Jacques Doillons Biopic „Auguste Rodin“ : Sonnengott

Jacques Doillons Biopic „Auguste Rodin“ hätte ein spannender Einblick in die Pariser Avantgarde des 19. Jahrhunderts sein können - stattdessen kommt Langeweile auf.

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Genie. Vincent Lindon als Rodin.
Genie. Vincent Lindon als Rodin.Foto: Central

Rodin arbeitet am „Höllentor“, als sich Camille Claudel als Partnerin fürs künstlerischen Sparring anbietet. Das Höllische passt, denn im Film „Auguste Rodin“ wird Vincent Lindon in der Rolle des Bildhauers zu einem Mephisto, der immerzu das Gute will und bloß Böses schafft, sobald es um die Frauen in seiner Nähe geht. Camille (Izia Higelin) ist jung, talentiert und vorlaut, als sie 1883 Schülerin im Atelier des Franzosen wird. All das gefällt ihm, er profitiert von ihr. Sie wolle von ihm nicht länger ausgesaugt werden, schreit Camille dann im Streit nach der Hälfte des Films. Und hat nicht begriffen, dass sie längst eine Hülle ist. Ihre Skulpturen verschwinden im Schatten Rodins, ihre Schwangerschaft hat sie abgebrochen, Rodins ewige Haushälterin und Geliebte Rose triumphiert als Konkurrentin. Und Rodin? Findet Camille zunehmend launisch, destruktiv. Zeit, sich zu trennen.

Auch Rose (Séverine Caneele), mit der Rodin einen Sohn hat, muss sich Vorwürfe anhören. Später, mit über siebzig wird er sie heiraten. „Auguste Rodin“ konzentriert sich in seinen Episoden jedoch auf den Endvierziger, der moniert, Rose habe ihr Lächeln verloren. Was verständlich ist angesichts der vielen Kränkungen, die Rodin ihr zufügt.

Der Film ist eine vertane Chance

Regisseur Jacques Doillon macht aus dem Künstler einen Narzissten, blind für die Bedürfnisse anderer. Obwohl – oder gerade weil – der Jahrhundertbildhauer seine Hände wie Fühler nach allem ausstreckt, was sich formen lässt, darf sich nichts in seinem Umfeld ohne ihn entwickeln. Rodin erweckt selbst Marmor zum Leben. Beim Spaziergang kniet er nieder, um den Glanz einer Schneckenspur zu bewundern, später streichelt er die Rinde der Bäume. Bloß die Menschen um sich herum sieht er nicht, weil er wie ein Sonnengott selbstvergessen in seinem Atelier regiert. Ist es das, was man von einem historischen Biopic über Rodin lernen kann? Genügt es, den Künstler als genialischen Macho zu zeichnen, der seine Modelle ertasten muss und das am liebsten im Bett tut?

Der Film ist eine vertane Chance. Fast zwei Stunden lang zeigt er einen Avantgardisten im Pariser Milieu des späten 19. Jahrhunderts. Der Bildhauer ist mit Émile Zola, Claude Monet und Paul Cézanne befreundet – doch Doillon nennt nicht einmal deren volle Namen. Entweder setzt er voraus, dass man sie kennt, oder sie sind ihm egal. Einmal kommen drei Männer in Rodins Atelier und nehmen die von ihnen beauftragte Skulptur in Augenschein. Das Trio ist entsetzt: Honoré de Balzac als alter Mann mit hängenden Hoden und Bauch. Ihnen hatte ein junger, imposanter Dichter vorgeschwebt. „Vielleicht noch mit einem Tintenfass in der Hand?“, ergänzt Rodin. Das könne er besonders gut. Dann verliert sich sein ironischer Ton, er spricht über die Wahrhaftigkeit seiner Kunst, den Kampf mit dem Material und die unermüdlichen Versuche, die Seele dessen zu erfassen, was er darstellt. Da ahnt man, weshalb Rodin als Wegbereiter der Moderne gilt. Zola und Monet dagegen bleiben Männer mit angeklebten Bärten: Der Film lässt sie blass, macht sie zur Kulisse für Vincent Lindon, dem die Kamera fasziniert bei jeder Bewegung folgt.

Sein Rodin ist fraglos überzeugend und nimmt es mit jenem Rodin auf, den Gérard Depardieu 1988 in „Camille Claudel“ verkörperte. Lindons Bildhauer bleibt ein Monolith, der sich nicht einbettet in die damalige Zeit der Umbrüche und Auflehnung gegen akademische Traditionen und dessen Schülerin hilflos um ihn herumflattert. Dass sich Rodins Leben in lockeren Etappen darstellt, lässt den Film zerfallen. Für Kontinuität sorgen allein die Farben. Die Szenen in Rodins Atelier, die Kleider, der helle Gips, der kühle Marmor: Alles ist Ton in Ton gehalten, ästhetisch komponiert und voller Liebe zum Detail. Überall stehen Skulpturen, liegen modellierte Körperteile in einem diffusen Licht. Aber das Atelier bleibt eine Bühne. Auftritt, Abtritt der Figuren. Ihre Handlungen berühren nicht, schlimmer noch: Es kommt Langeweile auf.

Rodin hat das „Höllentor“, eines seiner wichtigsten Werke, bis zu seinem Tod 1917 nicht fertigbekommen, erst postum wurde es in Bronze gegossen. „Auguste Rodin“ wirkt ähnlich unabgeschlossen.

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