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Israel-Attacke : Was spricht in Günter Grass?

05.04.2012 00:00 UhrVon Michael Naumann
Im Herzen der Republik. Das Existenzrecht Israels ist Teil der deutschen Staatsräson – wegen der historischen deutschen Verantwortung, die aus dem Holocaust erwachsen ist. Auch deshalb befinden sich die 2711 Stelen des Holocaust-Mahnmals direkt neben dem Berliner Regierungsviertel. Im Hintergrund die Ländervertretungen. Foto: dapd Foto: dapdBild vergrößern
Im Herzen der Republik. Das Existenzrecht Israels ist Teil der deutschen Staatsräson – wegen der historischen deutschen Verantwortung, die aus dem Holocaust erwachsen ist. Auch... - Foto: dapd

Günter Grass' Gedicht ist ein moralischer und politischer Skandal, ein grenzwertiger, belangloser Aufschrei, meint "Cicero"-Chefredakteur Michael Naumann. Dabei hätte Grass es besser wissen müssen.

Dies vorweg: Günter Grass ist nicht nur ein bewundernswerter Schriftsteller, sondern ein politisch denkender, bisweilen leicht erregbarer Bürger, dessen moralische Interventionen kraft seiner Sprachgewalt, seines literarischen Ruhms in aller Welt eine Aufmerksamkeit generierten, die bisweilen im umgekehrten Verhältnis zum Gegenstand seiner Empörungen stand. Diesmal ist es anders: Sein "Gedicht" ist ein moralischer und politischer Skandal.

Die politische, ja, staatsanwaltliche Rezeption seiner "Blechtrommel" hatte vor einem halben Jahrhundert den tiefen Riss zwischen der Kriegsgeneration und den glücklich Davongekommenen und Nachgeborenen offenbart.

Die Älteren fühlten sich sittlich missverstanden und sprachen von politischer Pornografie, die Jüngeren erkannten den moralischen Impetus des Autors und folgten ihm in seinen Kampagnen gegen die NPD, die in den sechziger Jahren noch einmal die ergrauten Nazis mobilisierte. Seine Wählerinitiative unter dem Titel "Dich singe ich SPD" galt in einer Republik, die derlei in ihrer jungen demokratischen Tradition noch nicht erlebt hatte, als unzulässig: Dichter sollten dichten, mehr nicht. Auch die SPD war beunruhigt – der Mann war kein Parteimitglied.

Das wahrlich verspätete Bekenntnis des Dichters, als 17-Jähriger einige Wochen in der Waffen-SS gedient zu haben, führte zu einem kostenlosen moralischen Rausch derjenigen, die des bisweilen pastoralen Tons von Günter Grass überdrüssig geworden waren. Als wären seine vergangenen politischen Einlassungen damit moralisch entwertet worden, als hätte das Kind Grass – und das war er – mit seiner unvermeidbaren Einberufung in den letzten Kriegsmonaten alle nachfolgenden politischen und womöglich auch literarischen Äußerungen diskreditiert.

Völlig daneben war sein Einwand gegen die Wiedervereinigung. Wer mit dem Urverbrechen des Holocaust belastet sei, so wollte er wohl sagen, habe das Recht verloren, mit neuer territorialer und ökonomischer Größe in die Weltgemeinschaft zurückzukehren. Hier offenbarte sich der ethische Plausibilitätspunkt seines politischen Denkens. Hinter dem Symbol "Auschwitz" verbarg sich die Unfassbarkeit, ja, das Böse schlechthin. Die systematische Ermordung von sechs Millionen Juden – und die stets mitzudenkenden genozidalen Vernichtungsaktionen der Deutschen gegen die Slawen.

Damit befand sich Grass in moralischer Übereinstimmung mit der offiziellen Haltung der meisten deutschen Politiker. Dass Israels Sicherheit – als Zufluchtsstaat der Davongekommenen – zur Staatsraison der Bundesrepublik gehöre, haben Joschka Fischer und kürzlich auch Angela Merkel deutlich gemacht, wenngleich die deutsche Exportpolitik, Waffenhandel inklusive, ahnen ließ, dass die Abhängigkeit des Landes vom Ölimport aus dem Nahen Osten zu allerlei realpolitischen Widersprüchen führte.

Diese Widersprüche, genauer, der Export von deutschen U-Booten an Israel, bilden den Hintergrund von Grass' politisch grenzwertigem, literarisch belanglosen Aufschrei unter dem verräterischen Titel "Was gesagt werden muss". Er spiegelt das Möllemann-Syndrom wider: "Man wird doch einmal sagen dürfen…". Die Floskel gehört zu den klassischen Ouvertüren aller antizionistischen und antisemitischen Bemerkungen (der semantische Unterschied ist minimal), die nahtlos anknüpfen an Martin Walsers Rede über die sogenannte "Auschwitz-Keule". Die intellektuell anerkannte, moralische Verantwortung für den Völkermord wird den Hochempfindsamen langsam zur Last.

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