Jahrestag des Anschlags in Paris : "Charlie Hebdo" und die verwundete Demokratie

Meinungsfreiheit? Der Konsens ist brüchig. Zum ersten Jahrestag des Anschlags auf das Satireblatt „Charlie Hebdo“.

Utopischer Moment des Zusammenhalts. Die Verteidigung republikanischer Werte – auf der Place de la République, am 8. Januar 2015.
Utopischer Moment des Zusammenhalts. Die Verteidigung republikanischer Werte – auf der Place de la République, am 8. Januar 2015.Foto: dpa

Charb, Honoré, Cabu, Tignous, Wolinski – die Namen der „Charlie Hebdo“Karikaturisten sind Synonyme geworden. Für Pressefreiheit und Terrorangst, für die Verteidigung demokratischer Werte, die die Zeichner mit dem Leben bezahlten. Vor einem Jahr, am 7. Januar 2015, stürmten zwei islamistische Terroristen die Redaktion des Pariser Satiremagazins, töteten den Herausgeber Charb (Stephane Charbonnier) und elf weitere Mitarbeiter.

Die tragische Bilanz nach einem weiteren Attentat auf einen jüdischen Supermarkt an der Porte de Vincennes: 17 Tote. Am Sonntag, den 11. Januar, gehen in ganz Frankreich vier Millionen Menschen auf die Straße, um ihre Solidarität zu bekunden. Allein in Paris skandieren auf dem „Republikanischen Marsch“ mehr als eineinhalb Millionen „Je suis Charlie“ und singen die Marseillaise, darunter rund 50 Staats- und Regierungschefs.

Es ist nicht der letzte Terrorakt in Frankreich. Im Juni verübt ein IS-Täter einen Anschlag auf eine Fabrik bei Lyon und enthauptet einen Mann. Am 13. November sterben in Paris 130 Menschen bei Attentaten rund um das Stade de France und im Musikclub Bataclan.

All diese Taten sind Teil einer weltweiten Serie von IS-Anschlägen, im Jemen, in Beirut, in Tunesien, Dänemark, den USA. Die meisten Opfer sind Zivilisten: Passanten, Kneipengänger, Fußballfreunde, Rockmusikfans, die Besucher eines Kulturzentrums, einer Sozialstation. Die Täter zielen auf eine offene Gesellschaft, in der man sich versammelt, sich amüsiert, diskutiert – und Cartoons zeichnet.

Dokumentarfilm "Je suis Charlie" würdigt die Opfer

Cartoons, auf denen Mohammed zu sehen ist, der Papst, Nicolas Sarkozy oder François Hollande. Religiöse und weltliche Autoritäten. Es ist der Kern der republikanischen Werte, der Pressefreiheit: die Macht auslachen zu dürfen. Am lautesten hatte in Frankreich immer „Charlie Hebdo“ gelacht, schon in früheren Jahren gab es deshalb Morddrohungen, einen Brandanschlag – und Prozesse.

Der französische Dokumentarfilmer Daniel Leconte hatte die Macher des Satireblatts 2007 mit der Kamera begleitet, als sie wegen Mohammed-Karikaturen vor Gericht standen. Damals wurden Charb und Co. freigesprochen, nicht zuletzt, weil die Zeichnungen das Abbildungsverbot selber reflektierten und mit dem Tabu spielten, mutig, klug, virtuos. Sarkozy und Hollande, damals Chef der Sozialisten, besuchten persönlich den Prozess. Wir können die Karikaturen moralisch verurteilen, aber eben nicht verbieten, ein Fortschritt, sagte Hollande damals. Dann, am 7. Januar 2015, der brutale Rückschritt.

In den Wochen nach dem Attentat drehte Regisseur Leconte eine zweite „Charlie Hebdo“-Doku, gemeinsam mit seinem Sohn Emmanuel. „Je suis Charlie“ versteht sich als Hommage an die Opfer, als Rekonstruktion der Ereignisse und als Rekapitulation der durchaus zwiespältigen öffentlichen Haltung in Sachen Pressefreiheit, Mohammed-Karikaturen und Terrorangst. Zum Jahrestag kommt der Film nun auch in die deutschen Kinos.

Zwölf Mitarbeiter von "Charlie Hebdo" wurden am 7. Januar 2015 ermordert. Eine Woche später kam diese Ausgabe heraus, mit einem weinenden Mohammed auf dem Titel und der Zeile "Alles ist vergeben".
Zwölf Mitarbeiter von "Charlie Hebdo" wurden am 7. Januar 2015 ermordert. Eine Woche später kam diese Ausgabe heraus, mit einem...Foto: dpa

Drei der Überlebenden berichten stockend vom apokalyptischen Blutbad. Bei der von den Terroristen gestürmten Konferenz hatten sie gerade über das Erstarken des Dschihad und dessen Attraktivität für junge Leute gesprochen, durchaus kontrovers. Die Zeichnerin Coco (Corinne Rey) berichtet, wie sie von den Tätern mit der Kalaschnikow im Rücken gezwungen wurde, den Eingangscode zu den Redaktionsräumen einzutippen. Ihr Kollege Riss (Laurent Sourisseau) wurde schwer verletzt, als neuer Herausgeber ereilte ihn kurz darauf eine Fatwa: 200 000 Dollar Kopfgeld, weil das Blatt weiter Mohammed-Karikaturen druckte – wie die berühmte Zeichnung auf dem Titel der ersten Ausgabe nach dem Attentat, in der ein weinender Prophet ein „Je suis Charlie“-Schild in Händen hält und sagt: „Alles ist vergeben“.

Eric Porthault, Finanzchef des Wochenmagazins, resümiert: „Sie haben ,Charlie Hebdo’ zerstört, aber totzukriegen ist das Blatt nicht.“ Es klingt ein bisschen wie das Pfeifen im Wald. Denn zu den Folgen des traumatischen Ereignisses gehört auch, dass die Redaktion sich über die Verwendung der Spenden und den plötzlichen Reichtum durch die sprunghafte gestiegene Auflage nach dem Attentat entzweit. Die Redakteure werden psychologisch betreut, aber es gibt Spannungen, inhaltlich, emotional. Luz (Renald Luzier), der Zeichner des weinenden Mohammed und einer der Besten im Team, hatte am 7. Januar Geburtstag, er war später ins Büro gekommen. Die Arbeit für „Charlie Hebdo“ nach dem Anschlag nennt er eine Qual, zeichnet sich das Trauma im sehr persönlichen Journal „Katharsis“ von der Seele und verlässt im September die Redaktion. Andere folgen.

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Die Philosophin Elisabeth Badinter sorgt sich nun grundsätzlich um die Meinungsfreiheit. Sie befürchtet vor allem, dass junge Kollegen eingeschüchtert sind. „Wenn kein Journalist mehr seinen Teil des Risikos auf sich nimmt“, sagt sie im Film der Lecontes, „dann haben die Barbaren gewonnen.“

Die verwundete Freiheit, die versehrte Demokratie: Das „Charlie Hebdo“-Team arbeitet an einem geheimen Ort, unter Hochsicherheitsbedingungen. Es stimmt etwas nicht, wenn Zeichner ausgerechnet von jener Staatsmacht geschützt werden müssen, die sie kritisch aufs Korn nimmt – und die ihr in der Geschichte der Karikatur oft genug mit Zensurmaßnahmen das Leben schwer gemacht hat.

Einer der getöteten Polizisten war ein algerischstämmiger Moslem

Heute ist klar: Die Millionen-Demonstration am 11. Januar war ein utopischer Moment, eine Ausnahmeerscheinung, bei der die Möglichkeit einer besseren zivilen Gesellschaft aufschien. Für diesen einen Moment stand die demokratische Welt unverbrüchlich zusammen, in der Zurückweisung von jeglichem Fundamentalismus, jeglicher Gedankenpolizei, jeglicher Einschränkung der Freiheitswerte. Angst machen gilt nicht. Der „Je suis Charlie“-Film zeigt auch einen Ausschnitt aus der Pressekonferenz mit der Familie eines der getöteten Polizisten, eines algerisch-stämmigen Moslems. Er wende sich, sagt dessen Bruder, „an alle Rassisten, Islam-Hasser und Antisemiten“, um ihnen zu sagen, Extremisten und Moslems dürfe man niemals verwechseln. Auch das ein bewegender Moment: die kultur-übergreifende Einigkeit im Laizismus.

Wenigstens ein paar Tage lang verstand sich das Selbstverständliche von selbst. Dass Kritik an der Religion ebenso frei ausgeübt werden darf wie die Religion selbst. Dass man die Äußerungen Andersdenkender, freche Cartoons zum Beispiel, zwar kritisieren, blöd finden, zurückweisen kann, mit Gegenreden und Gegenzeichnungen. Dass man auch das Recht hat, juristisch gegen sie vorzugehen, aber niemals mit Waffengewalt.

Immer wieder der unfassbare Vorwurf, die Karikaturisten seien selber schuld

Die Grenzen der Satire? Es gibt nur eine, das Gesetz, sagte Coco kürzlich im „Welt“-Interview. Heute ist vor allem klar: Der Konsens über die Gedankenfreiheit ist und bleibt brüchig. Spätestens wenn es um die Religion geht. Schon in den Vorjahren hatte „Charlie Hebdo“ oft isoliert und marginalisiert dagestanden, war zum Beispiel beim solidarischen Nachdruck der dänischen Mohammed-Karikaturen des mit Mord bedrohten Zeichners Kurt Westergaard von großen französischen Medien alleingelassen worden.

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Schon Mitte Januar 2015 werden die Stimmen derer wieder laut, die den Cartoonisten vorwerfen, sie hätten die Morde mit ihren respektlosen Karikaturen selbst provoziert: Charb, der Dickkopf, habe die Redaktion in den Tod getrieben . Zu intolerant, zu radikal, nehmt doch Rücksicht auf religiöse Gefühle, heißt es auch in Deutschland. Als der internationale Pen-Club „Charlie Hebdo“ im Mai mit einem Preis für publizistischen Mut auszeichnet, protestieren zahlreiche Schriftsteller, darunter Michael Ondaatje und Teju Cole. Selbst der Papst fällt den Mordopfern in den Rücken mit dem Satz, auch er verpasse demjenigen eine, der seine Mutter beleidige.

Man tut sowas nicht: Dieser Konsens ist größer. Als sei die Religion über die demokratischen Rechte erhaben, als gehöre ihre Macht nicht infrage gestellt. In den USA gibt es immer noch Lehrer, die anstelle von Darwins Evolutionslehre die bibeltreue Version unterrichten, mit Adam und Eva als den ersten Menschen. Freiheit und Aufklärung werden immer an ihren Rändern verteidigt, dort, wo sie bedroht sind. Satiriker und Karikaturisten sind ihre Grenzwächter.

Seit dem 13. November ist klar: Der Terror kennt keine Ursache-Wirkung-Logik

„Charlie Hebdo“ hat 2015 weitergemacht und mit Cartoons für neue Kontroversen gesorgt. Mit beißenden Kommentaren zur europäischen Flüchtlingspolitik und zur Willkommenskultur. Oder auch mit dem Titel der aktuellen JahrestagsAusgabe, der einen bärtigen Gott mit Kalaschnikow zeigt. Die Religionskritik lassen sich die Karikaturisten nicht nehmen, ein Glück. Der Vatikan hat bereits protestiert.

Rücksicht auf religiöse Gefühle? Seit den Anschlägen vom 13. November ist klar, dass der Terror keiner Logik von Ursache und Wirkung gehorcht. Coco hatte es in „Charlie Hebdo“ mit einem Cartoon auf den Punkt gebracht. Sie zeigt einen Mann, aus dessen Schusswunden kein Blut fließt, sondern Alkohol. „Sie haben die Waffen, wir haben den Champagner!“, so die Zeile dazu. Die Mörder handeln in dem Wahn, dass nicht nur die Freiheit, sondern auch jedes Freizeitvergnügen verdammenswert ist. Die Frage der Provokation dürfte sich damit erledigt haben.

Der Film "Je suis Charlie" von Daniel und Emmanuel Leconte läuft - auf Französisch mit deutschen Untertiteln - in Berlin in den Kinos b-ware! ladenkino (dort auch mit engl. UT), Brotfabrik, City Kino Wedding, Filmkunst 66, Hackesche Höfe, Moviemento, Lichtblick, Zukunft.

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