• Isländischer Bestseller-Autor: Hallgrímur Helgason: „Das Erzählen ist unser wichtigster nationaler Brauch“

Isländischer Bestseller-Autor : Hallgrímur Helgason: „Das Erzählen ist unser wichtigster nationaler Brauch“

Der isländische Bestseller-Autor Hallgrímur Helgason über das Gastland der Buchmesse und das Verlangen, in einem menschenleeren Land Menschen zu erfinden

Günter Keil
Hallgrímur Helgason, 52, hat den Szeneroman "101 Reykjavik" geschrieben. Er gehört zu Islands erfolgreichsten Autoren. Jetzt erschienen: "Eine Frau bei 1000 Grad". Foto: dpa
Hallgrímur Helgason, 52, hat den Szeneroman "101 Reykjavik" geschrieben. Er gehört zu Islands erfolgreichsten Autoren. Jetzt...Foto: dpa

Sie lästern in Ihren Büchern gern über Ihre Landsleute. Gab es schon Beschwerden?

Bis jetzt nicht, zumindest nicht offiziell. Aber ich weiß, dass Tourismusmanager von meinen Büchern nicht angetan sind.

Ihre Figuren scheren sich nicht um gesellschaftliche Konventionen. Sie saufen, sind fernsehsüchtig und neigen zur Gewalttätigkeit. Ist das typisch isländisch?

Ich glaube nicht, dass es bei uns mehr durchgeknallte Menschen gibt als anderswo. Aber in meinen Romanen sind sie tatsächlich häufig zu finden. Verrückte Leute sind interessanter als Normalbürger. Wen interessiert schon der banale Alltag? Romane und ihre Helden müssen immer größer und spannender sein!

Die 80-jährige krebskranke Heldin Ihres neuen Romans wartet in einer Garage auf ihren Tod, surft im Internet und bedroht Angehörige mit einer Handgranate. Wie kamen Sie auf diese Figur?

Vor einigen Jahren half ich meiner damaligen Frau, einer Politikerin, beim Wahlkampf. Ich sollte Leute am Telefon davon überzeugen, die Sozialdemokraten zu wählen. Einmal hatte ich eine alte Dame am Apparat, die mir erzählte, dass sie in einer Garage lebt und ständig im Internet surft. Sie versicherte mir, niemals „diese verdammten Kommunisten“ zu wählen. Doch sie klang so witzig und schlau, dass ich eine Stunde mit ihr sprach. Sie war technisch bestens informiert, erläuterte mir detailliert die Unterschiede zwischen Google und Yahoo. Später fand ich heraus, dass sie eine Enkelin von Islands erstem Präsidenten und die Tochter eines Nazis war. Da hatte ich meine Romanfigur! Selbstverständlich habe ich die Frau noch kräftig überzeichnet und dramatische Wendungen in ihre Autobiografie eingebaut. Ich hoffe, dass sie mit dem Ergebnis einverstanden ist – leider war sie schon tot, als ich sie in ihrer Garage besuchen wollte.

Island ist ein kleines, spärlich bevölkertes Land. Inwiefern prägt das die Autoren und ihre Literatur?

Wenn man durch fünf Fjorde, drei Dörfer, über einen Berg und in eine Stadt fährt, ohne einen Menschen gesehen zu haben, bekommt man das starke Verlangen, Menschen zu erfinden. Wir isländischen Autoren geben unser Bestes, um unser Land wenigstens mit fiktiven Menschen zu bevölkern.

Ist der Prozentsatz von Autoren an der Bevölkerung auf Island höher als anderswo?

Wir haben eine große literarische Tradition, die auf dem goldenen Zeitalter der Sagen beruht. Ein Haufen pensionierter isländischer Wikinger schrieb im 13. Jahrhundert die ersten Romane Europas. Seitdem ist das Geschichtenerzählen unser wichtigster nationaler Brauch.

Hat die Passion fürs Schreiben auch mit dem sehr kurzen isländischen Sommer und den langen dunklen Nächten zu tun?

Vielleicht. Bedauerlicherweise hat das meistens nur zur Folge, dass die Leute auf Facebook oder in Blogs schreiben und E-Mails verfassen.

Sie dagegen verfassen Romane und Essays, reisen zu Lesungen durch ganz Europa und malen figurative Bilder, die international ausgestellt werden.

Ich gebe mein Bestes, meine Zeit zwischen den drei Karrieren Autor, Künstler, öffentliche Person aufzuteilen. Das ist nicht immer leicht. Der Künstler will allein sein, Musik hören und dabei malen. Der Autor verlangt nach absoluter Ruhe und möchte beim Schreiben nicht von Journalisten und Kamerateams gestört werden. Die öffentliche Person tut nichts anderes als Interviews zu geben, E-Mails zu beantworten, Reden zu halten und Artikel zu schreiben. Verglichen mit dieser Dreiteilung ist Schizophrenie geradezu erträglich.

Hat die isländische Finanzkrise sich auch auf den Buchmarkt ausgewirkt?

Nein, es war wirklich erstaunlich: Nach dem Crash gab es sogar einen Boom auf dem Buchmarkt! Offenbar haben die Menschen plötzlich gemerkt, was die wahren Werte im Leben sind: Natur, Kultur und Literatur. Nicht Banken, Bonds und Big Business. Einige Romane thematisieren die Krise bereits, etwa „Bankster“ von Gudmundur Óskarsson. Aber ich glaube, es wird noch etwas dauern, bis die echte Krisen-Literatur erscheint. Auch wenn ich den Crash bis jetzt nicht direkt thematisiert habe, beeinflussen die fatalen Fehler von Politikern und Managern, die Gier, das Geprotze der Neureichen und der Absturz dennoch meine Texte.

Einer Ihrer Protagonisten behauptet, es gäbe zu viele Luxusjeeps in Island. Außerdem extrem schöne Frauen und keine Armee. Kurzum, dieses Land sei sonderbar.

Es fahren tatsächlich zu viele Luxusjeeps herum, auch nach dem Crash. Und ich gebe zu: Island ist sonderbar! Wir sind diese winzige Nation auf dieser irren Insel im Nordatlantik, nördlich der Zivilisation, nördlich des gesunden Menschenverstandes, nördlich von allem. Aber dass wir keine Armee haben, macht mich richtig stolz. Und dass in Island die schönsten Frauen der Welt leben, ist nun einmal eine Tatsache.

Das Gespräch führte Günter Keil.

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