Kultur : Italienische Misere

Vins Gallicos Mafia- und Kriminalroman „Respekt“.

Moritz Scheper

Italienische Autoren nutzen seit einigen Jahren die Kriminalliteratur und ihre Popularität, um Missstände anzuprangern; Misstände, die in den durch Privatisierung und Kürzungen gebeutelten oder sowieso monopolisierten Medien des Landes kaum Erwähnung finden. Zum Beispiel die üblen Umtriebe der kalabrischen Mafia, die der junge Schriftsteller Vins Gallico in seinem Debüt „Respekt“ untersucht. In der sinnbildlichen, sehr gelungene Einstiegsszene setzen zwei zwielichtige Gestalten in einem Waldstück unweit von Reggio Calabria, „der mafiaverseuchtesten Stadt der Welt“, den Schwanz eines frei laufenden Hundes in Brand. Daraus wird ein unkontrollierbarer Feuerball. Eigentlich nur geplant als taktischer Auftakt einer Fehde zwischen zwei lokalen Mafia-Basiseinheiten, „Ndrine“ genannt, fallen dem Brand zwei ausgebüxte homosexuelle Jugendspieler eines Fußballvereins zum Opfer.

Soweit, so alltäglich im tiefen italienischen Süden. Doch die Sportjournalistin Tina Romeo bleibt an dieser Geschichte dran. Nachdem sie eine dunkle Machenschaft nach der anderen ans Tageslicht zerrt, wird aus ihr „eine Art weiblicher Roberto Saviano“. Wie dieser steht sie gleichzeitig unter Personenschutz und auf den Listen der Mafiakiller.

Mit der Figur der dickköpfigen Mafiajägerin wider Willen gelingt es Gallico zu zeigen, wie plötzlich die Malavita im Süden Italiens in das Leben eines jeden treten kann. Dass sich ausgerechnet die Sportjournalistin eines Lokalblattes mit der Mafia anlegt, darf aber auch als Misstrauensvotum gegen die korrupten Institutionen verstanden werden. Die staatlichen Behörden sind in „Respekt“ bis auf wenige Ausnahmen ineffizient und inkompetent, ganz im Gegensatz zur Organisationsstruktur der „’Ndrangheta“, die dieser Roman offenlegt. Nüchtern zeichnet Vins Galico die italienische Misere, von ungenießbarem Trinkwasser über illegale Rohbauten bis zu verschwundenen Prozessakten. Blei und Blut fehlen auch nicht, Identifikationspotenzial jedoch, wie in manchem Mafia-Film, räumt Galico seiner Mafiavereinigung nicht ein.

„Respekt“ ist weniger ein origineller Krimi als ein Roman im Stile der realistischen Literatur des 19. Jahrhunderts, abzüglich deren bildungsbeflissener Geschwätzigkeit. Was hier ausdrücklich als Lob gemeint ist. Moritz Scheper

Vins Gallico:

Respekt. Ein ’Ndran-

gheta-Krimi. Aus dem Italienischen von Max Henninger. Roman. Verlag Assoziation A. Berlin 2013.

384 Seiten, 14.00 €.

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