Jazz-Dokumentation : Legende vom unheiligen Trinker

Immer schön Underground bleiben: An diesem Samstag läuft im Arsenal-Kino Hans-Jürgen Pohlands großartige Berliner Jazz-Dokumentation "Tobby". Unbedingt anschauen!

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Der Jazzmusiker Toby Fichelscher und eins seiner Kinder. Foto: Arsenal
Der Jazzmusiker Toby Fichelscher und eins seiner Kinder.Foto: Arsenal

Beim Filmfestival zum 50. Jahrestag des Oberhausener Manifests im Arsenal (noch bis 31. Mai) weiß man kaum, wohin vor lauter grandiosen Kabinettstückchen wütender junger Männer (Frauen, wie üblich, auf Regieebene weiland nicht vorhanden). Auf einen Termin sei aber in jedem Fall hingewiesen, sei man nun Fan von Hans-Jürgen Pohland, von Jazzmusik oder von grandiosen schwarz-weißen Ansichten des gleichzeitig kargen und swingenden Berlin von 1961. An diesem Samstag, den 19. Mai, läuft um 19 Uhr die rare und atmosphärisch dichte Dokumentation „Tobby“. In seinem ersten Langfilm, ein Jahr vor dem Manifest übrigens, hat Pohland den Jazzmusiker Toby Fichelscher portraitiert. Dieser gondelt mit dem Fahrrad über Berlins Straßen, übernachtet bei netten jungen Damen, jammt mit weißen und schwarzen Jazzgrößen, verkloppt die Bongos, spielt Mundharmonika und singt so, dass die Industrie ihn glatt zur Schlagergröße aufbauen wollte. Aber nicht mit Tobby. Der blieb lieber Underground. Rhythmisch und cool wie die beschriebene Musik malt Pohland das Bild eines hedonistisch-trotzigen genuinen Hipsters, und lässt das gerade halb wieder aufgebaute Berlin dabei so sophisticated aussehen, dass man die ganzen aktuellen Gentrifizierer-Clubs und Cafés der Stadt nur belächeln kann. Recherchiert man heute über Fichelscher, findet man (neben einem hübschen Foto in der Sammlung des Jazzclubs „Eierschale“) einen Auftritt als „Musikleiter“ in „Der treue Husar“ (1954) mit Paul Hörbiger, diverse Aufnahmen als Sänger und Percussionist. Und einen Sohn, der Mitglied bei den fusselbärtigen Krautrock-Wizards Popol Vuh und Amon Dühl II war. Wenn das nicht alles gute Gründe zum Angucken sind! Jenni Zylka

"Tobby", 19.5., Arsenal, Potsdamer Str. 2, 19 Uhr

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