Jackson Pollock in Berlin : Tanz der Totems

Als die Malerei zur Ekstase wurde: Die Deutsche Bank-Kunsthalle präsentiert Jackson Pollocks Meisterwerk „Mural“.

von
Meisterwerk der Maßlosigkeit. Jackson Pollocks „Mural“ (1943) ging als Geschenk von Peggy Guggenheim nach Iowa.
Meisterwerk der Maßlosigkeit. Jackson Pollocks „Mural“ (1943) ging als Geschenk von Peggy Guggenheim nach Iowa.Foto: Pollock-Krasner Foundation / VG Bild-Kunst Bonn 2015

Da hängt sie, die legendäre Leinwand, das berühmteste, größte Werk Jackson Pollocks: lang, breit und schief. Je intensiver man auf das 605 mal 247 Zentimeter große abstrakte Gemälde blickt, desto wilder erscheinen die Kreaturen, die ihm entsteigen. Längliche schwarze Figuren, zum Leben erwachte Totems schreiten plötzlich von der rechten zur linken Seite, die schlanken Bäuche vorgewölbt. Über sie legen sich skripturale grünliche Zeichen, die ihren eigenen Tanz aufführen. Das Ganze vermengt sich zum wilden all-over-painting, aus dem signalgelbe Lichtzeichen auflodern.

Die kaum gezügelte Wildheit der Malerei, die rauschhafte Energie beim Entstehungsprozess frappiert noch Jahrzehnte nach der Entstehung von „Mural“, wie Pollocks Meisterwerk von 1943 schlicht heißt. Für den amerikanischen Maler war es die Befreiung vom kleinen Format hin zur großen Geste, auf die später das drip-painting folgte. „Mural“ ist die Geburtsstunde des bedeutendsten Künstlers der USA, sein Werk wurde zum Fanal des Abstrakten Expressionismus. Was „Les Demoiselles d’Avignon“ von Picasso für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts bedeutet, stellt „Mural“ für die zweite Hälfte dar: eine Zäsur. Danach war die Malerei eine andere, sie wurde Ekstase.

Maler und Mäzenin. Guggenheim und Pollock vor „Mural“.
Maler und Mäzenin. Guggenheim und Pollock vor „Mural“.Foto: George Estate Kargar

Nun ist das berühmte Bild dorthin zurückgekehrt, von wo es letztlich seinen Ausgang nahm, nach Europa. Ohne die Surrealisten, die vor den Nationalsozialisten nach New York flohen und dort die kaum entwickelte Kunstszene inspirierten, wäre auch ein Pollock nicht denkbar, der seine kreativen Kräfte aus dem Unbewussten auf die Leinwand zu befördern begann. Nachdem das Riesenwerk 1993 im Berliner Martin-Gropius-Bau in der Ausstellung „Amerikanische Malerei des 20. Jahrhunderts“ zu sehen war, hat ein Unwetter das seit 1951 in der amerikanischen Provinz schlummernde, kaum transportable Monument eher unfreiwillig nochmals auf Reisen geschickt. Seit der Hochwasserkatastrophe von 2008 im Mittleren Westen befindet sich die Sammlung des University of Iowa Museum of Art in Ausweichquartieren oder auf Tour.

Die Schau ist zugleich eine Verbeugung vor Peggy Guggenheim

„Mural“, das prominenteste Stück der Kollektion, kam zunächst zur Restaurierung ins Getty Conversation Center nach Los Angeles und erstrahlt seit der Abnahme des Firnis wieder in den ursprünglichen Farben. In seiner 1,5 Tonnen schweren Klimakiste darf das Werk nun auch weiterreisen, nach Venedig, London, Málaga und Berlin. Die Deutsche Bank Kunsthalle präsentiert es samt einer hochinteressanten Ausstellung über die Vorgeschichte des Werks, ergänzt um Beispiele zu seiner Nachwirkung, mit Bildern von Pollocks Frau Lee Krasner, Robert Motherwell und Andy Warhol. Die Schau ist zugleich eine Verbeugung gegenüber dem Guggenheim Museum, bis vor drei Jahren Galeriepartner der Deutschen Bank Unter den Linden.

Ohne Peggy Guggenheim, die Gründerin des New Yorker Hauses, gäbe es kein „Mural“, vermutlich wäre die gesamte amerikanische Kunstszene eine andere geworden. Die exzentrische Sammlerin, die nach der Besetzung von Paris gemeinsam mit ihrem künftigen Ehemann Max Ernst Europa verlassen musste und in ihre Heimat zurückgekehrt war, hatte sich in den Kopf gesetzt, der amerikanischen Malerei eine neue Richtung zu geben, mehr Drive. Der junge Pollock erschien ihr da als der richtige Mann. Der noch unbekannte Maler erhielt den spektakulären Auftrag, das Entree zu ihrem neuen Townhouse auf der Upper East Side von Manhattan mit einem Wandgemälde zu versehen.

Wer in der Kunstszene New Yorks auf sich hielt, Künstler, Kritiker, Kuratoren, kam an Peggy Guggenheim nicht vorbei und passierte auf dem Weg zu ihr das gigantische Werk. Aus der besonderen Situation im Eingangsbereich erklärt sich auch die schiefe obere Kante des Gemäldes, die seit der Restaurierung wiederhergestellt ist. Dass das Bild nicht direkt auf die Wand aufgemalt war, erwies sich als Glück für Iowa. Peggy Guggenheim kehrte 1948 in ihr geliebtes Europa zurück und ließ sich in Venedig nieder; die aufgespannte Leinwand vermachte sie der School of Art and Art History an der Universität von Iowa als Geschenk – die Schule hatte sich mit einem fortschrittlichen Atelier-Programm hervorgetan.

Jenseits der großen Kunstmetropolen führte es dort ein Schattendasein. Die jetzige Tournee beschert ihm neue Aufmerksamkeit und erinnert an den Meisterstreich des damals 31-Jährigen. So verwundert es auch nicht, dass sich Mythen um die Entstehung des Monumentalbildes ranken. Angeblich soll es in einer Nacht rauschhaft auf die Leinwand geworfen worden sein: Geburt eines Künstlerheros. Diese Story erzählt auch der „Pollock“-Film von und mit Ed Harris aus dem Jahr 2000. In Wahrheit brauchte der Künstler den ganzen Sommer 1943 dafür. Fünf Mal setzte er neu an, wie die Restauratoren herausgefunden haben.

Bei "Mural" mass Jackson Pollock seine Kräfte mit Pablo Picasso

Damals war zeitgleich im New Yorker Museum of Modern Art die große Überblicksausstellung „Action Photography“ zu sehen. Der Einfluss der experimentellen Aufnahmen etwa von Barbara Morgan oder Gijon Mili auf Jackson Pollock ist unverkennbar. Die dynamischen Lichtstreifen, die aus dem Dunkel Zeichen setzen, tauchen auch bei „Mural“ wieder auf. Pollock hat den energetischen Moment, die im Bruchteil einer Sekunde gefrorene Bewegung auf die Leinwand übertragen, darin besteht seine überragende Leistung. Von den mexikanischen Muralisten übernahm er wiederum die Breitflächigkeit und die Staffelung der Motive.

Aus der Ferne stand als Dritter Pablo Picasso Pate. „Mural“ stellt nicht zuletzt einen Kräftevergleich mit dem großen Maler auf der anderen Atlantikseite dar, dessen Einfluss sich in den ungeschlachten Gestalten verrät, die quer über das Gemälde ziehen. Wie nahe der Künstler der Vaterfigur Picasso weiterhin stand, verrät ein kleines Bild in der Ausstellung, das ein Jahr nach „Mural“ datiert: „Icarus“ aus der Berliner Sammlung von Ulla und Heiner Pietzsch. Der monumentale Pollock mag nach der Berliner Ausstellung weiterziehen. Der kleine bleibt und wartet auf seinen Auftritt im künftigen Museum der Moderne am Kulturforum. Pollocks „Mural“ kann auch für dieses Projekt eine Lehre sein: Es gilt, den großen Wurf zu wagen.

Deutsche Bank Kunsthalle, Unter den Linden 13/15, bis 10. April, tägl. 10–20 Uhr. Katalog (Thames & Hudson) 35 €.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben