Jazzpreis für Gebhard Ullmann : Das rastlose Zentralgestirn

Endlich hat auch Berlin seinen eigenen Jazzpreis. Erster Preisträger: der Saxofonist, Flötist und Bassklarinettist Gebhard Ullmann. Im kleinen rbb-Sendesaal bedankt er sich - natürlich - mit einem Konzert.

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Gebhard Ullmann
Gebhard UllmannFoto: rbb/Ole Jensen

Warum ausgerechnet in Berlin so lange niemand auf die Idee kam, für die gleichermaßen lebendigste wie darbendste aller Künste, den Jazz, einen Preis zu stiften, lässt sich im Rückblick wohl nicht mehr sagen. Prägende Hauptstadtmusiker wie die Schlagzeuger Christian Lillinger und Eric Schaefer, die Pianisten Julia Hülsmann und Alexander von Schlippenbach, der Bassklarinettist Rudi Mahall und der Trompeter Axel Dörner, um nur die letzten Jahre zu erwähnen, fuhren zum SWR-Jazzpreis in den Süden. In dreieinhalb Jahrzehnten etablierte er sich als renommierteste Auszeichnung des Landes auf diesem Gebiet.

Vor genau 30 Jahren wurde damit auch der Saxofonist, Bassklarinettist und Flötist Gebhard Ullmann ausgezeichnet, zusammen mit dem Gitarristen Andreas Willers. Ein halbes Leben später ist Ullmann, der im November seinen 60. Geburtstag feiert, nun der erste Träger des mit 15 000 Euro dotierten Berliner Jazzpreises. Ausgerichtet vom RBB und dem Kultursenat, richtet der von einer fünfköpfigen Musiker- und Kritikerjury kuratierte Preis die Aufmerksamkeit auf ein Zentralgestirn der hiesigen Szene – wenn sich Ullmanns Rastlosigkeit diesseits und jenseits des Atlantiks mit einem solchen Wort noch fassen ließe.

Mit seinem seit über 20 Jahren bestehenden Quintett Basement Research oder dem Quartett Conference Call steht er für eine Internationalisierung, die im Jazz Tradition hat. Gerade zwischen freier Improvisation und Neue-Musik-Konzepten, dem Terrain, das Ullmann auch in zahlreichen anderen Formationen erkundet, ist sie aber auf einem Höhepunkt angekommen, der die Auszeichnung zugleich zu einer musikpolitischen Botschaft macht.

Virtuosität und Geschmack

„Wenn ich mit Musik schon kein Geld verdiene“, sagt Ullmann gerne, „dann will ich es wenigstens mit meiner eigenen tun.“ Eine solche Unbeirrtheit, an der Branchen- und Marketingpreise wie der Echo zwangsläufig abprallen, ist – wo sie sich wie bei ihm mit Virtuosität, Geschmack und kompositorischer Intelligenz paart – ein Berliner Spezifikum. Es müsste auch in einem künftigen House of Jazz berücksichtigt werden. Das weiß auch Kultursenator Klaus Lederer, der den Preis im kleinen RBB-Sendesaal zusammen mit Programmdirektor Jan Schulte-Kellinghaus überreichte.

Im Konzert mit seinem neuen Quartett mikroPULS ist Ullmann, wie der Name verspricht, mikrotonalen Prozessen auf der Spur, die sich mit einem energetischen Jazzpuls verbinden. Sein Tenorsaxofon und Hans Lüdemanns vierteltönig gestimmtes Keyboard erzeugen auf der melodischen Achse trudelnde und strudelnde Linien, während Kontrabassist Oliver Potratz und Drummer Eric Schafer mit hart verkanteten Rhythmen dazwischenfahren und sie im metrisch Freien wieder entflechten. Eine Umarmung von Präzision und Ungenauigkeit, die dem ans Wohltemperierte gewöhnten Ohr angenehme Schwindeleffekte beschert. Wie man da, sicher an die Hand genommen, im freien Fall etwa durch Eddie Harris’ souligen Standard „Freedom Jazz Dance“ taumelt, ist ein Klartraum der schönsten Art.

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