"Ixcanul" auf der Berlinale : Wipfel und Wurzeln

„Ixcanul“ – der erste Film aus Guatemala jemals im Berlinale-Wettbewerb entfaltet das Drama einer Maya-Familie und empfiehlt sich für einen Bären.

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Die Braut trägt bunt. María (María Mercedes Coroy).
Die Braut trägt bunt. María (María Mercedes Coroy).Foto: Kairos Film

Jetzt könnte man wieder dieses Lamento anstimmen, wonach es diese typischen entlegenen Ethnofilme gibt, die extra für Festivals produziert werden und die dann zwar weitergereicht werden von Festival zu Festival im jährlich 2000 Festivals fassenden Weltfestivalzirkus, weswegen sie eigentlich auch irrelevant sind, jedenfalls kommerziell, weil sie eben, Kleinverleih hin, Kleinverleih her, nie und nimmer relevante Kinochartszahlen schaffen, weswegen, na, vergiss es und so weiter.

Wenn aber diese kleinen Filme plötzlich die großen sind, während die großen Namen eher die kleineren Filme abliefern, auch auf größeren Festivals? Und wenn womöglich ein vom Ganzjahresallerweltsfilmsalat übersättigtes oder gar angeödetes Publikum gerade auf Festivals rennt, um genau solche Filme zu entdecken, die ihnen Wahrhaftiges aus Weltgegenden offenbaren, wohin noch kein Globetrotter-Billigflug geht? Und wenn dann diese Filme auch noch Preise abräumen, weil auch die superweltläufigen Jurymitglieder verzaubert sind vom 90 oder 120 Minuten anhaltenden Augenblick der wahren Empfindung?

Jayro Bustamante mit Debüt im Wettbewerb

Genau das könnte punktgenau passen beim überhaupt allerersten guatemaltekischen Spielfilm im Berlinale-Wettbewerb: „Ixcanul“. Beim Debüt von Jayro Bustamante und angesichts des ersten höchst beeindruckenden Auftritt seiner jungen Hauptdarstellerin María Mercedes Coroy vor einer Filmkamera. Und jenes von María Telón, die im Film ihre Mutter spielt. Beide Schauspielerinnen leben in der Gemeinde Santa Maria de Jesús am Fuß des Vulkans Ixcanul westlich des Lago Atitlán, und genau dort spielt auch der Film Bustamantes, der nicht als indigener Maya, sondern als weißer Sohn einer Ärztin in dieser Lebensumgebung aufgewachsen ist.

Ein Ende der Welt also, ganz anders als jene spektakulären Panoramen, in die sich in den ersten Berlinale-Tagen die Kinoköniginnen der Arktis sowie der Wüste verirrten – und eines, das zur Abwechslung nicht von romantisierenden Zugereisten erschlossen wird: Hier also, in einer Kaffeeplantage, soll María an den tüchtig scheinenden Farmaufseher Ignacio verheiratet werden, jedenfalls sind sich die beteiligten Familien darüber so was von einig, dass María darüber nur artig lächeln kann. Verliebt hat sie sich in den Pflücker Pepe, der in die USA abhauen will und María womöglich mitnehmen, wenn sie denn seinem sexuellen Drängen nachgibt. Und schon ist sie schwanger und Pepe weg, so schnell geht die Katastrophe, die man die gute Hoffnung nennt.

Höchst beeindruckend: Darstellerin María Mercedes Coroy

„Estados Unidos“ heißen die USA in diesem Film, und das ist das einzige spanische Wort, das die Quiché sprechenden Maya in den so souverän dramatisch gebändigt voranschreitenden 90 Minuten verwenden. Und ihr einziges englisches Wort ist „English“. Wobei diese von den Weltsprachen isolierte Inselwelt, verstärkt noch durch den Analphabetismus, bald allen Protagonisten gefährlich wird. Quiché, in Guatemala bis heute kaum schriftlich fixiert, mag für Millionen guatemaltekischer Indios eine identitätsstiftende Heimat sein. Dort aber, wo die staatlichen Institutionen regieren (und sie regieren auch massiv in die Maya-Community hinein), spricht man sie nicht.

In fantastisch kadrierten Landschaftstotalen und so intimen wie diskreten Großaufnahmen entfaltet Bustamante das Drama der in einer Bretterbude hausenden Maya-Familie, die sich von der Verheiratung ihrer einzigen Tochter mit dem bessergestellten Aufseher materielle und existenzielle Sicherheit erhofft. Es gibt Streit, wo man ihn auch als Mitteleuropäer erwartet, und Trost, wo man ihn kaum erwartet, es gibt einen atavistischen Glauben, der in vielerlei Hinsicht helfen soll und im konkreten Fall bloß brutal straft. Und irgendwann gibt es etwas zu feiern, so bitter, dass einem die Tränen versiegen.

Protagonistinnen in Berlin in bunter Maya-Tracht

Bei der Pressekonferenz – zur Begrüßung spenden die Journalisten denselben warmen Applaus wie nach der morgendlichen Vorführung – spricht der 38-jährige Regisseur fröhlich und viel, auf Spanisch, während seine in bunte Maya-Tracht gewandeten Protagonistinnen eine Weile schweigen. Dann sagt María Telón, im Film die gutherzigste Maya-Mutter der Welt, ihre Festivaleinladungsfreude auf Spanisch. Auch Mariá Mercedes Coroy fügt fast Identisches hinzu, schickt ihren Sätzen aber ein paar Worte auf Quiché voraus. Wipfel und Wurzeln, Lust auf die andere Welt und gewachsenes, erwachsenes Selbstbewusstsein: Da geht's lang.

8.2., 9.30 und 18 Uhr (Friedrichstadtpalast), sowie 12 Uhr (Haus der Berliner Festspiele)

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