Islam : Unwertdebatte

05.01.2010 00:00 Uhrvon

Der Kampf der Kulturen: Nach dem Mordversuch auf einen dänischen Karikaturisten darf nicht dem Werterelativismus das Wort geredet werden. Ein Kommentar von Peter von Becker.

„Es schaudert einen ja schon“, beginnt in der gestrigen „Süddeutschen Zeitung“ ein Kommentar des SZ-Feuilletonchefs Andrian Kreye. Gemeint ist der jüngste Anschlag auf den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard durch einen islamistischen Fanatiker. Doch sei der Vergleich mit den „Satanischen Versen“ des verfolgten Autors Salman Rushdie, „die es zu verteidigen gilt“, absurd. Denn bei Westergaards vor vier Jahren erschienenen Karikaturen eines Mohammed-Mullahs mit Bombenturban handle es sich nur um eine „plumpe Witzelei“.

Tatsächlich aber vergleicht niemand ernstlich einen vielhundertseitigen Roman mit einer satirischen Skizze.

Kreyes abwehrender Denndochvergleich ist freilich doppelt absurd: Weil die Kunst- und Meinungsfreiheit der UN-Menschenrechte ebenso wie ihre Garantie in demokratischen Verfassungen gerade keine Vergleich oder Unterschiede kennt. Sie gilt für Dumme und Kluge, Großköpfe und Kleinhirne gleichermaßen. Und wo diese Freiheit mit den Rechten anderer kollidiert, ist der Konflikt auf dem Rechtsweg zu lösen – nicht durch Lynchjustiz.

Diese Abwägung aber werde, so argumentiert die liberale SZ, der islamischen Welt nicht gerecht. „Die Wertedebatte“ im säkularen Westen „läuft falsch“, so Kreye, weil der Wertekanon des Westens mit seinen Prioritäten Freiheit und Demokratie oder der Trennung von Kirche und Staat für „den“ Islam gar nicht verhandelbar sei. Kreye meint: „Ein Moslem ist kein Unterdrückter, der unter einer Diktatur leidet“. Was würden wohl die Millionen Moslems, die eben im Iran unter Lebensgefahr gegen eine Diktatur demonstrieren, zu diesem Diktum sagen?

Gewiss ist es naiv, wie etwa die Amerikaner mein(t)en, den Western Way of Life auch völlig anderen Kulturen mit Bomben oder Burgern bahnen zu können. Und naiv wirkt eine deutsche Bischöfin, die vielleicht glaubt, mit einer Männergesellschaft, die ihren Frauen weniger Rechte gewährt als einer Hausziege, friedlich und brunnenbohrend über eine menschenwürdige Zukunft verhandeln zu können. Nein, die auch in der SZ wieder als realistisch bezeichnete „Schimäre des Kampfs der Kulturen“ wird es, wenn fundamentale Menschenrechte auf dem Spiel stehen, immer geben. Aber ob Dialog oder Kampf: Weder blindwütig noch blindgütig kann es überhaupt eine Kultur geben.

Wer dem Werterelativismus selbst nach dem Mordversuch in Dänemark das erklärende Wort redet, sollte unterm Signum eines angeblichen Werte-Realismus nicht einen monolithischen Islam unterstellen, den der Westen bitte besser zu verstehen habe. Es gibt überall Muslime, die zwischen einer harmlosen Karikatur, die jeder ignorieren darf, und einem Mordversuch, den keiner ignorieren kann, zu unterscheiden wissen. Ihre Stimme sollte ermutigt, nicht der religiös getarnte Fanatismus begütigt werden.

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