dieser Abe ist ein hoffnungsloser Fall.

Und plötzlich hat der Alte wieder Lust auf Sex

Schon amüsant, zumindest im Ansatz, was der große Woody Allen kurz vor seinem 50. Film und seinem 80. Geburtstag mit „Irrational Man“ anstellt. Und doch bereits früh ein bisschen lähmend. Denn der als Intellektueller eher abseitig besetzte Joaquin Phoenix bewegt sich kein Stück weg von seiner Figurendefinition – gerade so wie er nach einem Schlüsselereignis stereotyp umschaltet auf fröhliche Aufgeräumtheit, guten Appetit auf gutes Frühstück und netten Sex inklusive.

Grund für den Umschwung: ein im Diner zufällig mitgehörtes Gespräch am Nachbartisch, wonach ein örtlicher Richter einer tapferen Mutter in Sorgerechtsdingen offenbar heftige Schwierigkeiten macht. Wie wäre es, wenn Grübler Abe endlich mal zur Tat schreitet und den Mann einfach umbringt, konkreter Weltverbesserung zuliebe?

Ein Kapitalverbrechen aus höherer Moral, die die zweifellos niedere Moral des Mordens selber gegenstandslos macht: Auf dieses Psycho-Alibi hat sich einst Dostojewskis Raskolnikow in „Verbrechen und Strafe“ berufen, und auch Woody Allen hat es bereits zweimal – in „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ (1989) und „Match Point“ (2005) - variiert. Für seinen neuesten Schmerzenshelden Abe Lucas nun hat Allen sich eine besonders leichtgewichtige Version ausgedacht, die vor allem in der zweiten Hälfte, abgesehen von einem Mini-Twist, höchst vorhersehbar dahinplätschert.

Dialogwitz? Fehlanzeige

Eigentlich komödiantisch ist die Komödie nicht geraten, obwohl sich Woody Allen durchaus auch über die eigene rabenschwarze Weltsicht lustig macht. Doch selbst garstig ist „Irrational Man“ allenfalls auf dem Papier. Was bald nervt, ist die unterkomplexe Dramaturgie um die Lebensnöte eines erschreckend uninteressanten Helden, der noch dazu von einem Darsteller verkörpert wird, der am eigenen Spiel nur bedingt beteiligt scheint – und das in Tateinheit mit spärlichen Gags, ob in Dialogen oder situationsbedingt.

Aber deshalb einen Woody-Allen-Film auslassen? Niemals.

In Berlin in 13 Kinos; OV im Cinestar SonyCenter; OmU im Babylon Kreuzberg, FaF, Hackesche Höfe und in der Kulturbrauerei

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