Kultur : Janine

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Rüdiger Schaper über

den Tod im Tacheles

Man solle das Wort Selbstmord abschaffen, hat kürzlich die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben gefordert: Freitod, Suizid, Selbsttötung seien angemessenere Ausdrucksweisen. Aber wofür? Gewiss, im strafrechtlichen Sinn mag das zutreffen. Mord setzt bestimmte Merkmale voraus – Habgier, Heimtücke, niedrige Beweggründe. Das passt nicht, wenn ein Mensch den Freitod wählt. Nur, was heißt frei in einem solchen schrecklichen Zusammenhang? Und klingt Selbsttötung (lateinisch Suizid) nicht viel zu klinischkalt für das Unfassbare, manchmal sogar Unvermeidliche?

Ganz gleich, welchen Namen man dem Horror gibt: Man spricht lieber nicht darüber. Dass in Deutschland alle vier Minuten ein Mensch versucht, sich das Leben zu nehmen. Dass in diesem Land bald 11 000 Menschen jedes Jahr auf diese Weise sterben, zu schweigen von der Dunkelziffer. Meist geschieht es so, dass die Öffentlichkeit nichts davon erfährt. Die 24-jährige Frau, die vergangene Woche aus dem fünften Stock des Berliner Kunstzentrums Tacheles in den Tod sprang, wählte einen spektakulären Weg. Hatte sie tatsächlich eine Wahl?

Die Tragödie der Janine F. lässt uns nicht los. Blockiert die Sprache und setzt zugleich die Fantasie in Gang. Sie war jung, und sie war eine Künstlerin. Sie hatte im Tacheles, diesem schick-morbiden Postkartenmotiv, ihr Atelier. Sie hat kurz zuvor offenbar über ihre Absicht gesprochen, und ihre Künstlerfreunde haben diese Ankündigung mit einer Videokamera aufgezeichnet. Grauenhaft. Doch: Wir kennen den Inhalt nicht. Janine F. hat nach der Aufnahme auch noch im Tacheles mit einem Mann Alkohol getrunken und ist mit ihm ins Bett gegangen. In der Nacht fuhr er sie in ihre Wohnung. Hätte er nicht bei ihr bleiben müssen? Sie kam zurück. Und dann ist sie gesprungen. Sie nahm keine Tabletten. Da hätte es vielleicht ein Zurück gegeben. Sie wollte also nicht gerettet werden?

Nun steht das Tacheles als Haus des Schreckens und der Verkommenheit dar. Und dass Touristen die Leiche als Teil einer makabren Performance anstarrten, verführt manch einen zu dem Urteil, unsere Wahrnehmung sei durch all den Medienspuk, der uns umgibt, schon längst total verderbt. Das ist verständlich, aber auch ein Reflex. Ein Wegsehen. Der Übergang zur Tagesordnung.

Vielleicht erinnern wir uns: an die Dramatikerin Sarah Kane. Sie erhängte sich mit 28 Jahren in einem Hospital. Vorausgegangen war ein gescheiterter Selbstmordversuch. Es gab kein Video, doch ihre Stücke konnte, musste man als Warnung lesen. Als Hilferufe. Und wir erinnern uns an Franca Kastein, die Schauspielerin. Franca sprang an einem Sommersonntagmorgen in den Hackeschen Höfen in die Tiefe, auch das ein Touristen- und Szeneort der Hauptstadt. Freunde sagten, ihr Leben sei selbstzerstörerisch gewesen – ein sichtbares Fanal.

Wer trägt die Schuld? Trägt wer die Schuld? Janine soll auch noch einen Abschiedsbrief hinterlassen haben. Es wird vermutet, dass die Bildhauerin unter Depressionen litt und Drogen nahm. So viele Fragen. Die polizeilichen Ermittlungen werden auch nur eine Version des Dramas an den Tag bringen. Selbstmord: das letzte Tabu der westlichen Gesellschaft, die ihren Städten jetzt Weihnachtslichter aufsetzt. Von dem „grausamen Gott“ spricht A. Alvarez in seinem berühmten Buch über den Suizid. Dieser dunkle Gott existiert, auch wenn wir sonst an keinen Gott glauben.

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