Jan Snela und seine Erzählsammlung "Milchgesicht" : Highnooniös

Skurril, formverliebt, artistisch: Jan Snelas Erzählsammlung „Milchgesicht“. In diesem Jahr liest Snela auch in Klagenfurt beim Bachmann-Preis

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Knietief im Wasser, knietief in der Kunst. Der Münchner Schriftsteller Jan Snela, 36.
Knietief im Wasser, knietief in der Kunst. Der Münchner Schriftsteller Jan Snela, 36.Foto: Sebastian Marincolo/Verlag

Es war ein Mittwoch und Zeit für mein Milchbad“ – so beginnt die Geschichte „Milchgesicht“, mit der Jan Snela vor einigen Jahren den Berliner Literaturwettbewerb Open Mike gewonnen hat. Sie erzählt von einem jungen Mann, den mit seiner Freundin offenbar alle guten Geister verlassen haben, abgesehen von seinem treuen Kühlschrank namens Melchior. Weil der aber nicht mehr genug Milch fürs Milchbad geladen hat, macht sich der Mann auf den Weg zur Tankstelle. Die überfordernde Realität dort wird phantasmagorisch: „Er geht nun auf die Verkäuferin zu. Alles, was er von ihr will, ist ein Lächeln und einen Kuss vielleicht. Und sie, die Schwarzhaarige, Geschminkte, von Beginn an Abwinkende, malt ihm mit einem Kugelschreiber einen Strichcode auf die Stirn und zielt mit der Infrarotpistole darauf, drückt ab. Es piepst lakonisch. Hannes erfährt, dass er gerade mal 95 Cent wert ist…“

Jan Snela wurde 1980 in München geboren

Verstörung und skurrile Komik bedingen sich hier gegenseitig. In Snelas Geschichten verlässt die Handlung schleichend den Boden des scheinbar Realen, die Koordinaten verschieben sich vom Sonderlingshaften ins Surreale, Wahn dringt in die Wirklichkeit. „Die Alte“ erzählt von einer Greisin, die aus ihrem gichtgekrümmten Dasein entschwebt, mittels eines Flugdrachens, den sie sich aus Duschvorhängen, Gardinenstangen und ihrem Einkaufstrolley selbst zusammenbaut. Die behelmten Drachenprofis an der Abflugrampe staunen nicht schlecht: „Könnte klappen.“ In ihrem Höhenflug freut sie sich über die kleiner werdende Welt und verschwindet in einer duftenden weißen Wolke – kein irdisches Verdunsterzeugnis, sondern der im Wind bewegte, erdnahste Bartzipfel Gottes, der sich gerade herabgebeugt hat, um nach der Alten zu schauen.

Jan Snela wurde 1980 in München geboren; er hat Slawistik und Rhetorik studiert. Rhetorik als Kunst der geschliffenen Rede und der gefeilten Sprache spielt auch in den zehn Erzählungen seines Prosadebüts eine zentrale Rolle. Die Liebe zu Stabreim, Assonanz und Alliteration gibt den Stilwillen ins Gekünstelte zu erkennen. Das Meer zum Beispiel wird zum „Gewoge haifischdurchhuschter Feuchtigkeiten“. Sicher, man kann manche von Snelas Worterfindungen eher preziös als präzise finden, andere wirken sehr forciert wie „highnooniös“. Aber das Forcierte, Kunstvoll-Gekünstelte gehört zum poetischen Programm dieses Autors. Die sprachliche Opulenz wirkt ironisch, weil sie kontrastierend auf dürftige Lebenswelten angewendet wird: auf Figuren, die aus der Welt zu fallen drohen. Sei es, weil ihnen mit einer Partnerschaft die Ordnung des Lebens zerbricht, sei es, weil sie randständige oder prekäre Existenzen verkörpern, wie die Spitzenklöpplerin in der wunderbar kafkaesk-kuriosen Künstlergeschichte „Klopstock“.

Snelas Texte sind gefeilt und geschliffen

Die längste Erzählung „Das Wiesel“ handelt von einem Doktoranden namens Henri, der im Labyrinth seiner Entwürfe und Notizen verloren zu gehen droht. Als er im Whiskeydusel von einer Westernmottoparty heimkehrt, schließt sich ihm ein hartnäckiges Wiesel an und dringt in die Wohnung ein, die er mit seiner etwas fester im Leben stehenden Freundin Hermine teilt; immerhin arbeitet sie als „Renomméestrategin bei Frantz & Frans, der Frotteefirma“. Ist das Wiesel bloß fixe Idee und Hirngespinst? Jedenfalls wird es ziemlich real mitsamt Hinterlassenschaften beschrieben. Henri wird zum Jäger in den eigenen vier Wänden, betreibt mythisch-biologische Wieselforschungen und schafft es schließlich, das Raubtier mit Serranoschinken handzahm zu machen. Woraufhin die beiden, Mensch und Tier, immer übermütiger und liebeswütiger durch die Zimmer tollen. Dass Freundin Hermine zum halluzinatorischen Ende hin verschwindet und nicht mehr wiederkehrt, wundert nicht. „Ein Bestiarium der Liebe“, lautet der Untertitel des Bandes. Metamorphosen ins Tierische, Fabelwesenhafte ereignen sich in den meisten der Geschichten.

Hier gibt es Metamorphosen ins Tierische, Fabelwesenhafte

Nach dem Gewinn des Open Mike hat sich Snela für sein Buch fünf Jahre Zeit gelassen. Seine Texte wollen gefeilt und geschliffen sein. Der elaborierte, barock aufgeschmückte, bisweilen an die komische Prosa H.C. Artmanns erinnernde Stil gerät allerdings nie in die Gefahr der Weitschweifigkeit. Denn so angereichert durch erlesene Wortschätze die Geschichten sein mögen, sie sind zugleich Konzentrate, komponiert wie Lyrik. Man kann sie mit Vergnügen wieder- und vor allem auch laut lesen. Egal, wie es mit diesem Autor weitergeht, ob er fünfzehn Jahre für seinen ersten Roman braucht oder seine Manierismen sich im zweiten Werk erschöpfen – dieses Debüt ist eine Lesefreude für alle, die skurrile, formverliebte, wortartistische Literatur mögen.

Jan Snela: Milchgesicht. Ein Bestiarium der Liebe. Erzählungen. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2016.184 Seiten, 17,95 €.

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