Jack White : Kipp’ den Glascontainer um

Glanzstunde der Rockmusik: Jack White begeistert beim Konzert im Berliner Tempodrom mit Raubvogelgekreische, Lärmattacken und phänomenalen Gitarren-Soli.

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Quecksilbrige Läufe. Jack White wühlt im Urschlamm der amerikanischen Musikgeschichte.
Quecksilbrige Läufe. Jack White wühlt im Urschlamm der amerikanischen Musikgeschichte.Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Ein guter Chef sollte wissen, wie man seine Mitarbeiter zu Höchstleistungen anspornt. Vorab klang es wie ein MarketingGag, als Jack White ankündigte, seine aktuelle Tournee mit zwei abwechselnd auftretenden Bands zu bestreiten: jeweils einer reinen Frauen- und Männercombo. Doch in Wirklichkeit scheint dahinter der wohldurchdachte Plan zu stecken, eine Atmosphäre freundschaftlicher Konkurrenz zu schaffen. Vor dem Konzert im ausverkauften Tempodrom jedenfalls raunen sich die Internet-Checker zu, dass tags zuvor die weibliche Formation, The Peacocks, die Heineken Music Hall in Amsterdam zum Kochen gebracht habe. Das kann die Herrenrunde natürlich nicht auf sich sitzen lassen.

Also stürzen sich Los Buzzardos ohne Rücksicht auf Verluste ins Getümmel. Aus einem Stakkato einander verschlingender Melodiefetzen von Geige, Gitarre und Keyboards über Dominic Suchytas knarzendem Kontrabass und Daru Jones’ galoppierenden Drums schält sich das White-Stripes-Stück „Black Math“. Im Original ein spartanisch scheppernder Garagen-Rocker für Duobesetzung, schwillt es in der Sextett-Bearbeitung zum mächtigen, aber ungezähmten Bluesrock-Strom an, in den sich Jack White mit unnachahmlichem Raubvogelgekreisch und klirrender Sologitarre hinabstürzt.

Als Gitarrist ist der 36-Jährige längst eine Klasse für sich. Der amerikanische „Rolling Stone“ listet ihn in seinem Ranking der 100 besten Gitarristen aller Zeiten auf Platz 17. Das wird nach diesem grandiosen Auftritt noch mal zu überdenken sein. Manchmal klingen seine Soli, als würde ein voller Glascontainer ausgeleert – was unbedingt als Kompliment zu verstehen ist. Doch er beherrscht nicht nur hart an der Ohrenfolter operierende Lärmattacken, sondern wie eine menschliche Jukebox diverse historische Stile auf allerhöchstem Niveau: Mal spielt er quecksilbrige Läufe wie ein geerdeter Jimmy Page (mit dem er im Dokumentarfilm „I Might Get Loud“ ein Tête-à-tête hatte), mal feuert er gedämpfte Licks ab wie Bo Diddley oder flinkfingert sich wie Eddie Van Halen übers Griffbrett. Dabei erliegt er nie der Versuchung, sich pfauenhaft in Pose zu werfen. White ist bei aller technischen Brillanz das Gegenteil eines Egomanen, immer stellt er sein Können ganz in den Dienst der Songs.

Hier kann er aus dem Vollen schöpfen, hat er doch mit seinen drei Bands (White Stripes, Raconteurs, Dead Weather) und solo einen Fundus von über 200 Stücken komponiert. Von seiner aufregenden, aber nicht makellosen Solo-LP „Blunderbuss“ spielt er eher die rockaffinen Titel wie „Freedom At 21“, „Hypocritical Kiss“ oder „Missing Pieces“, doch auch das gebremste „Trash Tongue Talker“ mit White am stolpernden Honky-Tonk-Piano löst Begeisterung aus.

Noch stürmischer bejubelt werden die Songs, die aus Whites anderen Formationen bekannt sind und dramatischen Neubearbeitungen unterzogen werden: „Hotel Yorba“ (White Stripes) wird zum furiosen Rockabilly-Stomp mit lodernder Slide-Gitarre, der Powerpop-Klassiker „Steady, As She Goes“ (Raconteurs) bekommt schwermetallische Politur und das sensationelle „I Cut Like A Buffalo“ (Dead Weather) ist ein Stop-and-Go-Riffgewitter apokalyptischen Ausmaßes.

Und ja, er ist cool genug, sich das Stück zurückzuerobern, das man eigentlich nicht mehr hören mag, weil es zur globalen Fußballbegleithymne mutiert ist. Doch hier klingt „Seven Nation Army“ wie gerade erfunden, in vollem Bandornat, mit mächtig wummerndem Bass, schreddernden Riffs – ein Jahrzehntsong, befreit von jedem Beigeschmack.

Zwar besteht zu keinem Zeitpunkt ein Zweifel, dass das hier die Show von Jack White ist, aber er hat keine Probleme damit, auch die anderen glänzen zu lassen. Etwa den famosen, in seiner Motorik an Ray Charles erinnernden Keyboarder Isaiah Owens oder den Violinisten Fats Kaplin, der mit stoischer Mimik unheilvolle Drones in den Malstrom mischt.

Nur 85 Minuten dauert der gesamte Auftritt, aber die sind wie ein Destillat der besten Momente der Rockmusik. Dabei schafft es der aristokratisch blasse Meister nicht nur, Geschichte und Gegenwart zu versöhnen. Sondern vor allem auch, das Interesse an längst vergessenen Klängen nachwachsenden Generationen zu vermitteln. Sein beharrliches Wühlen im Urschlamm der amerikanischen Musikhistorie und seine von Talent, Sturheit und Workaholismus gespeiste Fähigkeit, diesen verschütteten Schatz nicht nur zu bergen, sondern permanent in originelle, fantastische Songs zu verwandeln, machen aus Jack White zugleich den wichtigsten Traditionsbewahrer und Erneuerer der zeitgenössischen Rockmusik.

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