Jean Echenoz' Kriegsroman "14" : Das große Geläut

Kann man über den Ersten Weltkrieg auf 125 Seiten schreiben? Jean Echenoz kann: mit meisterlicher Verknappung in seinem Roman "14".

von
Ausschnitt des Buchcovers.
Ausschnitt des Buchcovers.Foto: Hanser Berlin

Kann man einen Roman über den Ersten Weltkrieg auf 125 Seiten schreiben? Erich Maria Remarque brauchte für „Im Westen nichts Neues“ immerhin 220 Seiten und Stefan Zweig für „Die Welt von gestern“ über 500. Aber man kann! Der Franzose Jean Echenoz zeigt sich als Meister der Verdichtung. Schon der Titel des Romans – „14“ – lässt keine weitere Verknappung zu.

Am 1. August 1914 fährt der Fabrikangestellte Anthime auf dem Fahrrad unbeschwert durch die idyllische Landschaft der Vendée. Ein plötzlicher Windstoß fegt ihn fast vom Fahrrad, der Wind bricht jäh ab, und nun hört er um vier Uhr nachmittags das Läuten aller Glocken: Mobilmachung. Echenoz erzählt, wie die Kriegsmaschinerie Stück um Stück in Gang kommt und ganz normale Menschen wie sein arroganter Bruder Charles oder Anthimes Anglerfreunde Padioleau, Bossis und Arcenel sich einfügen. Schon in der Kleiderkammer aber zeigen sich Unterschiede. Der Vizefabrikdirektor Charles mokiert sich über seine Uniform, und so müssen Bossis und Padioleau Teile ihrer Uniform mit ihm tauschen, „während Bossis sich in der Zeit, die ihm noch zum Leben blieb, nicht mehr an diese Hose gewöhnen würde“.

Mit derart lapidaren Bemerkungen deutet Echenoz früh an, dass es nicht um einen Betriebsausflug geht. Die sechste Person im Spiel ist Blanche, die schöne Fabrikantentochter, die ihren Verlobten Charles zum Bahnhof begleitet. Anthime ist auch ihr nicht gleichgültig. Sie registriert nach Abzug der frisch rekrutierten Soldaten die Veränderungen im Städtchen. Plötzlich fehlen die Männer, nur die „Tauben, Nervösen, Plattfüßigen“ sind geblieben. In den Gasthöfen mangelt es an Kellnern.

Kriegsclip im Zeitraffer

Echenoz, 1947 in Orange geboren und seit vielen Jahren in Paris zu Hause, tuscht seine Szenen nur so hin. Statt eines enzyklopädischen Erzählens mit historisch-politischen Hintergründen genügt ihm der präzise Blick auf scheinbar nebensächliche Details: anfangs grotesk und komisch, später auch brutal. Minutiös zählt er den Inhalt eines Tornisters auf, das, was der Soldat mit sich schleppen muss, ohne auch nur an ein Gefecht zu denken. Die Tücken des modernen Luftkampfes tippt er ebenso treffsicher an wie das erste Gefecht, in das Anthimes Truppe stolpert. Unterdessen wird bei Blanche, deren Vater eine Schuhfabrik führt, eine Schwangerschaft diagnostiziert. Sie lässt ihre Beziehungen spielen, um ihren Verlobten vielleicht zu den neu gegründeten Fliegern versetzen zu lassen, weil ihr das weniger gefährlich erscheint.

Wie im Zeitraffer spult Echenoz eine Art Kriegsclip ab, die Gefahr rückt näher, das Wetter macht das Gepäck schwerer, und man bekommt eine Ahnung von dem, was den Männern bevorsteht. Mit zunehmendem Tempo und einem verstörend lapidaren Ton registriert der Autor genau, was Granatenhagel und Gas in den Schützengräben anrichten. Er schreibt elegante, lang gewundene Sätze, die Bilder von Otto Dix aus den Schützengräben vor dem geistigen Auge aufsteigen lassen, nur dass Echenoz in aller Deutlichkeit auch nach Tod riecht.

Echenoz liefert ein exemplarisches Abbild eines Krieges und seiner Folgen

Es sind solche Details, die in den Sachbüchern zum Ersten Weltkrieg eine untergeordnete Rolle spielen. Echenoz dagegen liefert das exemplarische Abbild eines Krieges und seiner Folgen, die niemand hat kommen sehen, geschweige denn verstanden hat, nicht einmal der vermeintliche Deserteur.

Foto: Hanser Berlin

„All das ist schon tausendfach beschrieben worden, vielleicht lohnt es gar nicht weiter, sich bei dieser stumpfsinnigen, stinkenden Oper aufzuhalten. Vielleicht ist es übrigens nicht einmal sehr nützlich oder treffend, den Krieg mit einer Oper zu vergleichen, schon gar nicht, wenn man kein besonderer Freund der Oper ist“, schreibt Echenoz. Das Ende des Romans überrascht den Leser, aber ein Sommergewitter ist auch irgendwann zu Ende, und das Leben geht weiter. Ein großartiger Roman, der weit über den historischen Anlass hinaus wirkt.

Jean Echenoz: 14. Roman. Aus dem Französischen von Heinrich Schmidt-Henkel. Hanser Berlin, München 2014, 125 Seiten, 14,90 €

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben