Jaron Lanier und die Gratiskultur im Internet : Nichts darf umsonst sein

Die Zukunft gehört Google, Facebook und Co - muss das wirklich sein? Das fragt sich Internetkritiker Jaron Lanier in seinem neuen Buch "Wem gehört die Zukunft".

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Muss man Google stoppen?
Muss man Google stoppen?Foto: dpa

Die Frage, die Jaron Lanier mit dem Titel seines neuen Buches stellt, mag nurmehr eine sowieso nicht zu beantwortende, bestenfalls rhetorischer Natur sein: „Wem gehört die Zukunft?“ lautet sie, und der 1960 in New York geborene Internet-Pionier, Computerwissenschaftler und Musiker weiß natürlich, dass weder die Zukunft noch die Gegenwart oder die Vergangenheit wirklich irgendjemandes Eigentum sein können; und doch liefert er gleich im Vorwort eine Antwort mit, wenn er vom „Bumerang“ spricht, als der sich das von ihm mitaufgebaute, „spezielle, seltsame Netzwerkdesign“, die gesamte digitale Welt überhaupt erwiesen hat: Uns gehört die Zukunft jedenfalls nicht!

Sondern den Internetkonzernen Google, Facebook, Amazon und anderen monströs großen Datensammlern, von Lanier in Anlehnung an die griechische Mythologie „Sirenenserver“ genannt. Das sind seiner Definition nach „Elitecomputer oder eine koordinierte Ansammlung von Computern in einem Netzwerk“, die kostenlos Daten sammeln: „Die Daten werden mit den leistungsfähigsten Computern analysiert, die von Spitzenkräften gewartet werden. Die Ergebnisse der Analysen werden geheim gehalten, aber dazu genutzt, die übrige Welt zum eigenen Vorteil zu manipulieren.“

Das Internet ist eine große Arbeitsplatzvernichtungsmaschine

Sirenenserver sind folglich auch die Finanzmärkte, Krankenversicherungen und nicht zuletzt die Geheimdienste. Edward Snowdens NSA-Enthüllungen fielen zeitlich zwar erst nach der Veröffentlichung von Laniers Buch in den USA, sind aber auch nur der vorläufige Endpunkt einer Entwicklung, die Lanier beklagt: Dass wir – mehr oder weniger, leider aber vor allem mehr – freiwillig unsere Informationshoheit abgegeben haben und uns darüber hinaus rund um die Uhr ausspionieren und überwachen lassen.

Sein Buch ist trotzdem mehr eine überaus lesenswerte Analyse als eine übertriebene desillusionierte Abrechnung mit der digitalen Kultur. Dafür hat Lanier selbst lange genug an die digitalen Utopien geglaubt, an das demokratische Surplus durch das Netz, an dessen Freiheits- und Individualisierungsversprechen, an dessen katalysierenden Wirkungen bezüglich wissenschaftlicher Innovationen oder der Bildung für alle. Enttäuschung hin, heftige Kritik her: Lanier will sich nicht ganz von der Vorstellung lösen, dass „Big Data“ zum Vorteil der Wirtschaft genauso wie auch der Menschen genutzt werden kann. Und einer seiner Ratschläge ist es, „dass man mit dem Fortschreiten der Informationstechnologie seine technischen Kenntnisse verdoppelt und lernt, unternehmerisch und anpassungsfähig zu sein, denn diese Eigenschaften ermöglichen eine Position in der Nähe eines Sirenenservers“. Dass diese Position eine fragile ist, die Sirenenserver ziemlich gefräßige Wesen sind, steht dann wieder auf einem ganz anderen Blatt. Aber ruhig Blut!

Lanier analysiert den Pseudo-Ästhetizismus und die Guru-Praktiken eines Steve Jobs; er erzählt wie im Silicon Valley die ambitioniertesten Zukunftsprognosen ohne den Menschen angestellt werden; und er legt dar, wie ein analoges Unternehmen wie Wal-Mart zum Prototypen eines Sirenenservers und Datensammler wurde. Doch auch wenn er es nur ungern zulässt, überwiegt gerade im ersten Teil seines Buches schon ein gewisser Pessimismus bezüglich unserer Zukunft, insbesondere weil Lanier mit „uns“ eine bestimmte Gesellschaftsschaft im Visier hat: die Mittelschicht.

Jaron Lanier
Jaron LanierFoto: Insightfoto.com/Verlag

Das Internet hat sich allen Fortschrittsprognosen und Lebenserleichterungen zum Trotz doch mehr und mehr als große, globale Arbeitsplatzvernichtungsmaschine entpuppt: Facebook als eins der umsatzstärksten Unternehmen des Planeten hat nur einen Bruchteil der Arbeitnehmer, den zum Beispiel ein Old-Economy-Riese wie General Motors einst hatte; oder der Fall Instagram, mittlerweile auch von Facebook einverleibt: 13 Mitarbeiter beschäftigt dieses digitale Fotografie-Unternehmen, genau genommen also rein gar nichts im Vergleich zu den fast 150 000 Arbeitsplätzen, die der einstige Foto-und Filmriese Kodak in seinen besten Zeiten hatte. Ganz zu schweigen von den vielen Jobs in der Kreativindustrie (von der Musikbranche bis zu Zeitungsverlagen), die in den letzten Jahren durch die Digitalisierung verloren gegangen sind.

Google, Facebook, Amazon und Co beuten Milliarden von Menschen aus

Mag sich das hier nicht mehr als eine Binsenweisheit lesen (zumal unsereins tatsächlich mitten im Sturm dieses Strukturwandels steht), so lassen einen Laniers sonstige, vermutlich auch nicht in einer so weiten Ferne liegenden Zukunftsvisionen ein bisschen gruseln: 3-D-Drucker, die viele Gebrauchsgegenstände des Lebens produzieren, Autos, die von selbst fahren, Bettpfannenroboter, die in der Pflege eingesetzt werden. Will auch heißen: Pflegekräfte, Taxi- und Lkw-Fahrer und Angestellte beispielsweise in der Spielzeugindustrie werden überflüssig und die Mittelschicht kleiner und kleiner.

Ausgleich oder Ersatz dafür ist nicht in Sicht, langfristig eben auch nicht in der Nähe der immer auf Monopolstellungen fixierten Sirenenserver. Was Jaron Lanier zu der fast verzweifelten Frage führt, wie man wohl verhindern könne, „dass das Internet zum Herrschaftsinstrument wird, das einigen wenigen die Macht gibt, Milliarden von Menschen auszubeuten?“ Seine Antwort darauf ist vage; sein Modell der „humanistischen Informationsökonomie“ klingt da theoretisch besser, als es praktisch in die analoge und digitale Realität zu übertragen ist.

Lanier schwebt unter anderem eine Art Mikrobezahlsystem für jede Information vor, die wir Facebook, Amazon oder Google geben. Die Nutzung dieser Daten solle kostenpflichtig werden, das Internet sich von seiner „Gratiskultur“ verabschieden. Dass das selbst eine Utopie ist, zumal eine technisch schwer umsetzbare, gesteht Lanier ein, er weiß da um viele unbeantwortete Fragen. Aber er hofft auf die Existenz „noch unentdeckter realer Möglichkeiten“, auf „neue Automatisierungen oder hocheffiziente Systeme“ – auf dass die Datenwertschöpfung uns allen zugutekomme.

Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft? Aus dem amerikanischen Englisch von Dagmar Mallett und Heike Schlatterer. Hoffmann & Campe, Hamburg 2014 480 Seiten, 24,99 €

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