• Jedes Haus ist eine Geste Richtung Zukunft Aufbruch und Ernüchterung: Eine Anthologie versammelt Lyrik aus Südafrika

Kultur : Jedes Haus ist eine Geste Richtung Zukunft Aufbruch und Ernüchterung: Eine Anthologie versammelt Lyrik aus Südafrika

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Die literarische Landkarte des schwarzen Kontinents wäre entscheidend leerer ohne die im Heidelberger Wunderhorn Verlag herausgegebene Reihe „AfrikAWunderhorn“. Nach Einzelstimmen aus Uganda und Zimbabwe nun eine Lyrikanthologie aus Südafrika: Verse von vier Dichterinnen und vier Dichtern, geboren zwischen 1958 und 1983. Aus Charl-Pierre Naudés Gedicht „Hausrezept“ stammt der Titel: „Ankunft eines weiteren Tages“.

Besonders das Frauen-Quartett lässt aufhorchen. Kabeba Baderoon zieht in ihren nachdenklichen Versen eine vorläufige Bilanz der politischen und kulturellen Umbrüche in den vergangenen 20 Jahren. „Um mich ist die Luft schwer von Geschichte“ heißt es in ihrem szenischen „Ausblick auf Schönheit und Unrecht“. Durch Kapstadt streifend, erinnert sie an die erst vor 200 Jahren beendete Sklaverei und das Ende der Apartheid 1994. Ihr nüchternes Leitmotiv: „Sagen Sie mir, was sie sehen.“

Vom Visuellen ausgehend, konfrontiert sie die Visionen des ersten demokratischen Präsidenten Südafrikas, Nelson Mandela, mit dem, was heute ist. Die Dinge in ihrer „Ode an das Verkehrsdepartment in Hillstar“ symbolisieren eine serielle, uniforme Fabrikation von Schein-Identität. Statt freier Menschen agiert eine verdruckste Menge in der Warteschlange der Bürokratie. Die einst von der Apartheid aufgezwungene, an Hautfarbe und Herkunft gebundene Gruppenidentität ist noch keiner Selbstbestimmung der Individuen gewichen.

Baderoons Meditationen um Erinnern und Vergessen, Zärtlichkeit und Achtsamkeit, sind im Gleichnis vom einst entworfenen Haus („Die Architekten des Nachmittags“) verdichtet. Anders als in der europäischen Moderne, wo das Bild des verlorenen Hauses Unbehaustsein in Zeiten von Krieg und Vertreibung symbolisiert, hat es dieses Haus in Südafrika noch nie gegeben. Es existiert nur als Idee. Die Zeit geht über die Menschen, die es einst entwarfen, hinweg. Dennoch ist Baderoon unverzagt: „Ein Haus ist eine Geste hinein / in die Zukunft“.

Karin Schimkes Gedichte berichten von verwundeten Seelen in versehrten Körpern. „Der Wind bei Uilenkraalmond“ singt in ihren Knochen. In erotischen Gedichten wird nicht der Körper der Frau zum Objekt, sondern der Körper des Mannes. Das lyrische Ich schlüpft in die Rolle einer mörderischen Kämpferin und zerstört den Körper des eroberten „Brandschatzes“. Der Liebesakt gerät zur kannibalischen Orgie. Frau rächt sich an der Krieg führenden Männerwelt: „Du machst ein Zeughaus aus mir“. Die rauschhaft aggressive Bildlichkeit ist für Leser aus mitteleuropäischen Zonen gewöhnungsbedürftig. Auch unsere Sprache kennt Eroberungsmetaphern in Liebesangelegenheiten. Aber Schimke treibt die Bildwelt auf die Spitze. Sie setzt Schock- und Mystery- Elemente aus einer vorzeitlichen Drachenwelt ein und kombiniert sie mit Assoziationen zu neuzeitlichen Selbstmordattentaten.

„Erwähne nicht den Krieg“, fordert ein Gedicht von Philippa Yaa de Villiers. Das klingt wie ein Gegenkonzept zu Schimke, ist aber gegen den Strich zu lesen, denn es erinnert, mit Blick auf Europa, dann doch an Gaskammern und Männer mit Sturmhauben. Doch gegen Gewalt, Zerfall und Leere setzt die Autorin liebenswert einfache Personenporträts. In einer Balance von Traurigkeit und leisem Humor skizziert Villiers in unaufdringlichen Versen Alltägliches. Das ist über südafrikanische Verhältnisse hinaus gültig.

Auch die Verse von Mbali Kgosidintsi definieren das Lebensgefühl der mittleren Generation und das der Twitter- und Facebook-Generationen. Ihr „Grund, hier zu sein“ ist politisch, wenn sie den Kampfgeist der Aufstände von 1976 beschwört. Dennoch wirken Kgosidintsis Verse kontemplativ. Im Gegensatz dazu bauen Vonani Bila und der Rapper Kgafela oa Magogodi auf Schockwirkung. Angriffslustig lässt Bila die abgewrackten Rassisten des einstigen Apartheid-Kommandos im Park herumlungern. Vehement geißelt er repressive Lebensumstände, die die schwarze Bevölkerung zu Prostitution und Vermarktung von Folkloretänzen zwingen.

Kgafela oa Magogodis Spoken- Word-Texte kommen weniger aus der Verbitterung als vielmehr aus der locker dargebotenen Souveränität eines neuen Selbstbewusstseins. Als Sprecher eines jugendlichen Wir tritt der Rapper gegen den „krieg der machtbesessenen“ an. Von ferne erinnern manche seiner umgangssprachlichen Experimente, besonders die Lieder „mikrofone“ und „zimphonischer dub“, fast an Jakob van Hoddis’ „Weltende“. Seine spöttischen Attacken auf die etablierte Klasse kündigen das Ende der alten Welt an.

Seine teils gereimten Geschichten vereinen Gesellschaftsanalyse, Märchen- und Comic-Elemente – eine Mixtur, die sowohl in der englischen Fassung als auch in der deutschen Übersetzung Sprachkraft besitzt. Wer Setswana beherrscht, eine der elf Nationalsprachen Südafrikas, kann sogar drei Fassungen vergleichen. Von anderen Autoren sind auch Proben in Afrikaans zu lesen.

Mit seinen schnellen Schnitten, Überblendungen und der Artikulation des Lebensgefühls einer kulturellen Gruppe, an die sich Kgafela oa Magogodi direkt wendet und von der er Echos empfängt, ist der Südafrikaner nicht weit von der europäischen und deutschen Spoken-Word-Szene entfernt. Die Ähnlichkeiten zu den Performances von Nora Gomringer oder Bas Böttcher sind auffällig. Man höre in die dem Buch beigegebene CD hinein und staune. Die Performance-Poeten sind es, die mit ihren Stimmen und Gesten die kontinentalen Grenzen längst aufgehoben haben. Dorothea von Törne

Indra Wussow (Hrsg.): Ankunft eines weiteren Tages.

Zeitgenössische Lyrik aus Südafrika.

Englisch-Deutsch.

Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2013. 157 Seiten, 19,80 €.

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